Mit dem neuen Abschnitt ist die Umgestaltung des Mauerparks, die in den Neunzigern begann, fast abgeschlossen. Beate Heyne hat sich die Landschaftsarchitektur genauer angeschaut.

Wo sich früher der Nordbahnhof befand, zuletzt Baugerüste und Kartoffeln lagerten, Bäume Wurzeln schlugen, kann man nun joggen, Radfahren, skaten, spazieren, auf der Wiese liegen… und sonntags wieder über den Flohmarkt schlendern.
Auf der Grundlage des Entwurfs „Vom Grenzraum zum Freiraum“, mit dem Professor Gustav Lange Anfang der Neunzigerjahre den landschaftsplanerischen Wettbewerb für die Umgestaltung das Geländes gewann, wurde jetzt der zweite Teil des Parks umgesetzt und damit das Werk (fast) vollendet. Unter dem Slogan „Mauerpark fertigstellen“ hatte von 2011 bis 2017 eine Bürgerwerkstatt, bestehend aus Planern um Gustav Lange, ansässigen Vereinen, Bürgern und Vertretern der Stadtpolitik, die Pläne weiterentwickelt. Von sieben Hektar hat sich die Fläche jetzt auf etwa 15 Hektar verdoppelt.
Ein Blick auf die Landschaftsarchitektur
An einem Julinachmittag besuche ich den neuen Parkabschnitt das erste Mal. Auf dem Weg dorthin begleiten mich Erinnerungen: Früher wohnte ich in der Nähe und war oft im Mauerpark. Von den Menschen schnell angenommen, entwickelte der Park sich über die Jahre zu einem Besuchermagneten. Eine Verbindung in den Wedding gab es nur durch den Gleimtunnel.
Nun betrete ich den Park durch das neu gestaltete Eingangstor an der Bernauer Straße. Das kleine „Blumenwunder“ dahinter – ein Geschäft für Pflanzen – gibt es leider nicht mehr. Auf seiner Fläche und dem angrenzenden Areal hinter dem „Mauersegler Berlin“ und dem „Schönwetter“ findet nach wie vor sonntags der über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Flohmarkt statt. Asphaltflächen im Wechsel mit Flächen aus gesägtem Granitsteinpflaster, rasterförmig gesetzte Akazienbäume und Poller mit technischen Versorgungsanschlüssen schaffen dafür eine gute Nutzungsstruktur. In der Woche ist der Bereich für sportliche Aktivitäten und kreative Hobbys freigegeben.

Das Wegesystem wurde durch zwei neue Nord-Süd-Verbindungen und kleinere Ost-West-Querungen erweitert. Ich laufe auf einer Platanenallee gen Norden, vorbei an dem großen neuen Spielplatz und erreiche die „Kartoffelhalle“. Derzeit vom Fuhrpark für die Parkpflege genutzt, soll sie, wie von der Bürgerwerkstatt gewünscht, erhalten und in die Parknutzung einbezogen werden, etwa als Kulturort.
Rasenflächen und weicher Asphalt
Der Weg führt weiter über ein Rondell aus Sitzmauern und einen Tafeltisch aus Striegauer Granit. Dabei handelt es sich um ein strapazierfähiges Material, das sich schon im alten Mauerpark bewährt hat. Mit seiner sandfarbenen Wegedecke, die weicher als Asphalt ist, und den dazwischen gepflanzten Kiefern wirkt das Rondell wie ein erster Ruhepol. Dahinter wird es noch leiser und landschaftlich wilder. Auch hier finden sich Relikte aus der Zeit, als das Gelände noch ein Bahnhof war.
In den Hochbeeten des Mauergarten e. V. wächst und blüht es. Der unter Schutz stehende Nashornkäfer, einst ein Waldbewohner, hat Quartier im Komposthaufen bezogen. Auf der weitläufigen Rasenfläche ringsherum wachsen junge Obstbäume und Eichen. Die Fläche ist von Wildwiesenquadraten durchsetzt und auch hier ziehen Sitzmauern grafische Strukturen in die Rasenflächen.

