Circus Sonnenstich: Artistik ohne Grenzen in der Uferstraße

Es ist nur eine Möglichkeit von vielen, wenn im Zirkus Spitzenathleten und Top-Artistinnen auftreten. Eine andere Möglichkeit wählt der Circus Sonnenstich. Die Truppe begeistert das Publikum mit einem Ensemble mit Menschen, die Trisomie 21 haben. Seit einem Jahr trainieren die 50 Akrobaten in der Uferstraße 6. Der Schweiß, der beim Üben vergossen wird, ist der gleiche, wie bei den normalen Akrobatinnen. Ähm, da sind wir schon mittendrin: Wie definiert sich im Zirkus normal?

Die Vision: Begeisterung statt Perfektion

Offenkundig gilt für Michael Pigl, dass im Zirkus normal ist, dass das Publikum von der Show mitgerissen werden sollte. Ob die Darsteller dabei auf der Bühne Kunststück A oder Kunststück B aufführen, interessiert ihn offenbar weniger. Entscheidend ist für ihn das Ziel – so wirkt es zumindest – dass die Spannung steigt, dass sich die Zuschauer von der Show elektrisieren lassen und das Geschehen gebannt verfolgen.

Circus Sonnenstich Tag der offenen Tür 2026
Publikum beim Tag der offenen Tür in der Uferstraße 6. Foto: Andrei Schnell

Michael Pigl ist Projektleiter des Circus Sonnenstich. Die Aufgabe, die Zuschauer zu begeistern, ist also ein Stück weit seine. Deshalb tritt er mit dem Circus Sonnenstich auf, so oft es geht. Natürlich will er dabei auch den Artisten eine Gelegenheit bieten, ihr Können zu zeigen. Eine dieser Gelegenheiten war beispielsweise der Tag der offenen Tür in der Uferstraße 6 Ende März. Oder er gewinnt für seine Shows die großen Bühnen der Stadt wie das renommierte Chamäleon-Theater in den Hackeschen Höfen. Wer diese Auftritte besucht hat, der kann erleben, dass die Begeisterung nicht selten stürmisch ist.

30 Jahre Inklusion: Vom Rambazamba zum Admiralspalast

Unnormal im Sinne von außergewöhnlich ist Michael Pigl selbst, denn er scheint es zu lieben, das als unmöglich Abgestempelte erreichen zu wollen. So gründete er vor beinahe 30 Jahren den Circus Sonnenstich. Seine Idee dabei war: Menschen mit Behinderungen sollen Artistik machen. Dies aber nicht zur Selbstbeschäftigung und ungesehen von der Gesellschaft. Er wollte, dass Menschen mit Trisomie 21 genauso normal wie andere Kompanien in der Zirkusszene ihr Publikum finden.

Vorbild für das neue Projekt war das Rambazamba-Theater, aus dem sich Circus Sonnenstich als eigene Institution entwickelt hat. Wie gesagt, das war 1997 als der Begriff Inklusion noch nicht geläufig war. Deutschland 2009 eine UN-Konvention unterschrieben, nach der die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen auf allen (!) gesellschaftlichen Ebenen ermöglicht werden muss.

Pädagoge Michael Pigl ist Projektleiter von Circus Sonnenstich
Pädagoge Michael Pigl ist Projektleiter von Circus Sonnenstich. Foto: Andrei Schnell

Und Michael Pigl setzt das Ziel der Teilhabe mit seiner Truppe konsequent um. Deshalb wählte er 2018 für die Feier des 20-jährigen Bestehens des Circus Sonnenstich kein kleines Theater, sondern den Admiralspalast im Zentrum der Stadt, in der Mitte der Gesellschaft. Allein geht er diesen Weg natürlich nicht. Circus Sonnenstich ist mittlerweile ein Projekt des 2011 gegründeten „Zentrums für bewegte Kunst“ (ZbK). Zur dreiköpfigen Leitung gehören noch Felix Häckel und Anja Rosenkranz. Zudem gibt es Verantwortliche für Produktion und einen Vorstand.

Trainer aus dem Ensemble: Das neue Normal

Vor wenigen Jahren ist das „Zentrum für bewegte Kunst“ mit dem Circus Sonnenstich einen ungeahnten Schritt weitergegangen. Die Künstlerinnen, die jahrelang im Ensemble trainierten, sollten nun selbst zu Trainern werden. Ausbildung zur Trainerassistenz heißt dieser Streich. Sechs Artisten erwerben derzeit innerhalb von vier Jahren die Qualifikation zum Lehren. Menschen mit Trisomie 21 werden so ein normaler Teil der Zirkuswelt – oder könnten es werden. Michael Pigl meint es ernst mit dem neuen Normal. Und das blieb nicht unbemerkt: Für sein Engagement ist er 2019 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

Uferstraße 6: Gesundbrunnens Akrobatik-Zentrum

Seit einem Jahr trainiert der Circus Sonnenstich im Gesundbrunnen in einem alten Fabrikhinterhof zwischen den Uferhallen und den Uferstudios. Neben der Ausbildung als Trainerassistenz können Artisten hier in den Stufen Starter, Aufbau und Ensemble trainieren. Am 31. März 2025 eröffnete die ehemalige Fabrikhalle in der Uferstraße 6 die Trainingstüren zum ersten Mal. Drei Säle stehen zur Verfügung. Auf den 670 Quadratmetern ist großzügig Platz.

Circus Sonnenstich
Die Diabolonummer. Foto: Andrei Schnell

In das Konzept, dass Menschen mit Behinderungen ganz normal dabei sein sollen, passt dabei wunderbar, dass sich Circus Sonnenstich Miete und Räume mit den „Katakids“ und der Intentional Movement Academy IMA teilen. So trainieren in der Uferstraße 6 manchmal zeitlich versetzt, manchmal nebeneinander in unterschiedlichen Räumen Erwachsene, Kinder sowie die rund 50 Sonnenstichler. Damit ist der Hinterhof zu einem Akrobatik-Zentrum für Laien, Sportler und Profis geworden.

Vom Vagabundieren zur festen Adresse

Die feste Adresse ist für den Circus Sonnenstich ein großer Gewinn. Zuvor musste „vagabundiert“ werden, wie es Michael Pigl ausdrückt. Man musste mal hier eine Hallenzeit ergattern, mal dort ein freies Zeitfenster zugesprochen bekommen. Nun hat sich auch dieser praktisch-organisatorische Aspekt „normalisiert“. Oder sagen wir: Circus Sonnenstich ist angekommen.

Mehr über die Zikrusprojekte

Circus Sonnenstich als ein Projekt des Zentrums für bewegte Kunst ZBK stellt sich in einfacher Sprache vor. Die Katakids trainieren ebenfalls in der Uferstraße 6. Der dritte im Trainingsbunde ist IMA – die Intentional Movement Academy.

Circus Sonnenstich
Die Reifennummer. Foto: Andrei Schnell
Circus Sonnenstich
Zu Besuch beim Circus Sonnenstich in der Uferstraße. Foto: Andrei Schnell
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