Das Ballhaus Wedding ist ein Ort, den man nicht erwartet – und den ich deshalb gern weiterempfehle. In der neuen Spielzeit gibt es dort wieder Theater, Konzerte, Cabaret, Tanzabende und richtige Bälle. Ein persönlicher Blick auf einen besonderen Kulturort im Soldiner Kiez und meine Auswahl aus dem neuen Programm.

Ein Ort, den man nicht erwartet
Vor zwei Tagen, in einem Bus am Moritzplatz: Ich steige ein, setze mich neben eine fremde Frau – und zehn Haltestellen später sind wir beim Ballhaus Wedding.
Erst sprechen wir über Berlin, dann über Kultur. Meine Sitznachbarin arbeitet bei einer staatlichen Stelle und beschäftigt sich mit der Unterstützung von Kulturschaffenden. Sie kennt das Silent Green, wo sie bereits Veranstaltungen organisiert hat. Wir sprechen darüber, wie wichtig solche Orte gerade in Zeiten von Kulturkürzungen sind. Ich erzähle vom Silent Green als einer Art Arche für die Berliner Kulturszene, die unterschiedlichen Projekten Raum bietet. Auch das Kino Arsenal ist dort inzwischen zu Hause, nachdem es seinen Standort am Potsdamer Platz verlassen musste.
Wir sind uns schnell einig: guter Ort.
„Kennen Sie auch das Ballhaus Wedding?“, frage ich.
Sie kennt es nicht.
Also erzähle ich ihr davon. Vom besonderen Flair mit Kandelabern und Chaiselongues, kleinen Salons und dem großen Tanzsaal. Und von den vielen unterschiedlichen Veranstaltungen. Davon, dass man das Ballhaus auch für eigene Veranstaltungen mieten kann. Und vor allem davon, dass dieser Ort so unerwartet ist. Man denkt einfach nicht, dass es ihn gibt: in einer kleinen Straße im Soldiner Kiez, nicht weit von der Osloer Straße und dem S-Bahnhof Bornholmer Straße.
Babylon Berlin – aber zum echten Tanzen
Dabei ist das Ballhaus längst kein Geheimtipp mehr. Seit Anfang 2022 haben dort mehr als 600 kulturelle Veranstaltungen stattgefunden. Und trotzdem treffe ich immer wieder Menschen, so wie im Bus in Kreuzberg, die den Ort noch nicht kennen.
Vielleicht ist es die besondere Atmosphäre: Man betritt das Ballhaus – und fühlt sich für einen Moment in einer anderen Zeit. „Die neuen wilden 20er Jahre beginnen genau jetzt und hier, im Ballhaus Wedding“, wirbt das Haus. Gerade werden neue Folgen von „Babylon Berlin“ veröffentlicht. Dort werden die 1920er Jahre aufwendig inszeniert. Im Ballhaus Wedding ist das Flair heute noch greifbar. Und es wird wirklich getanzt – genau deshalb kommt mir der Vergleich mit der „Moka Efti“-Bar in der Serie in den Sinn.
Standard und Latein stehen auf dem Programm, ebenso Tanztee, Bachata, Discofox, Tango und vieles mehr. Besonders schön finde ich, dass hier nicht nur einzelne Tanzabende stattfinden, sondern auch große Bälle gefeiert werden. Ende Oktober steht der Herbstball Standard Latein an, an Silvester folgt der Silvesterball und im Frühling gibt es dann wieder ein Fest. Große Säle, Musik und Tanz – viel näher kann man dem Versprechen von den neuen wilden 20er Jahren kaum kommen.

Theater, Tanz und Menschen, die den Ort leben
Ich selbst mag besonders Theatersport im Ballhaus Wedding. Improvisationstheater gehört zu meinen persönlichen Favoriten, und ich habe dort bereits einen solchen Abend erlebt. Das Publikum sitzt nah an der Bühne, gibt Begriffe und Ideen vor und entscheidet mit, wie sich der Abend entwickelt. Nichts ist ganz vorhersehbar. Genau diese Mischung hat mir dort besonders gut gefallen.
Und dann sind da noch Robert Bittner und Djamila Rempel. Er ist Schauspieler, sie Tänzerin. Die beiden betreiben das Ballhaus nicht einfach als irgendein Kulturprojekt. Man begegnet ihnen dort selbst. Robert trägt gelegentlich Texte vor, Djamila legt bei einer Milonga auch schon einmal selbst als DJane auf. Man merkt, dass sie diesen Ort nicht nur organisieren, sondern selbst mit ihm und in ihm Kultur machen.

Jetzt beginnt die neue Spielzeit. Im Februar wird das Ballhaus fünf Jahre alt. Bis dahin ist der Kalender wieder gut gefüllt – und ich habe mir ein paar Termine herausgesucht, auf die ich besonders neugierig bin.
Meine Auswahl zum Start der neuen Spielzeit
- 23. September, 19.30 Uhr: Theatersport Berlin – die Ballhaus Show
Improvisationstheater gehört zu meinen persönlichen Favoriten – und im Ballhaus funktioniert dieses Format besonders gut. Das Publikum sitzt nah am Geschehen und kann den Verlauf des Abends mitbestimmen. - 1. Oktober, 19.30 Uhr: „Legenden“ – Vilma Remezaite singt Barbra Streisand
Zum Auftakt der neuen Konzertreihe „Legenden“ steht eine große Stimme im Mittelpunkt. - 10. Oktober, 21 Uhr: Soirée Sensuelles
Die kleine Schwester der „Bohème Sauvage“ passt für mich besonders gut zum Flair des Ballhauses: ein Abend zwischen Tanz, Musik und dem Gefühl, für ein paar Stunden in eine andere Zeit zu wechseln. - 15. Oktober, 19.30 Uhr: Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin – Alpenländische Musik
Dass auch ein großes Berliner Sinfonieorchester im Ballhaus gastiert, zeigt ganz gut, wie breit das Programm inzwischen ist. Ich mag gerade diesen Kontrast: Das Ballhaus kann wilder Tanzabend sein, aber eben auch Konzertsaal für ein großes Orchester. - 30. Oktober, 20 Uhr: Herbstball Standard Latein
Wer das Ballhaus als Ballhaus erleben möchte, sollte einen solchen Abend nicht verpassen. Es wird nicht nur über die wilden 20er gesprochen – hier wird tatsächlich getanzt. - 31. Dezember, 20.30 Uhr: Silvesterball im Stil der 1920er Jahre
Gerade ein solcher Abend passt für mich zu diesem Ort. Große Säle, Musik, Tanz und das Flair der 20er Jahre – näher an dem Versprechen von den „neuen wilden 20er Jahren“ kann man kaum kommen.
Wenn mich also wieder jemand nach einem besonderen Kulturort in Berlin fragt, werde ich vermutlich wieder zwei Namen nennen: das Silent Green Kulturquartier und das Ballhaus Wedding.
Und vielleicht kennt meine Sitznachbarin aus dem Bus das Ballhaus inzwischen auch.
Ballhaus Wedding
Wriezener Straße 6
Web: www.ballhauswedding.de
***
Einen guten Eindruck von den Räumen und der Atmosphäre vermittelt auch das neue Video des Ballhauses:

Kommentar verfassen