Niko Izakaya – ein kulinarischer Kurztrip nach Japan

Früher hieß das kleine Restaurant im Pavillon in der Brunnenstraße 73 „Hirsch und Hase“. Nun gibt es an der Stelle traditionelle japanische Küche. Alain Baillet hat das „Niko Izakaya“ ausprobiert.

Eingang Niko Izakaya Berlin in der Brunnenstraße
Hier geht’s rein ins Niko Izakaya in der Brunnenstraße. Foto: Hartmut Bräunlich

Was von außen sichtbar ist

Draußen gibt es keine Karte, keine Öffnungszeiten und keine Telefonnummer. Nur über das Internetportal „Open Table“ kann man reservieren. Dort ist zu lesen, dass „Niko Izakaya“ zunächst in Amsterdam sehr erfolgreich gewesen sein soll, dann in München. Nun hat der Betreiber ein neues Lokal in Berlin eröffnet. Ausgerechnet bei uns in Wedding! Bewertungen liegen schon vor: Nahezu ausschließlich Bestnoten. Der Dresscode: legere Kleidung. Preisklasse: 31 bis 50 Euro. Dafür bekommt man traditionelle japanische Küche (Washoku), also Reis, Fisch, Algen, eingelegte Gemüse …

Blick ins Niko Izakaya Berlin in der Brunnenstraße
Blick ins Niko Izakaya in der Brunnenstraße. Foto: Hartmut Bräunlich

Erster Eindruck: Klein, warm, lebendig

Wir haben einen Tisch um 18.45 Uhr für zwei reserviert. Unser erster Eindruck beim Eintreten: Das kleine Restaurant ist voll und es herrscht eine ausgelassene Stimmung um den U-förmigen Tresen herum, der von der Küche ausgeht. Es ist laut, aber nicht unangenehm: Es ist ein Stimmengewirr in einem überschaubaren Raum mit gedimmten bräunlichen Lichtern. Im quadratischen Zentrum bewegen sich zwei, drei Gestalten flink, eingehüllt in den feinen Dampf, der wie ein Schleier aus der Küche steigt.

Kaum haben wir das Izakaya betreten, ist der Kellner schon bei uns. Mit dem Tablet in der Hand (kein Serviertablett) fragt er nach unserem Namen. Wir werden am Tresen platziert und bekommen zwei Hocker zugewiesen. Vor uns liegt lediglich das Besteck. Es sind jeweils zwei dünne Holzstäbchen mit angelehnter Spitze auf einer Mini-Keramik. Die Speisekarte besteht aus zwei laminierten DIN-A5-Blättern, japanisch beschriftet und mit englischer Übersetzung.

Speisen im Niko Izakaya in der Brunnenstraße
Speisen im Niko Izakaya in der Brunnenstraße. Foto: Hartmut Bräunlich

Kleine Gerichte, große Neugier

Den Preisen nach sind es offenkundig kleine Gerichte und wir freuen uns auf die Möglichkeit einer abwechslungsreichen Verköstigung. Meine Begleitung hat schon einmal japanische Küche probiert und ist sofort auf den „Umami-Cabbage Salat“ neugierig. Umami bedeutet „köstlich“ und gilt, neben süß, sauer, salzig und bitter, als die fünfte Geschmacksrichtung.

Im Nu haben wir vier weitere Gerichte ausgewählt und sinnieren weiter über Getränke, als der freundliche Kellner erneut auftaucht. Wieder mit dem Tablet, immer noch kein Serviertablett. „Unser heutiges Menü“, sagt er und zeigt über unsere Köpfe auf ein loses Blatt mit vielen japanischen Zeichen, das neben den Lampen hängt. Dabei fällt mir auf, dass alle Lampenschirme über dem Tresen aus recycelbaren Kaffeefiltern bestehen. Wir bleiben bei unserer ursprünglichen Auswahl und bestellen ein Bier und dazu eine Flasche Wasser.

Tageskarte im Niko Izakaya
Blick auf die Tageskarte am 23. September 2025. Foto: Hartmut Bräunlich

Das Publikum

Das Publikum ist eher jung bis mittelalt. Hinter uns sitzen zwei Frauen, die das Privileg eines separaten Tisches genießen. Die Sitzgelegenheiten sind zwar die gleichen, nur die Hocker unterscheiden sich in der Höhe. Von der Fünfer-Gruppe an der Ecke des Tresens schallt ein lautes gemeinschaftliches Lachen. Alkohol scheint nicht im Spiel zu sein, nur gute Laune. Drüben sitzen drei mittelalte Männer am Tisch. Könnte es sein, dass das Sake-Angebot denen eher zugesagt hat?

