Vor 80 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Doch während die deutschen Truppen in Berlin bereits am 2. Mai kapituliert hatten, wurde am Gesundbrunnen weitergekämpft. Erst am 3. Mai um 12 Uhr wurde schließlich der Flakturm im Humboldthain übergeben und der Krieg endete auch hier. Mit einer berührenden Veranstaltung hat der Verein Berliner Unterwelten zusammen mit der Evangelischen Kirchengemeinde am Gesundbrunnen am 4. Mai der letzten Tage des Zweiten Weltkrieges und dem Kriegsende im Stadtteil gedacht.

Etwa 70 Personen haben sich am 4. Mai am archäologischen Fenster am Volkspark Humboldthain versammelt. Der Ort war gut gewählt, stand hier doch die alte Himmelfahrtkirche. Auch dieses Bauwerk wurde in den letzten Kriegstagen stark beschädigt. Die deutsche Armee hatte den Kirchturm weggeschossen, um ein besseres Schussfeld zu haben. Heute erinnert nur noch das archäologische Fenster an das Gebäude.
Viele Tote, zerstörte Gebäude und Kunstwerke
Dietmar Arnold und Claudia Mehlisch vom Berliner Unterwelten e.V. sowie Gerhard Ballewski von der Kirchengemeinde erinnerten an die Geschehnisse der letzten Kriegstage am Humboldthain. „Der Gesundbrunnen wurde in den letzten Kriegstagen regelrecht zusammengebombt. Der Flakturm war im Fokus“, sagte Dietmar Arnold. Claudia Mehlisch erinnerte daran, dass neben den vielen getöteten Menschen auch Bauwerke und Kunstwerke dem Krieg zum Opfer gefallen sind. So sei zum Beispiel auch der weiße Stier vom Humboldthain, eine Statue aus weißem Marmor, erst in diesen letzten Tagen beschädigt worden. Heute sind die Teile des zerstörten Kunstwerks dank der Berliner Unterwelten wieder zu sehen – im 2015 errichteten archäologischen Fenster am Humboldthain.


Gemeinsam gedachten die 70 Teilnehmenden der Opfer von Krieg und Gewalt. Dabei wurden auch die Opfer heutiger Konflikte, von Terrorismus und politischer Verfolgung eingeschlossen.
Gedenken in der Himmelfahrtkirche
Das Gedenken wurde später in der neuen Himmelfahrtkirche fortgesetzt. Diese Kirche ist 1956 als Ersatz für die alte Himmelfahrtkirche in modernem Stil von Otto Bartning an der Gustav-Meyer-Allee errichtet worden. Beim Gedenkgottesdienst erinnerte Pfarrer Thomas Jeutner an den ermutigenden Anlass der Zusammenkunft: „Ein Ruf aus der Vergangenheit hat uns heute hierher geführt. Und was gibt es besseres, als daran zu erinnern, dass ein Krieg zuende gegangen ist“. Er mahnt auch, stets Wege der Versöhnung zu suchen und zu finden. Schmerzhaft sei jedoch, dass auch jetzt Krieg wütet, so Jeutner.

Die abwechslungsreiche Gedenkstunde in der Kirche beinhaltete auch ein kurzes Gespräch mit einem Zeitzeugen. Bernd Broede war zu Kriegsende sechs Jahre alt. Er erlebte die Tage in einem Keller im Soldiner Kiez. Er schilderte die Schrecken zu Kriegsende, die Mühen des Wiederaufbaus und auch, wie er als Kind in den Kriegstrümmern im Humboldthain gespielt hat. Wichtig war ihm sein Appell an die Nachgeborenen: „Ich möchte nicht, dass Kinder in meinem Alter damals, fünf oder sechs Jahre, auch einen Weltkrieg erleben müssen wegen der Russen oder wegen irgendwelchen anderen Leuten“.

Appell: Heute Menschlichkeit verteidigen
In einem Grußwort sagte Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger (Grüne): „Die dramatischen Ereignisse der letzten Kriegstage, das Leid der Zivilgesellschaft… 80 Jahre später fragen wir uns, wie das alles geschehen konnte.“ Es sei auch eine politische Aufgabe, zu verstehen, was damals geschehen ist. Sie mahnte zu Mut und Empathie: „Wir müssen freilegen, was verschüttet ist, und Menschlichkeit verteidigen, wo sie unter Druck gerät.“
Es wurde gemeinsam gesungen, es wurde gepredigt, eine Schweigeminute gehalten und gebetet. Veronika Otto trug im Rahmen des Gottesdienstes unter anderem „Die Bitten der Kinder“ von Bertolt Brecht vor. Es waren ergreifende Worte, die mit viel Gefühl mit dem Cello begleitet wurden.
Die Häuser sollen nicht brennen,
Bomber soll man nicht kennen.
Die Nacht soll für den Schlaf sein.
Das Leben soll keine Straf sein.
Die Mütter sollen nicht weinen.
Keiner soll müssen töten einen.
Alle sollen was bauen.
Da kann man allen trauen.
Die Jungen sollen’s erreichen.
Die Alten desgleichen.“
Bertolt Brecht
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Im Beitrag Bis zur letzten Patrone hat unser Autor Alexander Dowe die historischen Fakten zu den letzten Kriegstagen am Humboldthain zusammengetragen. Im Artikel Der weiße Stier ist wieder da! geht es um die Marmorstatue aus dem Volkspark. Diese wurde im Krieg beschädigt, war lange verschollen und wurde dank der Berliner Unterwelten wiedergefunden. Auslöser für die Suche nach der Statue war übrigens ein Beitrag im Brunnenmagazin (Die verschwundene Skulptur vom Humboldthain, Der sensationelle Fund des weißen Stiers).

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