Was, wenn du der Reptiloid bist?

„Was schreibt der Kafka denn so?“, fragt der Jugendliche am Frühstückstisch in dem Ton, der den neu in die Welt eintretenden Menschen eigen ist und heißen soll: Wer würdig ist, von mir wahrgenommen zu werden, entscheide ja wohl immer noch ich. Dass Kafka ein Jahrhundert nach seinem Tod weiterhin reizvoll ist, hat das Atze Musiktheater bewiesen. Am Freitag (18.10) war die Premiere des Lesekonzerts „Die Verwandlung“. Geeignet für halb Erwachsene, junge Erwachsene und erwachsene Erwachsene.

Frederic Böhle liest Franz Kafka - er sitzt dabei im Zuschauerraum, das Publikum auf der Bühne. Foto: Hensel
Frederic Böhle liest Franz Kafka – er sitzt und steht dabei im Zuschauerraum. Foto: Hensel

Wie einen „bizarren“ Text auf die Bühne bringen?

Frederic Böhle liest Franz Kafka. Foto: Alexander Huber
Frederic Böhle liest Franz Kafka. Foto: Alexander Huber

„Dass da einer vorgelesen hat, war eine geniale Idee, für den bizarren Text, den man als Theaterstück ja nicht hätte aufführen können“, kommentiert der Jugendliche vom Frühstückstisch nach der Aufführung. Um die Worte verständlich zu machen, braucht es derer ein paar mehr. Also: Frederic Böhle liest den Text nicht vor. Auch wenn er weite Teile des Originaltextes über Gregor Samsas Verwandlung und über die daraus folgende Verwandlung der Familienbeziehung vorträgt. Der 1988 in München geborene Frederic Böhle ist Hörspielsprecher, spielte vier Jahre lang eine Hauptrolle in der Telenovela „Rote Rosen“ und tourt gerade mit dem Projekt Opera re:told. (In diesen Shows werden Opern nicht gesungen, sondern aus der Perspektive einer einzelnen Figur erzählt.) Frederic Böhle leistet in „Die Verwandlung“ deutlich mehr als vom Papier vorzulesen. Er bietet Schauspiel und Bewegung, bei dem er – ja – auch Blätter in den Händen hält.

In der Familienbesprechung nach der Premiere sage ich: „Wenn die Welt Kopf steht, dann muss sich auch die Kunst auf den Kopf stellen.“ Deshalb hat das Atze Musiktheater für „Die Verwandlung“ Parkett und Podium getauscht. Die Zuschauer sitzen die meiste Zeit auf der Bühne, Schauspieler Frederic Böhle agiert allein in den Stuhlreihen des großen Theatersaals. Das fünfköpfige Musikensemble spielt im Rücken der Theaterbesucher, ist auf diese Weise hörbar präsent, aber ist sichtbar nur für den, der sich wie Gregor Samsa um eine Drehung seines Körpers bemüht.

Musik und Text wirken zusammen

Richtig: Die Musik! Das Faltblatt zur Aufführung nennt das Stück eine musikalische Erzählung. Tatsächlich gehen in dem Stück Musik und Text eine gleichrangige Verbindung ein, sodass es falsch wäre zu sagen, die Musik unterstützt den Text. Oder gar umgekehrt: Der Text würde Hilfe für die Musik sein. Sinem Altan, die musikalische Leiterin bei „Die Verwandlung“, strebt laut Faltblatt „neue Performance-Formen zwischen Konzert und Theater“ an. Für den Gregor Samsa-Abend hat sie eigens eine Musik komponiert, die unvertraut klingt. So wie der Chor in der griechischen Tragödie am Schauspiel teilnimmt, antworten Gesang und Instrumente auf den Text. Das Zusammenwirken von Musik und Literatur in „Die Verwandlung“ ist gelungen.

Sinem Altan ist 1985 in Ankara geboren und hat an der Hochschule für Musik Hanns Eisler studiert. Mit „Drei Präludien zum Ausflippen“ gewann sie im Jahr 2000 den Wettbewerb Jugend komponiert. Sie ist musikalische und zusammen mit Matthias Schönfeldt und Thomas Sutter künstlerische Leiterin des Atze Musiktheaters.

Und weil „Die Verwandlung“ zwischen Musikabend und Theaterabend steht, ist es auch folgerichtig, dass kein Regisseur genannt wird. Denn eine Regie hätte zu einem Theaterstück geführt. Die Atze-Inszenierung ist als Mischform von Text und Musik eine Ensembleleistung verschiedener Künste. Die reichen von Kostüm, Licht, Bühnenbild bis hin zur Wechselwirkung von Musik und schauspielender Rede.

