So sehr heute die Gebäude der Gründerzeit unserem Auge schmeicheln, so waren sie um die Jahrhundertwende in den Arbeiterbezirken doch ein Ort des Elends, der Not und der Gewalt. Dort wuchsen Kinder in einfachsten und ärmsten Verhältnissen auf. Über die Geschichte der Volksküche in der Stralsunder Straße im Brunnenviertel, der ersten Volksküche für Kinder in Berlin.
Oftmals waren die Wohnungen kaum mehr als das sprichwörtliche „Dach über den Kopf“. Für Essen und Kleidung reichte das schwer verdiente und schnell ausgegebene Geld nicht.

Eine kostenlose, warme Mahlzeit
Das Ehepaar Johanna und Hermann Abraham wollte diese Zustände ändern und geschützte Orte schaffen. Alle Schulkinder eines Viertels, deren Eltern von Arbeitslosigkeit, Armut oder Krankheit betroffen waren, sollten in den Wintermonaten ein warmes Mittagessen bekommen. Das Essen war kostenlos oder gegen Zahlung von fünf Pfennigen erhältlich. Neben der Versorgung mit warmer Kost sollten Ärzte stärkende Nahrung bei den Kindern empfehlen, wo eine Mangelernährung vorlag.
Erste Kinder-Volksküche Berlin eröffnet im Wedding
Um dieses Vorhaben nicht nur punktuell, sondern in sämtlichen Vierteln Berlins zu realisieren, wurde im November 1893 der Verein für Kinder-Volksküchen gegründet. Die erste Kinder-Volksküche eröffnete sogleich am 15. November 1893 im Brunnenviertel. Sie entstand im Eckhaus an der Stralsunder Straße 68. Die Kinder-Volksküche im Berliner Wedding war offen für alle Konfessionen. Sie sollte neben der Essensversorgung auch in diesem Sinne Brücken bauen. Bei der Öffnung der Einrichtung, zu der Bezirksvorsteher und Schulrektoren erschienen, sprach der Vereinsvorsitzende Hermann Abraham einige Worte. Anschließend verspeisten die Kinder, die in Scharen pünktlich um 12 Uhr vor der Tür standen, ihre erste Mittagsmahlzeit.
Einladende Räume und gute Mahlzeiten
Die Presse schrieb über die Mittagsküche in der Stralsunder Straße 68. „Die Räume sind hell und luftig – überall herrscht ausgesuchte Reinlichkeit und wohldisziplinierte Akkuratesse – die Küche ist nach Muster bewährter ähnlicher Institute eingerichtet”, so die Tageszeitung „Der Israelit“ im November 1893. Zeitgleich schrieb das „Neue Tagblatt und General-Anzeiger für Stuttgart und Württemberg“ über die Einweihung. „Den Eingang schmückte eine Girlande, einfachen Blumenschmuck trugen die Tische in den drei freundlichen Zimmern. Die hübsch tapezierten Wände tragen Bilder des Kaisers und der Kaiserin, ferner Tafeln mit passenden Sprüchen sowie Werken aus dem neuen und alten Testament”, hieß es. In den behaglichen Räumlichkeiten konnten mehrere hundert Kinder essen.

