Heinrich Seidel: Ein Tausendsassa des 19. Jahrhunderts

Er war Dichter und Ingenieur, Naturfreund und Turner, Autodidakt und Humorist – der im mecklenburgischen Perlin geborene Heinrich Seidel. Die Grundschule in der Ramlerstraße trägt seinen Namen. Das literarische Gesamtwerk von Seidel gibt es auch digital. Corinna Neinaß hat darin gelesen.

Heinrich Seidel um 1890. Foto: Loescher & Petsch/Wikipedia
Heinrich Seidel um 1890. Foto: Loescher & Petsch/Wikipedia

Das Lied vom Huhn, das nach jedem gelegten Ei kakelte, mirakelte und spektakelte, kannte ich schon lange. Nun weiß ich: „Das Huhn und der Karpfen“ stammt von Heinrich Seidel. Meinen Zutritt zu Seidels Geschichten, Gedichten und vor allem Märchen verdanke ich meinem literarischen Kalender, in dem ich eines seiner Frühlingsgedichte fand. Dem Frühling schrieb er als „treuer Verehrer“ sogar einen Brief, und Jahreszeiten, Monate und Natur sind wiederkehrende Themen. Von seinen Figuren gefällt mir Prinzessin Zitrinchen, die sich ihren eigenen Prinzen suchte.

Von Perlin nach Berlin

Schon als Junge hatte Heinrich Seidel viel Fantasie, die durch die Erzählkunst einer Tante weiter angeregt wurde. Auf gemeinsamen Waldspaziergängen träumten sie sich in andere Welten, saßen plötzlich im amerikanischen Urwald und dachten über den Bau ihres Blockhauses nach. Auch die Welt der Bücher erschloss sich Seidel früh, und in der Bibliothek seines Vaters, der Pastor in Perlin war, entdeckte er die Märchen Andersens und E.T.A Hoffmanns, die Dichtkunst Heinrich Heines und den Don Quijote.

Als Heinrich Seidel zehn war, also 1852, zog die Familie nach Schwerin, wo man ihn zunächst „Droemer“ – Träumer rief. Hatte er im 17 Kilometer entfernten Perlin schon erste Gedichte geschrieben, verfasste er nun als Gymnasiast Parodien, unter anderem inspiriert durch das Schulleben und den satirischen Kladderadatsch-Kalender. In seiner Studentenzeit in Hannover arbeitete er an einer Bierzeitung mit, in der man sich über den neuesten Unfug der Kommilitonen informieren konnte.

Nach dem Tod seines Vaters schickte sein Onkel den fast 20-jährigen Heinrich Seidel nach Güstrow, wo er sich in einer Fabrik emporarbeiten sollte. Einige Gedichte und sein „Sommermärchen“ wurden in dieser Zeit veröffentlicht, doch angesichts des geringen Honorars betrachtete er die Schriftstellerei als ziemlich „nahrungslosen Berufszweig.“ Dennoch schrieb er weiter und wurde in Berlin, wo er von 1866 an lebte, Mitglied im „Tunnel über der Spree“. In dieser literarischen Gesellschaft, der auch Fontane angehörte, lernte er zumindest „in formeller Hinsicht“ viel über das Dichten.

Dem Ingenieur ist nichts zu schwer

Nach dem Besuch der Gewerbeakademie (in Hannover hatte er bereits Maschinenbau studiert) arbeitete Seidel in Berlin zunächst als Ingenieur und führte ein „sonderbares Doppelleben“. Seine Kollegen erfuhren selten von seinen poetischen Liebhabereien – ihnen galt er als nüchterner Verstandesmensch. Seidel konstruierte die Bahnanlagen der Yorckbrücken und das Dach für den Anhalter Bahnhof mit der enormen, für die damalige Zeit herausragenden Spannweite von 62,5 Metern. In das völlig neue Fach der Dach- und Brückenkonstruktion arbeitete er sich oft nachts ein, begleitet von Zweifeln. Und er bewies, dass er eher durch Aufgaben als in einer Schule lernen konnte. Die erste Zeile seines Ingenieurliedes wird sogar zum Motto des Erfinders Daniel Düsentrieb: „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör.“ Walt Disneys Comicfigur und ihre Erfindungen hätten Heinrich Seidel sicher zum Schmunzeln gebracht.

Der Anhalter Bahnhof im Jahr 1929. Die Dachkonstruktion stammt von Heinrich Seidel. Der Bahnhof wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, das Dach – und später der ganze Bahnhof – wurden gesprengt. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke, Berlin
Der Anhalter Bahnhof im Jahr 1929. Die Dachkonstruktion stammt von Heinrich Seidel. Der Bahnhof wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, das Dach – und später der ganze Bahnhof – wurden gesprengt. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke, Berlin

Heinrich Seidel: Leben im anderen Jahrhundert

In den „Kinkerlitzchen“, einer Sammlung lustiger und fantastischer Geschichten, lese ich über Gottlieb Nothnagel, der ins 20. Jahrhundert reist. Seidel visioniert jedoch „Im Jahre 1984“ keinen Überwachungsstaat wie Orwell, sondern eine neue Mobilität: Auf elektrischen Gefährten kommt man durch die Stadt oder in einem Rohr von Dover nach Calais. Die ganze Welt ist schnell erreichbar und per Knopfdruck werden nicht nur Speisen bestellt, sondern auch Arzt und Polizei gerufen – für uns heute selbstverständlich.

Ein Ort so schön wie ein Gedicht

Berlin mit seiner Hektik und dem rasanten Bauboom wurde Heinrich Seidel irgendwann zu viel und 1895 zog er mit Frau und Kindern nach Lichterfelde. In seinem Haus mit Garten, „so schön wie ein Gedicht“, wohnte er bis zu seinem Tod 1906. Inzwischen hatte er seine Stellung als Ingenieur aufgegeben und schrieb ein Buch nach dem anderen. In „Leberecht Hühnchen“ verarbeitete er auch Erlebnisse aus seiner Studienzeit. Sein damaliger Freund Karl Hohn, der allem eine heitere Seite abgewinnen konnte, inspirierte ihn zur Titelfigur. Den fidelen Abend, den sich der Erzähler und Hühnchen für dreißig Pfennige mit gekochten Eiern und Tee machen, hatte Seidel so ähnlich mit seinem Landsmann in Hannover erlebt. Die Darstellung dieser Kunst des Glücklichseins und Heinrich Seidels Lebenserinnerungen sprechen mich am meisten an und lassen mich in sein 19. Jahrhundert reisen. Und bei schönem Frühlingswetter werde ich bestimmt nach Lichterfelde aufbrechen: zu einem Spaziergang durch Seidels Boothstraße.

Gedenktafel für Heinrich Seidel in der Boothstraße. Foto: Wikinaut/Wikipedia
Gedenktafel für Heinrich Seidel in der Boothstraße. Foto: Wikinaut/Wikipedia

Wissenswertes

Die Heinrich-Seidel-Grundschule in der Ramlerstraße führt seit 1954 diesen Namen. Auch die Sportorientierung passt dazu – Heinrich Seidel war leidenschaftlicher Turner.

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Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Fit für den Frühling“ enthalten, das im März 2021 erschienen ist. Weitere Beiträge aus dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Heft: Fit für den Frühling“ gesammelt und verlinkt.

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