Warum soll man sich „Die Verwandlung“ in der Luxemburger Straße anschauen? Auch wenn man kein Kafka-Jünger ist, ist es ein Erlebnis, einen der berühmtesten literarischen Texte gefühlt Wort für Wort zu hören. Anders als in Filmen und Theaterstücken üblich, verzichtet die Inszenierung im Atze auf Schwerpunktsetzung und Neuinterpretation. Es geht um die Worte Kafkas, der immerhin Mitglied im deutschsprachigen Jahrhundertliteratur-Olymp ist. Im Mittelpunkt des Abends steht die Wortauslese, die einen Bund mit der Musik eingeht.

Ungeziefer Gregor Samsa heute

Ist Kafka noch aktuell? Rein aus der Logik des Kulturbetriebes heraus liegt es im Kafkajahr nahe – 2024 ist das einhunderste Todesjahr -, einen Text des Prager Dichters auf die Bühne zu holen. Apropos Kafkajahr. Für Ältere war vielleicht das Jahr 1995 das Kafkajahr, weil am 31.12.1994 die Urheberrechte ausliefen und kurz darauf eine Kafka-Welle mit neuen maßgeblichen Ausgaben für die Wissenschaft und neuen preiswerten Ausgaben für die Leserschaft durch die Buchläden rollte. Ich, um eine persönliche Bemerkung einzustreuen, habe vor 30 Jahren Kafka gelesen mit Fragen, die damals in meinem Kopf herumschwirrten: Wer will ich sein? Was ist edle Selbstverwirklichung, was schnöder Egoismus? Wie verhalten sich Einsamkeit und Anpassung? 30 Jahre vor mir waren junge Kafka-Leser fasziniert von der Psychoanalyse und haben „Die Verwandlung“ auf seine Tiefgründigkeit in diesem Feld abgeklopft. Und was viele Jahrzehnte davor Kafkas Freund Max Brod am Ungeziefer Gregor Samsa spannend fand, das wissen wir nicht. Aber sicher ist, es werden wieder andere Fragen gewesen sein.

Aber zurück ins Heute. Dem Jugendlichen vom Frühstückstisch, der mich nach dem Atze-Besuch gnädigerweise auf dem Heimweg begleitet, fällt auf, dass Gregor Samsa sich gar nicht mit Vater, Mutter, Schwester, Prokurist und den drei Bartherren unterhält. Doch dafür ziemlich genau zu wissen meint, was die so denken. Und dass das ja heute auch so ist, dass einige Menschen ganz genau wissen, dass Karl Lauterbach ein Reptiloid sei. Und ich spinne den Gedanken weiter. Es falle tatsächlich auf, sage ich, dass es in den Jedermannsmedien wie Facebook Gewohnheit geworden ist, alle andere abzuwerten, bloß sich selbst dabei auszunehmen. Die Reptiloiden, das Ungeziefer, das sind immer irgendwelche anderen, aber niemals man selbst. Die heutige Provokation „Der Verwandlung“ liegt vielleicht darin, dass Gregor Samsa, die Ich-Figur im Text, das Ungeziefer ist. (Und nicht etwa der Vater, Kafka-Fans würden sagen: der berüchtigte Vater.) Was würde eigentlich passieren, wenn man die Erkenntnis postet: Ich bin der Reptiloid?

Der Sprecher Frederic Böhle und das Musik-Ensemble verbeugen sich vor dem Publikum. Foto: Hensel
Der Sprecher Frederic Böhle und das Musik-Ensemble verbeugen sich vor dem Publikum. Foto: Hensel

Aufführungen im Atze Musiktheater

„Atze ist Deutschlands größtes Musiktheater für Kinder im Grundschulalter“, heißt es auf der Webseite des Hauses. Doch seit einiger Zeit inszeniert das Theater auch Stücke für Große. Zuletzt war das der „Hauptmann von Köpenick“ in einer Fassung jenseits von Posse und Schwank. Die zusätzliche Zielgruppe fühlt sich offenbar angesprochen, denn bei der Premiere von „Die Verwandlung“ kamen am Freitag viele Damen und Herren und wenige Jugendliche, alle 97 verfügbaren Plätze waren vergeben. Für das Stück gibt das Atze Musiktheater die Altersempfehlung ab 14 Jahren. Doch entscheidender als das Alter dürfte die Bereitschaft sein, auch „bizarre“ Texte auf sich wirken zu lassen. Und diese Bereitschaft ist bekanntlich nicht altersgebunden.

Nach der Premiere am Freitag folgt heute (Sonntag) die dritte Aufführung. Danach gibt es sechs Aufführungen im Januar und eine im Februar. Beginn ist jeweils pünktlich um 19.30 Uhr, Einlass früher. Das Einzelticket kostet 11,50 Euro, Rabatte gibt es ab drei Personen, außerdem reduzierte Tickets für Schulen, Kitas und Einrichtungen. Ticket gibt es unter anderem online über den Spielplan des Atze.

Plakat für "Die Verwandlung". Foto: Hensel
Plakat für „Die Verwandlung“. Foto: Hensel
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