Wie dringend der Bedarf einer warmen Mahlzeit in dieser Gegend Berlins war, zeigt, dass zwölf Rektoren der umliegenden Schulen bereits 300 Kinder angemeldet hatten. Deren Hilfsbedürftigkeit war nachgewiesen. Generell erhielten die Kinder zwischen 12 und 14 Uhr ein unentgeltliches Mittagessen. Auch nicht-schulpflichtige Kinder wurden nach einer einfachen Prüfung kostenlos verköstigt. Das Essen muss außerordentlich schmackhaft und von hoher Qualität gewesen sein. Wie „Der Israelit“ schrieb, bedarf es großer Unterstützung, um diese weiter zu gewährleisten. Es kam Suppe oder Gemüse mit etwas Fleisch auf die Teller der Kleinen. Während viele Tageszeitungen die Einrichtung lobten, so sah der „Vorwärts“ im November 1893 darin eine herablassende Geste der wohlhabenden Bürger, die damit lediglich etwas für ihr Gewissen getan hätten.
Von der Stralsunder Straße in die Viertel der Stadt
Nach dem Anfang in Stralsunder Straße 68 entstanden innerhalb weniger Wochen weitere Einrichtungen. Zum Jahresende 1893 konnte bereits die vierte Kinder-Volksküche eröffnet werden. So bekamen innerhalb von vier Wochen 2500 Kinder eine sättigende Mahlzeit. Und in Moabit wurde im November 1894, also ein Jahr nach der ersten Einrichtung, in der Lübecker Straße 22 bereits die achte Kinder-Volksküche eröffnet. Ab 1895 fanden Wohltätigkeitskonzerte in der Berliner Philharmonie statt, um dieses Projekt zu finanzieren. Im Jahr 1894/95 wurden schon doppelt so viele Mahlzeiten ausgegeben wie noch 1893/94 und nun gab es schon zehn Kinder-Volksküchen.

Mit Essen Brücken bauen
Die Kinder-Volksküche war nur ein Baustein des sozialen Engagements von Hermann Abraham. Er er hatte 1891 bereits die „Israelitische Volksküche“ gegründet. Diese Einrichtung hatte innerhalb von zehn Jahren fünf Millionen Portionen an hungernde Arme und davon eine halbe Million unentgeltlich verteilt. Zum zehnjährigen Bestehen wurde berichtet, dass man im Winter wieder täglich über 4000 hungernden Kindern eine Mahlzeit geben wird.
Über Abraham schrieben man ebenfalls. „Mögen die humanitären Gründungen des edlen Berliner Glaubensgenossen im Laufe der Jahre immer schöner und kräftiger emporblühen! Ihre gesunde Fortexistenz liegt sowohl im Interesse der Aermsten der Armen, wie auch im Interesse des allgemeinen Culturfortschrittes, im Interesse der Aufklärung und der Herzensbildung unseres deutschen Volkes. Denn die humane Liberalität, womit die Israelitische Volksküche auch den armen, hungernden Christen den Tisch deckt, hilft zur Ausbreitung echter Toleranz (…)”, so das „Israelitische Familienblatt“ im Dezember 1901.
Mildtätigkeit als Lebenswerk
Hermann Abraham starb am 5. Mai 1932. Sein Leben hatte er ebenso wie seine Frau Johanna, die bereits 1913 starb und auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beerdigt wurde, den armen, notleidenden Menschen und Kindern gewidmet. Sie eröffneten 176 Essens-Einrichtungen mit 2500 Mitarbeitern, die auch im Ersten Weltkrieg die Menschen versorgten. Darüber hinaus ließ er fünf Kinderheime und Genesungsheime errichten. Noch zum 85. Geburtstag erhielt er die Ehrenplakette der Stadt Berlin. Abraham hatte über viele Jahrzehnte die Essensnot tausender Kinder und Berliner:innen gelindert. Ihm und seiner Frau ging es mit den Volksküchen um jüdische und interkonfessionelle Wohltätigkeit.
Dem privaten jüdischen Wohlfahrtsengagement waren auch Agnes Blumenfeld (gestorben 1896) und Lina Morgenstern verpflichtet. Sie erhielten bereits 1869 für ihr Engagement bei den Volksküchen von Königin Augusta von Preußen eine goldene Brosche als Zeichen der Anerkennung.
Wie lange die erste Kinder-Volksküche in der Stralsunder Straße 68 existierte, ist unbekannt. Sicher ist dagegen, dass sie einen Grundstein für die soziale Versorgung von Kindern legte, die den oftmals schwierigen Lebensumständen in der Millionenmetropole ausgeliefert waren.
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