Kein Radweg: Man müsste schon absteigen!

Ich schreibe, obwohl ich wütend bin. Ich sollte mich erst beruhigen. Ich sollte mich so lange beruhigen bis sich Wut in Verwunderung verwandelt hat und bis ich irgendwann über meine Mitmenschen im Brunnenviertel mitfühlend lächle: ‘Jaja. Etwas ruppig sind sie vielleicht, aber bestimmt sehr liebenswürdig.’ Ich will nicht warten. Ich schreibe jetzt.

Und zwar schreibe ich über einen ruhigen, unaufgeregten Kiez. Einen Kiez, der ruhige Wohnquartiere mit dem riesigen immergrünen Humboldthain verbindet. Eine Gegend mit türkischen Bäckern, die immer geöffnet haben, mit der stets präsenten, weltoffenen Silhouette der Deutsche-Welle-Satellitenschüsseln, einem Kiez ohne mit Parkraumbewirtschaftung und mit immer verfügbaren Parkplätzen. Ich schreibe über viele soziale und kulturelle Projekte, den sonntäglichen Bummel über den Mauerparkflohmarkt (der auch mal zum Weding gehört hat – jawohl!) und die immerschöne Aussicht auf den Fernsehturm, Berlins östliche Mitte.

Die Satellitenschüsseln der Deutschen Welle in der Voltastraße. Die schönen Seiten des Brunnenviertels. Foto: Hensel
Die Satellitenschüsseln der Deutschen Welle in der Voltastraße. Die schönen Seiten des Brunnenviertels. Foto: Hensel

Ich schreibe über eine Gegend, in der die Gehwege so breit sind wie anderswo die Landstraßen.

Ich schreibe über den Kiez, in dem ich schon oft beschimpft wurde, weil ich ein Fahrrad besitze und es benutze. Neulich, als ich ohne zu drängeln und ohne Eile hinter einigen Fußgängern gondelte und sich eine Frau aus heiterem Himmel umdrehte um mir aggressiv zuzurufen: “Man müsste schon absteigen! Oder sollen wir etwa beiseite gehen?” Ich war auf einem kombinierten Geh-/Radweg unterwegs.

Oder gestern, als ein Fußgänger, dem ich beim Wechsel von meinem Startpunkt am Haus auf die Straße großräumig ausgewichen war, plötzlich auf mich zu kam, mich an den Armen packte und mich ohne ein Wort vom Fahrrad schüttelte, um dann wortlos weiterzugehen. Einige Meter weiter fuhr plötzlich ein Auto mit Karacho und ohne von mir Notiz zu nehmen auf den Bürgersteig. Dass er mich um ein Haar überfahren hatte, interessierte den Fahrer nicht die Bohne. Später rief mir an der Kreuzung Demminer Straße und Brunnenstraße ein Autofahrer durch die heruntergekurbelte Scheibe zu: „Ich hoffe, Du wirst überfahren“. Warum er das hofft, erklärte er nicht.

Eine Fahrradfahrerin fährt auf der Brunnenstraße. einen Radweg gibt es hier nicht. Foto: Hensel
Eine Fahrradfahrerin fährt auf der Brunnenstraße. einen Radweg gibt es hier nicht. Foto: Hensel

Ich bin echt wütend. Weil die Kiezbewohner mich als Fahrradfahrer als natürlichen Feind betrachten. Weil es nur wenige Fahrradwege gibt im Wedding* und weil es sie mit der größten Selbstverständlichkeit der Welt nicht gibt. Weil Fahrradfahrer im Wedding einfach nicht vorkommen. Grrrh!

Fahrradfahren verboten. Auf dem ehemaligen AEG-Gelände ist das zu verstehen. Foto: Hensel
Fahrradfahren verboten. Auf dem ehemaligen AEG-Gelände ist das zu verstehen. Foto: Hensel

*Seit der Text ursprünglich erschienen ist (2011), hat sich etwas getan. Es gibt inzwischen einige Radwege im Wedding, sogar Fahrradstraßen gibt es. Im Brunnenviertel, wo der Text spielt, gibt es jedoch nach wie vor keine Radwege.

Weiterlesen

–> Der Text stammt vom Blog Planet Wedding, der heute nicht mehr existiert. Mehr Texte von dieser Seite gibt es unter dem Schlagwort Planet Wedding

📍 Kiez: ,

Kommentare

  1. Avatar von Susanne Haun

    Dein Bericht von 2011 spiegelt auch die zurzeit aktuelle Situation wieder, liebe Dominique: die Agression zwischen Fußgänger, Radfahrer und Autorfahrer wird immer größer.
    Es ist ein Unterschied, ob mit Rücksicht auf Fußgänger auf dem Bürgersteig gefahren wird oder der Essenlieferdienst, die Post und Pin-Ag auf ihre Elektroräder oder große Lastenräder ohne Rücksicht auf Fußgänger in schnellem Tempo den Bürgersteig benutzen. Auch der agressive Radfahrer, der an einer engen Baustelle auf dem Bürgersteig mit hohem Tempo auf dich zuradelt. Es ist ein Glück, wenn dieser auf unübersichtlichen Bürgersteigen mit Baustellen überhaupt von Fußgängern wahrgenommen wird.
    Es würde helfen, wenn alle im guten Ton miteinander reden und Rücksicht aufeinander nehmen würden.
    Aber provokant gefragt, wo gibt es heute noch einen guten Ton oder gar Rücksichtsnahme?
    Ich finde es sogar traurig, dass der Artikel nach 14 Jahren immernoch so aktuell ist.
    Liebe Grüße und einen schönen Tagesbeginn von Susanne
    Es geht übrigens gar nicht, dass du beim Fahrradfahren am Arm gepackt wirst.

  2. Avatar von Reinhard
    Reinhard

    Hallo

    also ich erlebe diese Agression nicht beim radfahren… wer innerlich ruht und gelassen bleibt … kann es gar nicht erwarten endlich wieder fit zu sein und bald wieder auf´s Rad steigen zu können. Wer aber unsicher ist und den Lenker nicht gerade hält, naja der sollte lieber zu Fuss gehen – da bringen es auch nicht die ganzen „sicheren“ Radwege!!

    Hier noch eine kleine Ergänzung – druckfrisch aus der BZ… schnell lesen bevor hinter der Bezahlschranke :)
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/hoch-leben-die-mutigen-frauen-dieser-stadt-li.2291001

    schönes lauwarmes WE

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Tja, dann haben wir wohl verschiedene Erfahrungen gemacht. Ich bin übrigens kein bisschen unsicher auf dem Rad. Aber zumindest in meinem Kiez ist man gelegentlich ziemlich aggressiv gegen Radler. Ich kann das nicht verstehen. Ich war ja lange auch Autofahrerin und war gern flott unterwegs. Ja, man muss halt etwas aufpassen bei Radlern, aber auch bei Fußgängern. Aber das ist ja wohl normal im Straßenverkehr.

      Ich persönlich freue mich auch als Autofahrerin über Radwege. Denn dann wissen die Radfahrer wenigstens wo sie hingehören und fahren mit nicht dauernd vor dem Kühler rum. Ich finde aus jeder Perspektive eine Trennung der Verkehrsmittel gut. Und weil das im Brunnenviertel komplett fehlt, denke ich, ist man hier besonders aggressiv.

      Schönes WE zurück und gute Rekonvaleszenz!

  3. Avatar von Reinhard
    Reinhard

    Vielen Dank für´s Heil werden !!!

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Brunnenmagazin

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen