Die japanischen Kirschbäume in der Demminer Straße blühen nur für kurze Zeit, dann aber üppig. Gepflanzt wurden sie Anfang der Achtzigerjahre. Damit sind sie älter als die Mauerbäume, die ein japanischer TV-Sender der wiedervereinigten Stadt spendete.

Jedes Jahr, sobald dem Winter seine kalte Puste ausgeht, haben es die japanischen Kirschbäume besonders eilig, den Frühling anzukündigen. Dann sieht auch ohne rosarote Brille jeder, dass die Demminer Straße die schönste Straße des Brunnenviertels ist. Zum Verlieben schön. Prächtige Kirschblüten hüllen die Bäume ein. Sie ähneln für wenige Tage Brokatkissen.
Das Baumkataster verrät, dass der damalige Bezirk Wedding die meisten Kirschen im Jahr 1982 gepflanzt hat, einige weitere in den Folgejahren. Jürgen Lüdtke war in den Achtzigerjahren Bezirksstadtrat. Er erinnert sich: „Unsere allgemeine Überlegung bei der Umsetzung von Verkehrsberuhigungsmaßnahmen und der Grüngestaltung im Sanierungsgebiet Gesundbrunnen war es, den künftigen Mieterinnen und Mietern eine angenehme Umweltsituation zu schaffen.“ Einen konkreten Anlass habe es nicht gegeben. Dass 1983 die Berliner Festspiele, auch zu Westberliner Zeiten eine der größten Kultureinrichtungen, ein Programm unter dem Motto „Japan und Europa“ organisierten, ist in Erinnerung des SPD-Politikers ein Zufall. Das heißt, ein Japanfieber hat es nicht gegeben.
Hanami: Wenn Kirschbäume blühen
Der botanische Name der japanischen Zierkirschen in der Demminer Straße lautet Kanzan. Gärtner benutzen auch die Bezeichnung „Japanische Nelken-Kirsche“. Der Baum gehört zu den Rosengewächsen. Zu dieser Familie zählen viele andere Obstbäume wie Apfel, Pflaume oder Birne. Die Kirschblüte selbst heißt in Japan Sakura. Der Wetterbericht dort informiert im Frühling über den Vormarsch der Blütenfront von Nord nach Süd. Die Hanami-Festwoche, bei der sich Freunde und Kollegen abends unter den rosafarbenen Blüten treffen, ist ein Höhepunkt im japanischen Kulturkalender.


Auch an der Bornholmer Brücke stehen entlang der Norwegerstraße zweihundert Kanzan-Bäume. Diese haben aber eine andere Geschichte als die in der Demminer Straße. Der Fernsehsender Asahi hatte den Mauerfall zum Anlass für eine Spendenaktion genommen. Fast 20.000 japanische Zuschauer gaben rund eine Million Euro. Dieser Geldbetrag reichte für mehr als 900 Kirschbäume in Deutschland. Die für Berlin bestimmten Kirschen wurden entlang der ehemaligen Grenze gepflanzt, die ersten im November 1990 an der Glienicker Brücke. Bundespräsident Horst Köhler dankte dem Korrespondenten und Mitinitiator des reichhaltigen Blütengeschenks, Tetsuo Terasaki, bei einem Neujahrsempfang im Januar 2005.
Die Bäume in der Demminer Straße sind mittlerweile über 40 Jahre alt. Eigentlich kein hohes Alter. In Asien werden die Bäume bei guten Standortbedingungen und mit etwas Glück 100 Jahre alt. Für Europa geben Gärtner eine Lebenserwartung von mehreren Jahrzehnten an. In Städten kann es passieren, dass die Bäume bereits nach 20 oder 30 Jahren krank werden und gefällt werden müssen. In der Demminer Straße ist dies zu beobachten. Nicht mehr die ganze Straße blüht im April für gut eine Woche. Der Bezirk hat laut Baumkataster vor neun Jahren Winterlinden und Hainbuchen als Ersatz gepflanzt. Für die Stadtnatur sind die japanischen Zierkirschen wertvoll. Weil sie früh im Jahr blühen, bieten sie Mauerbienen und Hummeln viel Nahrung. Und sie können lange Trockenperioden besser als andere Baumarten überstehen, was in Zukunft immer wichtiger wird für Bäume in der Stadt.
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Der Text ist im gedruckten Kiezmagazin enthalten, das im Juni 2023 erschienen ist. Weitere Beiträge dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Kiezmagazin: Sommer unterm Baum“ gesammelt und verlinkt.

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