Linie der ungleichen Dinge
Ich gehe auf dem mittleren Hauptweg zurück, parallel zur ehemaligen Grenzlinie. Dieser Weg bildet jetzt die Nahtstelle der beiden Parkteile. Professor Lange bezeichnet ihn als „Linie der ungleichen Dinge“. Nach seinem Verständnis sind es die Menschen, die den Ort „ungleich“ bespielen sollen. Platz dafür bieten drei Podeste, die mit Abstand zueinander westlich des Weges angeordnet sind. Ungleich sind auch die Böden der eingefassten Podeste: Granit, sandfarbene Wegedecke und Holz. Die Materialien erzeugen unterschiedliche Geräusche, wenn man darüber geht.
Gegenüber schaffen Flächen mit Großpflaster neue Übergänge zur Grillwiese. Aus der Vogelperspektive sieht der Weg mit den „Zähnen“ wie ein Reißverschluss aus. Diese Nahtstelle muss noch zusammenwachsen, und schaut man nach Ost und West, zeigt sich auch, wie stark nutzungsgezeichnet und verwahrlost der alte Teil des Mauerparks ist.
Vielleicht geschieht aber auch hier bald etwas: Die Grün Berlin Stiftung hat im vergangenen Jahr eine Machbarkeitsstudie zur Weiterentwicklung des alten Mauerparkareals und der angrenzenden Flächen (Falkplatz, Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportplatz, Moritzhof) in Auftrag gegeben. Sie hat sowohl die Instandsetzung als auch die Umgestaltung dieses Parkteils zum Inhalt und kommt zu dem Ergebnis, dass neben einer Erneuerung und Ergänzung der Grüninfrastruktur ein Hauptaugenmerk auf der vertraglichen Organisation und Regelung der Parknutzung, insbesondere hinsichtlich Lärm, Müll und Ausschank liegen muss. Hierzu soll ein Nutzungs- und Betriebskonzept erarbeitet werden.

Noch wird am Mauerpark gebaut
Bei meinem zweiten Rundgang, anderthalb Wochen später, an einem Vormittag, fokussiere ich meinen Blick anders. Jetzt fallen mir die Leuchten entlang der Hauptwege auf. Mit ihrem schlichten Design und der zurückhaltenden Farbe habe ich sie beim ersten Besuch nicht wahrgenommen. Noch wird gebaut, noch fehlen die öffentlichen Toiletten.
Der Park zeigt einen klaren Gestaltungsrahmen, der Orientierung bietet und dennoch vielfältige Nutzungsmöglichkeiten zulässt. Er schafft einen Freiraum mit verschiedenen Lautstärken von Nord nach Süd, mit historischen Spuren und altem Baumbestand. Er ist ein Stadtraum, der Dichte und Weite, urbane Wildnis und gebaute Natur sowie zwei Stadtteile miteinander verbindet.
Landschaftsplaner denke für Jahrzehnte
Landschaftsplaner müssen, anders als Architekten, für ihre Ideen Vorstellungskraft für Jahrzehnte im Voraus haben. Denn Landschaft braucht Zeit zum Wachsen. Doch ein gutes Konzept kann leider nicht jedem Problem begegnen: Nach nur einmonatiger Nutzung fallen herumliegender Picknickmüll und Kippen auf, Graffitischmiererei sticht ins Auge. Für mich ein respektloser Umgang mit der Arbeit anderer. Aus dem Grenzraum ist ein Freiraum geworden. Jeder, der ihn nutzt, kann seinen Beitrag leisten, damit aus beiden Parkabschnitten ein Ganzes entstehen und der Mauerpark zu einem echten Volkspark werden kann.
Fotoeinblicke in den neuen Mauerpark



















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Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Park frei!“ enthalten, das im zweiten Quartal 2020 erschienen und wegen der Corona-Pandemie gleichzeitig das Heft für das dritte Quartal 2020 ist. Weitere Artikel sind im Beitrag Park frei! Neues Kiezmagazin feiert den Mauerpark gesammelt und verlinkt.

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