Eile oder Weile? Auf der einen Seite wollen Schule und Berliner Senat so schnell wie möglich das AbiBac im Wedding, das deutsch-französische Abitur, für das Diesterweg-Gymnasium. Auf der anderen Seite will der Senat, dass alle sprachbegabten Kinder die Chance aufs Doppelabitur haben. Hier ist ein Seilziehen im Gange, das nur auf den ersten Blick wie ein Tauziehen wirkt.

Podiumsdiskussion mit klarer Stoßrichtung
Der Verein Français du Monde (ADFE) hatte am 10. Januar zu einer Podiumsdiskussion zum AbiBac, zum Abitur-Baccalauréat (deutsch-französische Hochschulreife), geladen. Angestrebt war offenbar weniger eine Diskussion um das Für und Wider des Doppelabschlusses als vielmehr eine Werbeveranstaltung. Eltern sollten überzeugt werden, dass ihre Kinder das Abitur auf Französisch ablegen.
Doch es zeigte sich, dass nur wenige der in der randvoll gefüllten Aula des Diesterweg-Gymnasiums von den Vorteilen des AbiBac überzeugt werden mussten. Unter ihnen herrschte eher Ungeduld, die sich in der Frage ausdrückte: Wann wird das Diesterweg in der Böttgerstraße das AbiBac anbieten?
Der Antrag liegt vor – doch es hakt
Offenbar wird das nicht morgen geschehen. Zwar habe die Schule vor drei Jahren einen entsprechenden Antrag eingereicht, sagte Babette Möller. Die Lehrerin am Rückert-Gymnasium koordiniert für die Senatsverwaltung das AbiBac in Berlin.

„Der Senat blockiert nicht“, sagt sie; doch der eingereichte Antrag auf Akkreditierung sei nicht vollumfänglich ausreichend. Diese Aussage führte umgehend zur Nachfrage, ob sie als Expertin, die für das AbiBac brenne, nicht sagen könne, was fehle. Die Nachfrage wurde von den Anwesenden mit deutlichem Applaus bekräftigt.
„Es wäre günstig, wenn sie sich mit anderen AbiBac-Schulen verlinken würden“, antwortete Babette Möller. Schon vor drei Jahren habe sie den Antragstellern Hinweise gegeben. Und dass das Verfahren Zeit brauche, sei damit zu erklären, dass das AbiBac nicht einfach nur ein Sprachzertifikat sei, sondern ein Gütesiegel. Garantiert sein müsse der gleiche Standard wie beim Baccalauréat (Abitur) in Frankreich. Da kämen zahlreiche Gremien bis hinauf zur Kultusministerkonferenz ins Spiel.
Gleichberechtigte Förderung als Knackpunkt
Dann kam sie zum Kern dessen, weshalb bislang noch keine Zusage für das AbiBac vorliegt. Babette Möller umschrieb das mit „gleichberechtigter Förderung“.
Sie erklärte, es gäbe am Diesterweg-Gymnasium jene Kinder, die in der 5. Klasse, und jene, die in der 7. Klasse einsteigen. Letztere entstammten häufig frankophonen Familien, was dazu führen könne, dass Schüler ohne zweisprachiges Elternhaus – die eher in der 5. Klasse ins Diesterweg-Gymnasium kämen – vor dem AbiBac zurückschrecken könnten.
Sprachliche Realität im Wedding
Im Wedding mutet dieser Hinweis sonderbar an, da hier sehr viele Schüler zweisprachig (meist Deutsch-Türkisch) aufwachsen, ohne dass sie in den Verdacht geraten, irgendwie andere Schüler zu überflügeln.
Aber trotz jahrzehntelanger Diskussion um Bildungsgerechtigkeit gibt es in Berlin nach wie vor keine Schule, bei der Türkisch oder Arabisch eine mögliche Fremdsprache für bilingualen Unterricht (bestimmte Fächer in der einen und andere Fächer in der anderen Sprache) wäre. Im Wedding und Gesundbrunnen bietet die Ernst-Reuter-Schule Türkisch als Fremdsprache an – aber nicht als Abitur-Leistungskurs.

Dazu müssten Eltern ihre Kinder nach Neukölln zur Otto-Hahn-Schule schicken oder zum Robert-Koch-Gymnasium in Kreuzberg. Setzt man frankophone und türkischsprachige Familien ins Verhältnis, ist das Angebot für letztere mau. Denn für frankophone Familien gibt es ungleich mehr Schulen, in denen Französisch als Leistungskurs gewählt werden kann. Und an fünf Schulen (davon eine nicht-staatlich) wird sogar das Doppelabitur angeboten. An ein AbiLise, die Doppelpackung aus Abitur und türkischem Lise, ist erst gar nicht zu denken.
Seilziehen, aber kein Tauziehen
Doch zurück zum Wunsch nach einem AbiBac am Diesterweg-Gymnasium in der Böttgerstraße. Die Schule ist bereits jetzt bilingual. Das heißt, einige Fächer werden bereits jetzt auf Französisch unterrichtet. Parallel zum Wunsch nach dem AbiBac will das Diesterweg-Gymnasium auch Europaschule werden (siehe Beitrag Diesterweg-Gymnasium: Eltern wollen Europaschule).
Das Zerren am Seil wirkte am 10. Januar nicht wie ein Tauziehen, bei dem die Beteiligten in verschiedene Richtungen ziehen. Eigentlich wollen beide Seiten in dieselbe Himmelsrichtung. Nur, um es bildlich auszudrücken, wollte die einen in Richtung Nordost und die anderen nach Nordwest.
Schulleiter Volker Lehmann fand so zum Abschluss der Podiumsdiskussion (bei der er Zuhörer, nicht Redner war) versöhnliche Worte. Die Schule werde weiter daran arbeiten, alle Anforderungen des Senats zu erfüllen.

Was ist das AbiBac?
Nachtrag: Das AbiBac ist Abitur und Baccalauréat in einem. Die Schüler müssen eine gewisse Begabung zur Zweisprachigkeit mitbringen, denn die Prüfungen müssen teilweise auf Französisch geschrieben werden. Das heißt, in einigen Fächern werden in stundenlangen Klausuren mehrseitige Aufsätze auf Französisch erwartet – ganz wie beim deutschen Abitur.
Ein Vorteil: Inhaber des AbiBac können ohne Sprachprüfungen sofort im Nachbarland an jeder Hochschule studieren. Außerdem haben sie nicht nur die Sprache, sondern auch die Kultur Frankreichs kennengelernt. Betont wurde auf dem Podium zudem, dass in der Regel ein Netzwerk entsteht, von dem die Absolventen im Berufsleben profitieren.
Mehr Informationen zum AbiBac Wedding
Informationen zum AbiBac in Berlin gibt es in einem Newsletterbeitrag der Senatsverwaltung für Berlin. Von der Startseite des Diesterweg-Gymnasiums geht es direkt zu den Informationen zum bilingualen Zweig und zum Schulwechsel ab Klasse 5.
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