Das Quartiersmanagement Ackerstraße zieht aus

Vor wenigen Tagen ist eines der beiden Quartiersmanagements, das Quartiersmanagement Ackerstraße, aus dem Büro in der Jasmunder Straße ausgezogen. Nach 15 Jahren endet nun das Förderverfahren in dem Quartier, der Laden steht leer.

Gleich wird das Schild am Vorortbüro abgeschraubt. Foto: Hensel
Gleich wird das Schild am Vorortbüro abgeschraubt. Foto: Hensel

Für die Bürgerredaktion war das QM-A ein Partner für den Austausch von Kiezneuigkeiten und auch eine Auslagestelle für das Kiezmagazin. Redaktions- und Projektleiterin Dominique Hensel hatte bereits 2011 auf ihrerm privaten Blog darüber nachgedacht wie es sein würde, wenn die Quartiersmanager das Brunnenviertel verlassen. Einiges ist anders gekommen als damals gedacht – und vor allem zu einem andern Zeitpunkt -, aber nun war der Tag mit der Leiter und dem Stadtteilladenschild da. Aus diesem Anlass kommt hier noch Mal der Text aus dem Jahr 2011:

An einem ganz normalen Tag im Brunnenviertel wird der kleine Laden an der Ecke verschwinden. Früh, zum Sonnenaufgang wird sich wie jeden Tag sich die Moschee mit der Aufschrift „Allahindir“ füllen, an der Ecke Brunnenstraße/Bernauer Straße wird sich der Autoverkehr im Berufsverkehr stauen. Unser Nachbar wird den täglichen Gang zum grünen Bäcker absolvieren und mit Brötchen und Zeitung zurückkehren. Mittags werden Marta und Kathi im Café Freysinn versuchen, der Besucherschar von der Deutschen Welle Herr zu werden. Die Glocken von St. Sebastian werden wie jeden Tag zum Gebet läuten.

Das Schild des Stadtteilbüros wird abmontiert

An diesem normalen Tag werden die Plakate der Vereine und Kiezinitiativen abgehängt. Die Computer und Broschüren werden eingepackt, die Hundekotbeutel verstaut, ein Mann wird vielleicht mit wehmütigem Blick auf einer Leiter stehen und das Schild abmontieren: Stadtteilbüro. An diesem Tag, der sehr wahrscheinlich einer der ganz normalen Tage im Jahr 2013 sein wird, ist der letzte Euro aus dem Fördertopf ausgegeben, der für das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ (später unbenannt in „Sozialer Zusammenhalt“) zur Verfügung stand. Die Förderperiode der Europäischen Union, die das Programm zu Verbesserung der Situation in den Kiezen maßgeblich mitfinanziert, endet. Der Laden an der Ecke zieht aus.

Quartiersmanagerin Liane Fiebig vom Quartiersmanagement Ackerstraße mit dem abmontierten Schild des Stadtteilbüros. Foto: Hensel
Quartiersmanagerin Liane Fiebig vom Quartiersmanagement Ackerstraße mit dem abmontierten Schild des Stadtteilbüros. Foto: Hensel

Es wird ein normaler Tag sein. Ganz unspektakulär werden die beiden Quartiersmanagements im Brunnenviertel (QM Ackerstraße, QM Brunnenstraße), die drei weiteren im Wedding und die insgesamt 34 Stadtteilläden in Berlin verschwinden. Die einst als Problemgebiete klassifizierten Kieze mit hoher (Jugend-) Arbeitslosigkeit, hoher Schuldnerquote, hoher Kriminalität, hohem Anteil von Nachbarn nichtdeutscher Herkunft werden ab dann ohne die Finanzspritze zur Selbsthilfe auskommen müssen.

Werden die Strukturen verbessert sein?

In der Zeit nachdem die Quartiersmanager ausgezogen sind, wird sich zeigen, wie nachhaltig die Arbeit aller Beteiligten war. Steht das Familienzentrum auf sicheren Beinen? Wird der Bewohnertreff bleiben? Gibt es weiterhin Kurse für benachteiligte Kinder und Jugendliche, wird der Bildungsverbund Bestand haben? Wird sich die Situation im Problemkiez durch die Unterstützung der Strukturen, durch Förderung von Bildung, Kultur und Nachbarschaft dauerhaft verbessert haben?

Ich habe mir zwei Jahre lang im Quartiersrat Gedanken über die Entwicklung des Kiezes gemacht. Ich habe, und das war das eigentliche Ziel meines ehrenamtlichen Engagements, viele Akteure im Kiez kennengelernt. Ich bin ins Gespräch gekommen, habe Nachbarn getroffen und habe die Schulen besucht, die für Menschen ohne schulpflichtige Kinder sonst abgeschottet wie eine eigene kleine Welt existieren. Ich habe einen Blick für die kleinen Dinge im Kiez bekommen. Ich freue mich über kleine Schritte in die richtige Richtung, habe ein wenig ein Gefühl von Heimat entwickelt.

Quartiersmanagement Ackerstraße und der Quartiersrat

Ich bin grundsätzlich für Bürgerbeteiligung. Der Quartiersrat liefert dafür hier im Viertel eine Plattform. Klar, es gab Dinge, die haben mich während meiner Bürgerjuryzeit aufgeregt. Dass das Land dringende Investitionen in Schulen oder Spielplätze einfach einspart und in die Sphäre der Quartiersmanagements auslagert oder dass das Förderverfahren kompliziert und mit vielen Vorgaben gestrickt wurde, so dass ich als mitentscheidender Bürger eigentlich zu wenig Spielraum für Mitbestimmung habe. Trotzdem ist der Quartiersrat eine gute Sache. Wo sonst findet man so schnell Kontakt zu den Initiativen und Akteuren im Kiez, die sich Gedanken machen und etwas tun wollen für die Beseitigung der Probleme?

Dominique Hensel von der Bürgerredaktion kam zufällig vorbei und half beim Abschrauben des Schilds des Quartiersmanagement Ackerstraße. Foto: Hensel
Dominique Hensel von der Bürgerredaktion kam zufällig vorbei und half beim Abschrauben des Schilds des Quartiersmanagement Ackerstraße. Foto: Hensel

Die Vernetzung wird neben dem Fördergeld am meisten fehlen im Viertel. Es wird der Gastgeber und Moderator fehlen im Gespräch der Nachbarn und Aktiven, die in sehr verschiedenen Welten leben und die einfach sehr viele verschiedene Sprachen sprechen. Insofern wird der Laden an der Ecke mehr sein als eine weitere leerstehende Immobilie. Es gibt Tage, auf die freut man sich einfach überhaupt nicht.

Anmerkung Dezember 2020: Das Quartiersmanagement Brunnenstraße bleibt weiterhin im Kiez aktiv. Von ihm wird unter anderem die Bürgerredaktion unterstützt, von der dieser Blog betrieben und das Kiezmagazin produziert werden.

–> Der Text aus dem Jahr 2011 stammt vom Blog Planet Wedding, der heute nicht mehr existiert. Mehr Texte von dieser Seite gibt es unter dem Schlagwort Planet Wedding

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