Speisen im Niko Izakaya in der Brunnenstraße
Speisen im Niko Izakaya in der Brunnenstraße. Foto: Hartmut Bräunlich

Herzhaftes & Überraschungen

Schon wird mir mein Bier von einem anonymen Arm über den Tresen gereicht. Ebenso die Flasche Wasser mit zwei Gläsern. Es dauert nicht lange und die zwei ersten Gerichte landen wie von Zauberhand zwischen uns. Der Weißkohlsalat (Umami Cabbage) ist richtig knackig und schmeckt mit der Sauce dazu ein wenig nach Miso. Verblüffend ist die Konsistenz. Der Tofu wiederum ist sehr weiß und erstaunlich weich; lässt sich aber problemlos mit den Stäbchen mundgerecht aufteilen und in die dunkle Sauce eintunken.

Wegen der vielen Miniwürfel aus Ingwer bin ich irgendwie auf eine gewisse Schärfe eingestellt. Dem ist nicht so. Die Aromenkombination wirkt eher rund und harmonisch. Sehr, sehr überraschend! Wir hatten uns jeweils ein Tellerchen von der Oberkante vom Tresen genommen. Als ich mit den ersten Gängen fertig bin, bemerke ich die mondkraterähnliche Struktur dieses Geschirrs. „Das ist alte japanische Ästhetik“, flüstert mir Simone zu. „Schön ist das Unperfekte.“

Speisen im Niko Izakaya in der Brunnenstraße
Speisen im Niko Izakaya in der Brunnenstraße. Foto: Hartmut Bräunlich

Sake oder doch lieber Bier?

Sie möchte nicht beim Wasser bleiben und studiert die Karte mit den unzähligen Sake-Sorten. Schließlich entscheidet sie sich für ein Glas Sake Miyamanishiki und ich darf kosten. Bei aller „Rounded Sweetness“ (abgerundete Süße) gebe ich zu, dass Reiswein für mich doch sehr ungewohnt ist.

Vielleicht probiere ich lieber den nächsten Gang. „Beef Cutlet“ stand auf der Karte. Ich war überrascht: Der Knochen vom Kotelett fehlte und gegrillt war das Beef nicht. Stattdessen kommt eine Platte mit einem Arrangement aus panierten Scheiben um ein Häufchen Radish-Mayo-Brei (Radieschen-Mayo). Das schmeckt vorzüglich! Das gegrillte Reisbällchen muss man sich wie den Kopf eines Schneemanns mit Baskenmütze vorstellen. Vermutlich wurde ich durch diese Assoziation abgelenkt. Ich konnte mich damit nicht richtig anfreunden.

Der zarteste Moment: Yellow Tail

Wir können nicht in einem Izakaya gewesen sein, ohne eine Rohfischspeise gekostet zu haben. Nein, kein Sushi, wir wählen das „Yellow Tail Fish-Tartare“ (Gelbschwanzmakrele). Wir hätten beinahe den Klecks grüner Paste an der Tellerseite übersehen. Der Fisch schmilzt regelrecht im Mund, so lecker und zart ist die Komposition. Zusammen mit einem Tropfen grüner Würzpaste wird es zur regelrechten Geschmacksexplosion. Wir nehmen noch einen Schluck Sake dazu und stoßen auf den gelungenen fernöstlichen Ausflug an.

Niko Izakaya in der Brunnenstraße
Im Niko Izakaya in der Brunnenstraße. Foto: Hartmut Bräunlich

Ein Hauch Japan im Wedding

„Kannst du dich an den Film Perfect Days erinnern?“, fragt Simone. „Ach ja, mit diesem tollen Gebäudereiniger voller Gleichmut und Lebensweisheit“, erinnere ich mich. „Ja, der ist doch heimlich verliebt in die Chefin von einem Izakaya. Liebe geht durch den Magen, heißt es für gewöhnlich. Ich hätte aber nie gedacht, dass das Essen in einem Izakaya so toll schmeckt“, sagt sie. „Klar, weder im Kino noch beim Lesen von Haruki Murakami oder Sayaka Murata wirst du solche Sensationen so richtig nachempfinden können.“

Für eine Weile gaben wir uns noch der Illusion hin, bei Niko zu Hause in Japan gewesen zu sein und zugleich fünf Tonnen CO2-Emissionen vermieden zu haben.

Niko Izakaya: Praktische Infos

Niko Izakaya Berlin, Brunnenstraße 73, Dienstag bis Samstag von 18 bis 23 Uhr geöffnet. Eine Reservierung ist nötig und über die Seite www.niko-izakaya.de (via Open Table) möglich.

Text: Alain Baillet, Fotos: Hartmut Bräunlich

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