Ich habe mir vorgenommen, mehr hinter die Kulissen in Wedding und Gesundbrunnen zu schauen. Dabei möchte ich vor allem mehr über das interkulturelle Leben wissen. Ich möchte besser verstehen, was uns zusammenhält, was uns trennt und wie wir vielleicht Brücken bauen können. Das klingt irgendwie schön, aber eine Spur zu theoretisch. Am Sonntag (15.2.) ist dieser Wunsch plötzlich konkret geworden – und sozusagen körperlich. Mein Blick unter die Oberfläche führte mich in einen Kinosaal mit Rugbyfans im Centre Français (CFB) in der Müllerstraße.

Interkulturell auf dem Spielfeld
Was ist interkulturell an einem Rugbyspiel? Zunächst, dass dieser Sport in Deutschland nicht sehr verbreitet ist. Laut Deutschem Rugby-Verband gibt es 15.000 registrierte Spieler:innen. Dagegen stehen über sieben Millionen aktive Fußballspieler:innen. Wenn wir es mal ganz platt in Stereotypen sagen wollen: Deutsche spielen und gucken Fußball. Punkt. Ich weiß, das betrifft nicht alle, zu Beispiel mich nicht, aber die Zahlen sprechen für sich.
Rugby ist anders – in Südfrankreich zum Beispiel DER Sport, lerne ich von der Internetsuchmaschine. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Menschen in der Reihe vor mir Französisch sprechen – und die neben mir und in den vorderen Reihen auch. Ich sitze in einem Kinosaal mit Hauptstädter:innen mit französischen Wurzeln. Und auch de aufgeregte Sportkommentator auf der Leinwand spricht Französisch.
Fan-Schals und überall der rote Hahn
Für die französische Community ist das Public Viewing im deutsch-französischen Kulturzentrum im Wedding offenbar ein wichtiger Termin. Der Kinosaal ist bei Spielbeginn fast voll. Manche kommen mit Fan-Schals oder lustigen Kopfbedeckungen, viele tragen einen roten Hahn auf einem Kleidungsstück. Auch CFB-Geschäftsführer Florian Fangmann, der Gastgeber ist und an dem Abend Bier zapft, trägt ein Trikot mit Hahn und der Aufschrift „Flo CFB“.
Der Hahn, schlage ich nach, heißt auf Französisch „le coq gaulois“ und ist seit Jahrhunderten ein inoffizielles Symbol Frankreichs. Er steht für Stolz, Kampfgeist und nationale Identität. Florian Fangmann, der selbst Rugby spielt, ist wie die meisten im Kinosaal für das französische Team. Da ich keine Präferenz habe, klatsche ich kurzerhand auch für die Franzosen – sie haben mich ja schließlich eingeladen.

Mein erstes Rugby-Public-Viewing
Ich stolpere voller Neugier, aber komplett unbedarft in das Sportereignis „Six Nations“. Auf der Leinwand ringen an dem Tag die Teams aus Frankreich und Wales um den Sieg. Ringen ist das richtige Wort, denn es wird viel geschoben, gedrückt und gerempelt. „Schubsen mit ein paar Regeln“, fasst es mein Sohn zusammen, der mit mir zusammen sein allererstes Rugby-Spiel sieht.
Mich hat die Neugier zum Public Viewing gelockt. Ich spreche weder Französisch noch kenne ich die Regeln. Doch die Stimmung ist gut. Hinter mir erklärt jemand auf Deutsch, was wir sehen, und das meiste wird auch ohne Worte klar: Menschenknäuel, Rugbyball taucht auf, wieder schieben und drücken – und dann ist ein Punkt da. Die Franzosen gewinnen an diesem Tag klar mit 54 : 12. Ein spannendes Spiel habe ich nicht gerade erwischt.
Nach hinten werfen, nach vorne schießen
„Nach hinten werfen, nach vorne schießen“, sagt mir Florian Fangmann in der Pause und reicht mir grinsend ein Bier über den Tresen. Mehr müsse ich eigentlich nicht wissen. Ich hatte gefragt, wie die Regeln sind. Nach hinten werfen, nach vorn schießen. Genau das Gleiche sagen mir auch andere Französinnen und Franzosen, die ich vom Centre Français kenne, die zum Glück zweisprachig sind und auch Deutsch sprechen und mich fröhlich begrüßen. Doch es geht schon weiter: Ich will eintauchen in die Kultur und so probiere ich auch noch einen der Hotdogs, die hier alle in Händen halten (ist das nicht amerikanisches Essen?). Ich esse das Würstchen im Brot zwischen den zwei Mal 40 Minuten Spielzeit – und dann geht es weiter mit Schieben, Drücken und „nach hinten werfen, nach vorne schießen“ bis zum Schlusspfiff.

Willkommen in der französischen Rugbyfamilie
Ich fühlte mich willkommen in der französischen Rugbyfamilie im CFB. Ob ich beim nächsten Public Viewing wiederkomme, weiß ich trotzdem nicht. Florian Fangmann legt mir besonders den 14. März ans Herz – das große Finale des Turniers. Aber wer weiß, was es dann wieder alles zu entdecken gibt im Wedding oder in Gesundbrunnen.
Wer auch mal eintauchen möchte in die französischsprachige Community in Berlin, der kann das bei den nächsten Public-Viewing-Terminen im CFB in der Müllerstraße 74 tun – wieder mit Bier, Hotdogs und sicherlich guter Stimmung.
Welche Spiele noch gezeigt werden
- Sonntag, 22. Februar, 16.10 Uhr
Spiel: Frankreich/Italien
Einlass ab 15 Uhr
Anschließend: Kinoprogramm ab 19 Uhr - Samstag, 14. März, 15.10 Uhr
Super Saturday – gezeigt werden alle Spiele des Tages: Irland/Schottland, Wales/Italien, Frankreich/England
Wer das französische Rugby-Erlebnis im Wedding selbst erleben möchte, hat also noch zwei gute Gelegenheiten.
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