25 Jahre Einmischen im Brunnenviertel

Seit 25 Jahren engagieren sich Nachbarn im Brunnenviertel e.V., um etwas gegen Missstände im Kiez zu tun. Ein Rückblick auf ein Vierteljahrhundert Wandel – von Verein und Stadtteil. Über große Ziele, hohe Erwartungen, zeitintensives Engagement – und anhaltendes Einmischen.

Beisammensein vor dem Freizeiteck (2019). Foto: Brunnenviertel e.V.
Beisammensein vor dem Freizeiteck (2019). Foto: Brunnenviertel e.V.

Ein Jubiläum ist ein Jahrestag, der durch 25 teilbar ist. Somit hat der Brunnenviertel e.V. mit seinem 25-jährigen Bestehen sein erstes Jubiläum erreicht. Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Gefeiert wird – und zwar am 22. November im Olof-Palme-Stadtteilzentrum. Der Verein lädt schon jetzt alle Nachbarn ein, sich diesen Abend im Kalender zu freizuhalten.

Es ist keine Neuigkeit, dass der Brunnenviertel e.V. von Anfang an ein Stadtteilverein war. Das heißt: Er wurde gegründet, um Entwicklungen im Stadtteil nicht kommentarlos hinzunehmen. Weniger diplomatisch formuliert: Die Anwohner waren im Jahr 2000 frustriert und wollten die Negativspirale im Viertel nicht länger hinnehmen. „Drohende Verslummung“ und das „Gebiet drohte zu kippen“. Das sind die Worte, mit denen der im März 2000 gegründete Verein den Kiez beschrieb. Er zählte auf: „Drogenmissbrauch und -handel, Wohnungsleerstand, zunehmende Müllprobleme“. Mit dem Verein wollten die genervten Nachbarn „die vielen Vorschläge zur Verbesserung des Wohnumfeldes besser koordinieren“ und durch den Zusammenschluss „besser den Behörden gegenüber auftreten“. Einmischen, das war von Anfang die Devise.

Vorständin Karin Flügel bei der Eimerkette (2001). Foto: Brunnenviertel e.V.
Vorständin Karin Flügel bei der Eimerkette (2001). Foto: Brunnenviertel e.V.

Engagierter junger Verein

Zur Gründungsversammlung luden übrigens nicht engagierte Anwohner ein, sondern eine Gebietsmanagerin, die rein beruflich mit dem Stadtteil zu tun hatte. Hella Weingart hieß die Mutter des Vereins. Für die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft degewo sollte sie das Quartier beleben und kam auf die Idee, einen Stadtteilverein ins Leben zu rufen. Ihren Job als Gebietsmanagerin verstand Hella Weingart so: etwas mit den Menschen vor Ort für die Menschen vor Ort tun. Gründungsmitglieder bestätigen: Hella Weingart war Herz und Seele. In einer Person. Die am Büroschreibtisch geborene Idee erwies sich in der Praxis als ein Brunnen in der Wüste – der Verein wurde sehr gebraucht.

In den Anfangsjahren war der junge Verein sehr tatkräftig. Der Brunnenviertel e.V. hatte sich dabei große Ziele gesetzt und hatte hohe Erwartungen in die eigene Kraft. Jugendarbeit, Kiezfeste, eine Eimerketten-Demo für den Erhalt des Sommerbades – die Liste der damaligen Einmischungen ist lang. Manches war von zu hohen Erwartungen getragen, wie beispielsweise der jahrelange Kampf gegen den Bau der Straßenbahn M10 auf der Bernauer Straße. Vielleicht denkt mancher Leser heute: Zum Glück haben die sich damals nicht durchgesetzt. Viele Jahre, damit viel ehrenamtliche Zeit, hat dieses Ringen gleichwohl gekostet. So viel wie auch der verlorene Kampf um eine sinnvolle Nutzung des seit 2011 leerstehenden Diesterweg-Gymnasiums, das der Bezirk seit Kurzem hinter einem Bauzaun versteckt.

Infoveranstaltung zur Schule im Supermarkt, 2015. Foto: Hensel
Infoveranstaltung zum Standort des Diesterweg-Gymnasiums in der Putbusser Straße im Supermarkt, 2015. Organisiert hatte das Gespräch der Stadtteilverein. Foto: Hensel

Ergebnisse und neue Ziele

In drei Phasen lässt sich die Vereinsgeschichte einteilen. Am Anfang lagen die stadtpolitischen Ziele des Vereins zum Beispiel in der Jugendarbeit. Er stellte Streetworker ein, eröffnete 2002 in der Graunstraße den Jugendberatungsladen, das spätere Freizeiteck. Das war die erste, die euphorische Etappe. Dann folgte eine Zeit, aus der wenige Unterlagen, Fotos und Belege für Aktivitäten überliefert sind. Viele der handelnden Personen zogen sich seinerzeit zurück, wie das Vereinsregister bezeugt. Vielleicht war das eine Art Erholungsphase nach dem Sturm und Drang? Ungefähr ab dem Jahr 2010 wechselte der Verein seinen Schwerpunkt auf Nachbarschaftsarbeit und erhielt vom Quartiersmanagement entsprechende Fördergelder. Damit begann die dritte Phase. In dieser fing der Verein außerdem an, sich fürs Stadtgrün einzusetzen.

die Gleim-Oase
Gehegt und gepflegt von den Vereinspaten: die Gleim-Oase. Foto: Michael Becker

Zu den Erfolgen nach 25 Jahren Einmischens zählen am Ende eher kleine Ergebnisse – die großen Siege blieben aus. So ist das Brunnenviertel aufgrund von Mietsteigerungen der Verslummung entkommen, nicht durch Aktionen des Vereins. Aber: Der Verein hat beispielsweise dank Finanzierung durch das Quartiersmanagement Angebote ins Leben gerufen, mit denen er die Nachbarschaft zusammenbrachte. Er hat das Stadtgrün im Kiez zu einem Schwerpunkt gemacht und es unter dem Stichwort Brunnengärten und Brunnenviertel-Gartenschau zum Vereinsziel definiert. Nicht zu vergessen: Der Verein hat weit über ein Jahrzehnt lang den Service einer Rentenberatung beherbergt.

Und die Zukunft? 25 Jahre sind eine lange Zeit, wie das zurückliegende Vierteljahrhundert zeigt. Niemand kann heute sagen, was der Vereins-Chronist zum zweiten Jubiläum (dem 50. Jahrestag) notieren wird. Aber eines ist sicher: Eingemischt wird sich weiter.

Die Geburtstagsfeier

Der Brunnenviertel e.V. feiert seinen 25. Geburtstag am Samstag, den 22. November. Die Feier beginnt um 19 Uhr im Olof-Palme-Stadtteilzentrum in der Demminer Straße 28. Wer mitfeiern möchte, ist eingeladen.

Transparenzhinweis: Autor Andrei Schnell ist Vorstand im Brunnenviertel e.V.

Dieser Text wurde von einem Menschen geschrieben.

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