Im Mauerpark lernte Corinna Neinaß im vergangenen Sommer viele einheimische Pflanzen kennen und beobachtete auch Insekten. Nun möchte sie Bienen auf ihren Balkon einladen, vor allem wilde Bienen.
In diesem Jahr will ich etwas anders machen auf meinem Balkon. Ich will vor allem Pflanzen wachsen lassen, die mit ihren Blüten Wildbienen anlocken. Ich will mit meinen Balkonpflanzen noch mehr Teil des Netzwerks Natur sein, in dem Bienen als Bestäuber unverzichtbar sind. Bei einem Besuch der Bibliothek Tiergarten-Süd entdecke ich einen Thementisch und eine Broschüre über Wildbienen.

Ich erfahre, dass von den mehr als 550 Wildbienenarten in Deutschland etwa die Hälfte gefährdet ist. An manchen Orten gelten einige als ausgestorben, wie hier in Berlin die Mai-Langhornbiene. Sie ist Biene des Jahres 2021 und sammelt Blütenpollen ausschließlich von Schmetterlingsblütlern. Andere Bienenarten sind auf Korb- oder Lippenblütler spezialisiert; oder sie wählen nur bestimmte Nistplätze aus wie Totholz, markhaltige Stängel oder leere Schneckengehäuse. Daher reagieren sie äußerst empfindlich, wenn ihr Lebensraum beeinträchtigt wird. Vielleicht kann mein Balkon eine kleine Nische für die meist solitär lebenden Wildbienen werden.
Was ich kenne, kann ich schützen
Ich leihe mir Paul Westrichs Buch „Wildbienen: Die anderen Bienen“ aus und versuche, die Perspektive der Wildbienen einzunehmen. Genauso wie Honigbienen und manche anderen Insekten suchen sie Pflanzen als Nahrungsquelle auf – für Nektar, Pollen und manchmal Öle. Mit dem Rüssel nehmen sie Nektar zu sich, eine energiereiche und wässrige Zuckerlösung. Der Natternkopf bietet besonders viel Nektar pro Blüte und Tag, ebenso Lippenblütler wie der Gewöhnliche Dost. Mit dem eiweißreichen Pollen werden die Bienenlarven ernährt und beim Pollensammeln die Blüten bestäubt. Bei gezüchteten Blüten (wie Geranien) mit ihren vielen Blütenblättern gehen die meisten Bienen leer aus.
Doch bei der Nahrungssuche ist neben der Form der Blüte auch ihre Farbe entscheidend, da Bienen Farben anders wahrnehmen als wir. Eine rote Geranie ist für sie nicht so attraktiv wie für uns. Dafür können sie ultraviolettes Licht sehen und erkennen an sogenannten Blütenmalen, bei welchen Pflanzen etwas zu holen ist. Auf diese Weise finden die Pollenspezialisten ihre Nahrung. Ich wiederum finde bei „Blumen Goldbeck“ in der Tegeler Straße 32, einem nachhaltigen Blumenladen im Wedding, viele Wildblumenstauden und entscheide mich für eine Glockenblume. Sie soll violett blühen und lockt hoffentlich die Glockenblumen-Scherenbiene an. Manche Bienen dieser Art übernachten sogar in der Blüte. Die Gewöhnliche Löcherbiene hingegen besucht nur Blüten der Korbblütler, bei denen viele Einzelblüten in einem Körbchen vereint sind.



Mehr Pflanzenvielfalt hilft den Bienen
Ringel- und Kornblumen habe ich schon mit einer Blühmischung gesät. Ich möchte aber mehr Vielfalt, auch Färberkamille, Mutterkraut und – meine besondere Vorliebe – Rainfarn. Bis zu dreißig verschiedene Arten an Wild- und Nutzpflanzen können laut Paul Westrich in Kästen und Kübeln auf dem Balkon kultiviert werden. Da müsste für die fast 300 Wildbienenarten in Berlin doch etwas dabei sein. Ich entscheide mich für eine regionale Saatgutmischung und werde beobachten, welche Pflanzen bei mir gut gedeihen. Dabei lerne ich auch unsere heimische Flora besser kennen.
In der Kräuterecke lasse ich dieses Jahr Thymian, Schnittlauch und Minze blühen, auch Borretsch habe ich schon ausgesät. Für die Lauch-Maskenbiene grabe ich zwei Lauchstangen mit dem weißem Schaft und den Wurzeln in die Erde ein und hoffe auf prächtige Blütenkugeln im Sommer. Lavendel und Ysop sind ebenfalls dekorativ, duften gut und blühen, wie auch Fetthennen, weit bis in den Herbst hinein. Dann sollte ich auch schon ans Frühjahr denken und zwischen die Balkonblumen Zwiebeln von Frühjahrsblühern setzen. Die Gehörnte Mauerbiene (sie ist Generalistin) wird sich über Blaustern und Traubenhyazinthe freuen.
Sonne, Wasser, Sand und mehr
Ein wenig Experimentierfreude werde ich für mein kleines Wildbienenprojekt auf dem Balkon wohl brauchen. Gern möchte ich Natternköpfe haben, denn die Natternkopf-Mauerbiene ist auf sie angewiesen. Als es im Sommer richtig heiß wurde, gedieh der Gemeine Natternkopf im Mauerpark prächtig. Hätte die Pflanze auf meinem Balkon ebenfalls ausreichend Sonne? Wann kann ich die Staude kaufen oder sollte ich sie säen und, da sie zweijährig ist, bis zum nächsten Jahr auf die Blüten warten?
In welchem Erdgemisch gedeihen die heimischen Wildpflanzen am besten, und ist ein Drittel Sand eine gute Faustregel? Wie oft muss ich gießen? Wo könnte ich eine Insektentränke aufstellen oder Nisthilfen für die Löcherbiene anbringen? Ich werde wieder in die Bibliothek Tiergarten-Süd fahren, wo es neben der passenden Literatur auch Tipps zu Nisthilfen und sogar eine Leihsämerei gibt. Dort begann mein Interesse für die faszinierende Welt der Wildbienen und ich hoffe, ich treffe bald Gleichgesinnte. Vom Netzwerk Natur können wir so viel lernen.
Mehr zum Thema Bienen
Etwas über Wildbienen lernen, das geht auch auf unterhaltsame Weise, und zwar mit Fräulein Brehms Tierleben und dem Stück „Hymenoptera – Die wilden Bienen!“. Informationen über das Theaterpojekt aus der Ackerstraße gibt es im Internet unter brehms-tierleben.com.
Fotos: Corinna Neinaß, Elke Behrends, Lilli Erasin, Prozentzwanzig/Wikipedia
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Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Der Kiez hinter dem Blätterdach“ enthalten, das im Mai 2021 erschienen ist. Weitere Beiträge aus dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Kiezmagazin: Der Kiez hinter dem Blätterdach“ gesammelt und verlinkt.

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