Etwas Leichtigkeit in einer angespannten Zeit

In Gedanken versunken war ich neulich in meinem Kiez unterwegs, in der Weddinger Wattstraße. Und blieb wie angewurzelt stehen an einem hohen Metallzaun. Da hingen bei der Nr. 16 in Augenhöhe drei Behältnisse, und funkelten lila. Jemand hatte drei Joghurt-Eimer genommen, große, für ein Kilo Joghurt, und hat sie beklebt, rundum mit Sternen-Glitzerpapier. Ich hob einen Deckel an und fand kleine Röllchen, aus Papier. Auf dem einen stand: „Glaub an dich, du schaffst das“. Die Botschaften sollen den Menschen Mut machen.

Mut machen auf Arabisch, Türkisch und Deutsch. Foto: Thomas Jeutner
Mut machen auf Arabisch, Türkisch und Deutsch. Foto: Thomas Jeutner

Da habe ich tief durchgeatmet. Ich hatte einen stressigen Tag. Zwischen zwei Zoom-Konferenzen war ich unterwegs und musste zum nächsten Termin. Weil in der Pandemie vieles nur online stattfindet, spüren die Leute mehr Druck. Mir fehlt auch, dass ich andere wirklich anschauen kann. Und dass ich wahrgenommen werde.

Aber hier, an dem Zaun mit den Zetteln, ist der Druck in mir verflogen. Weil ich mich angesprochen fühlte? Von dem kleinen Satz: „Du schaffst das“? Ich war neugierig. Und zog ein nächstes Wort heraus, wie ein Los. Es stand drauf: „Das Glück liegt in den einfachen Dingen“. Daneben war eine Rose gemalt. Ich mag Rosen. Und auf meinem dritten Zettel stand: „Wer keine Fehler macht, macht wahrscheinlich sonst nichts“. Ja, wirklich, sie haben sich Mühe gegeben, die das gemacht haben. Um uns vorbei Eilenden was Gutes mitzugeben. Mit einem Satz, der Mut macht.

Botschaften sollen den Menschen Mut machen

Neben diesem Töpfchen mit Wörter-Zetteln waren zwei weitere Glitzer-Joghurt-Eimer am Zaun angebracht. Auf dem Deckel des einen stand: „Türkisch“, auf dem anderen: „Arabisch“. Ich wollte einen arabischen Zettel probieren, hob den Deckel und merkte, der Behälter war fast leer. Ich rollte ein Papier aus, und sah die geschwungene, wie gemalte orientalische Schrift. Auch ins Gefäß mit den türkischen Worten schaute ich – auch das war fast leer. Ich nahm ein Röllchen heraus, und steckte es in meine Jacke. Meine Tochter hat Türkisch gelernt, ich wollte sie fragen, was der Satz bedeutet. Ich musste los, habe aber noch ein Foto gemacht von den Glitzer-Töpfen. Und von dem Schild daneben. Hinter dem Zaun ist das Familienzentrum im Stadtteil, es hat wegen Corona seit Monaten geschlossen.

Sprüche zum Mitnehmen am Familienzentrum. Foto: Thomas Jeutner
Sprüche zum Mitnehmen am Familienzentrum. Foto: Thomas Jeutner

Die Telefonnummer von dem Schild habe ich später angerufen. Marie war dran, die Sozialarbeiterin, im Homeoffice. Ich wäre nicht der Einzige, dem die Sprüche-Behälter gefallen, sagte sie. Als ich von den fast leeren Behältern mit den arabischen und türkischen Sprüchen erzählte, bedankte sie sich. Mit Ehrenamtlichen macht sie dann immer einen Schwung von 50 neuen Sätzen, jeder ist anders. Und sie müssen ausgeschnitten, und gerollt werden. 70 Prozent der Menschen in unserem Kiez kommen aus Einwanderer-Familien. Marie sagt, dass sie im Team einfache Sätze ausgesucht haben. Religiöse Worte wollten sie nicht aussuchen, weil es im Kiez viele verschiedene Religionen gibt. Und nichts sollte belehrend wirken. Um den Leuten ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Oder „dass sie einfach mal stehen bleiben, und tief einatmen“, meinte sie. Eigentlich „wollten wir in dieser angespannten Zeit Leichtigkeit verschenken“.

Gegen die Einsamkeit

Und sie berichtet, wie viele Familien und Einzelne sich in diesen Monaten zurückgezogen haben. „Das Problem ist die Einsamkeit“, weiß sie seit langem. Andererseits ist es gerade für die oft großen Einwanderer-Familien ein Riesenstress, dauernd mit allen zuhause zu sein. Mit der Aktion der guten Worte am Zaun wollten sie als Team vom Familienzentrum, auch wenn es noch zu ist, ein Signal schicken in die Nachbarschaft: „Leute, wir sind noch da. Es sind schwierige Zeiten, aber bald haben wir es geschafft! Wir halten zusammen!“

Nachdem ich mit Marie gesprochen hatte, dachte ich an diese Zaun-Geschichte aus dem Neuen Testament. Sie ist von Jesus überliefert, aus einer seiner Beispiel-Erzählungen. Darin denkt er genau an die Leute, die ausgegrenzt sind, hinter den Zäunen. Sie sollten sich eingeladen fühlen, und zugehörig. Ja, und den türkischen Zettel aus meiner Jackentasche habe ich meiner Tochter gegeben, damit sie ihn für mich übersetzt. Sie guckte mich erst an, und dann hat sie gelächelt. Und hat mir den Satz vorgelesen: „Gib jedem Tag die Chance, der beste deines Lebens zu sein“.

Text und Fotos: Thomas Jeutner, Pfarrer der Evangelischen Versöhnungsgemeinde

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Kommentare

  1. Avatar von Susanne Haun

    Ich mag den Spruch „Gib jedem Tag die Chance, der beste deines Lebens zu sein“ sehr, darf ich auch erfahren, wie er auf türkisch lautet?
    Herzlichen Dank, Susanne

    1. Avatar von planetwedding

      Liebe Susanne, leider kann ich das nicht übersetzen, türkisch kann ich leider nicht. Aber ich habe Dir einen türkischen Ermutigungsspruch mitgebracht, darauf steht: ruh sakinlesirse beden kisa sürede sakinlesir. Das bedeutet (hat mir die Betreiberin der Eisenkralle übersetzt): Wenn sich die Seele beruhigt, dann beruhigt sich auch der Körper. Liebe Grüße: Dominique

      1. Avatar von Susanne Haun

        Herzlichen Dank, Dominique, ich freue mich darüber.
        Eine Erfahrung, die ich tatsächlich auch schon gemacht habe.
        Liebe Grüße von Susanne

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