Eine Runde mit der Ringbahn

Die Ringbahn gehört zum Brunnenviertel dazu. Ganz selbstverständlich können S-Bahn‐Reisende damit vom Bahnhof Gesundbrunnen aus eine Rundfahrt um die Innenstadt machen. Doch das war nicht immer so. Eine ehemalige Berlinerin, die die Runde in ihrer Berlinzeit nicht fahren konnte, hat das jetzt nachgeholt.

Die Berliner Ringbahn. Zeichung: Jakob Hensel, Foto: Andrei Schnell, Montage: Dominique Hensel
Die Berliner Ringbahn. Zeichung: Jakob Hensel, Foto: Andrei Schnell, Montage: Dominique Hensel

Liebe Brunnenviertel-Leute,

falls einige von Euch mal wieder auf verspätete S-Bahnen warten und fluchen, will ich ein Trostpflaster aus London schicken. Und dabei greife ich nicht Mal auf das einfache Mittel zurück, Berlin mit London zu vergleichen. Ich sage nicht wie oft die Züge in London verspätet sind oder ganz ausfallen. Ich rede nicht davon, was ein Ticket in meiner neuen Heimat im Vergleich zu einem in Berlin kostet…

Kurz nach dem Mauerfall fing ich an, in Spandau zu arbeiten. Ich hatte meinen Arbeitsweg von Pankow nach Spandau zu bewältigen, obwohl der Ring nach der Teilung der Stadt noch lange nicht wiederhergestellt war. Ganz kann ich es nicht mehr rekonstruieren, aber es war mit unendlichem Umsteigen verbunden! Über die Jahre wurde es langsam leichter. Etappe für Etappe wurde ausgebaut und so fiel mit jedem fertigen Stückchen einmal Umsteigen weg.

2002, nach den ganzen aufregenden Wendejahren, war mir Berlin ein wenig langweilig geworden und auch die Wirtschaft lag irgendwie am Boden. Da bin ich nach London gezogen – vier Wochen vor Fertigstellung des S-Bahn-Rings!

Bei gelegentlichen Besuchen in Berlin habe ich später mitbekommen, wie Berlin neu erwachte, wie es sexy wurde und immer angesagter. Selbst wirtschaftlich kam die Stadt nun langsam wieder aus dem Knick. Aber ich habe mich nie getraut, den geschlossenen Ring abzufahren. Ich hatte einfach Angst, vorgeführt zu bekommen, wie viel Lebenszeit ich in zwölf Jahren beim Umsteigen verplempert hatte.

Im vergangenen Sommer, da habe ich es doch gemacht. Mensch, was war ich aufgeregt! Gesundbrunnen – Jungfernheide – ein Katzensprung. Ihr seid es alle längst gewöhnt, liebe Brunnenviertel-Leute, ich finde es einfach toll.

Doch dann gab es ein kleines Gerangel an der Tür, einer schubste den anderen versehentlich an. In London würden sich beide, auch der Geschubste, sofort enschuldigen: „I am sorry“. Damit wäre der Fall erledigt. In Berlin folgte dieser Dialog: Der Geschubste: „Ey, biste blöd oder was?“– Der versehentliche Schubser: „Selba blöd, wa?“ Eine winzige Sekunde stockte mir aus Angst vor einer Auseinandersetzung der Atem. Aber nein, es sind nur andere Worte, das Ergebnis war genau das Gleiche: Der Fall war für beide erledigt. Ich aber war gerührt und hatte Heimweh-Tränen in den Augen. Ich weiß nicht, warum manche Touristen die Berliner für unfreundlich halten. Ick liebe Dir, Berlin!

Text: Barbara Johannis, London

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Der Text ist im vierten Quartal 2018 im Kiezmagazin „Mehr Platz!“ erschienen. Weitere Texte aus der Ausgabe sind im Beitrag Neues Kiezmagazin: Mehr Platz! gesammelt und verlinkt.

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