Respekt für Stadttauben

Ärgern Sie sich über Taubenkot? Oder wundern Sie sich über Menschen, die Tauben füttern? Haben Sie schon vom Berliner Stadttaubenkonzept gehört? Oder sind Ihnen die Tiere egal? Unsere Autorin meint: Stadttauben gehen uns alle an.

Ein Taubenschwarm am Bahnhof Gesundbrunnen. Foto: Sulamith Sallmann
Ein Taubenschwarm am Bahnhof Gesundbrunnen. Foto: Sulamith Sallmann

Es sind viele, zu viele Tauben, die inzwischen in unserer Stadt leben. Nach Schätzungen sind in Berlin zwischen 10.000 und 20.000 Stadttauben heimisch. Häufig in Bahnhofsnähe, wie am Gesundbrunnen, doch auch in meiner Hofanlage. Seit dem vergangenen Jahr stört mich das. Die Tauben wagten sich auf einmal bis auf die Brüstung meines Balkons vor. Eine Frau aus der Nachbarschaft, der ich aufgeregt davon erzählte, warnte mich: „Sie werden Nester bauen und brüten.“

Schnell weg mit ihnen, ist mein erster Gedanke. Im Internet forsche ich nach Möglichkeiten, die Tauben loszuwerden. Ich will es auf sanfte Weise versuchen, verbreite Essiggeruch, stelle Windräder auf, mache mich mit Geräuschen bemerkbar. Alles hilft nur für kurze Zeit. Dann entdecke ich im Buchladen Karin Schneiders Porträt über Tauben und fange an, mich näher mit dem Thema zu beschäftigen.

Eine Gemeinschaft von vielen Tausend Jahren

Die Taube, lerne ich bei meiner Lektüre, gehört zu den ältesten Haustieren des Menschen. Um Fleisch, Federn und Eier zu nutzen, hat er sie in seinem Sinne gezüchtet. Als Ergebnis legen sie sechs- bis achtmal im Jahr Eier, immer zwei. Ihre Nester sind nicht sehr aufwendig, meist reicht ein kleiner geschützter Bereich. Die verwilderte Haustaube stammt ursprünglich von der Felsentaube ab, und so lebt sie nicht auf Bäumen wie wilde Ringeltauben, sondern nutzt Nischen: unter Bahnhofsbrücken, an Gebäudevorsprüngen oder gar auf Balkonen. Dabei sind sie eben nicht aus einem natürlichen Habitat in die Stadt abgewandert, sondern gestrandete Zucht-, Brief- oder Hochzeitstauben. Sie sind gewohnt, dass man sie füttert, und daher auf uns angewiesen.

Füttern, aber richtig

Natürlich komme ich nicht auf die Idee, die Tauben auf meinem Balkon zu füttern. Das ist auch nicht erlaubt. Aber was fressen Tauben eigentlich? Wenn sie in der Nähe von Imbissbuden Reste von Döner, Pommes oder Brot zu sich nehmen, dann sind sie in Not. Denn eigentlich sind sie Körnerfresser und mögen Mais, Erbsen oder Weizen. Von nicht artgerechtem Essen werden sie krank und bekommen Durchfall. Der Taubenkot, der uns so stört, der grünlich und flüssig ist, kommt von solch einer Mangelernährung. Bei artgerechter Ernährung ist der Kot der Tauben trocken und fest, und lässt sich einfacher beseitigen. Früher wurde er zum Düngen genutzt und im Mittelmeerraum wurden für den wertvollen Naturdünger sogar spezielle Taubentürme gebaut. Doch wie kommen die einstigen Haustauben ans richtige Futter? Einige Berliner:innen füttern ehrenamtlich Tauben, bestellen sich Körnermischungen, sprechen sich untereinander ab.

Eine Verletzungsgefahr: Geldautomat am Gesundbrunnen mit Spikes zur Taubenabwehr. Foto: Sulamith Sallmann
Eine Verletzungsgefahr: Geldautomat am Gesundbrunnen mit Spikes zur Taubenabwehr. Foto: Sulamith Sallmann

Aus Mitgefühl für Tiere

Bei meiner Suche im Internet stelle ich fest, dass sich viele Menschen und Vereine schon seit Jahren um das Wohl der Stadttauben sorgen und sich um sie kümmern. Die Tiermedizinerin Dr. Almut Malone vom Vogelschutz-Verein Avian räumt mit dem Vorurteil auf, die Stadttauben würden Krankheiten übertragen. Ich erfahre, dass die Tauben oft selbst krank werden. Nicht nur durch falsche Ernährung, sondern auch durch Verletzungen, die sie sich durch Taubenabwehrsysteme wie Netze oder Spikes zuziehen. Da sich das angezüchtete Brutverhalten der Tiere nicht ändert, sind sie weiter auf der Suche nach Nistplätzen. Den Tieren muss also geholfen werden.

Was könnte ich selbst tun? Aktiv helfen kann ich nicht, aber den Vorschlag von Dr. Malone, ihrem Verein einen City-Cent pro Tag für die Betreuung und mehr Sauberkeit zu spenden, den könnte ich umsetzen. Das sind 3,65 Euro im Jahr. Doch die Tauben auf meinem Balkon beschäftigen mich weiterhin. Wer ist eigentlich für die Stadttauben zuständig? Die einstigen Taubenbesitzer? Der Berliner Senat? Wir alle?

Ein Zuhause für Stadttauben

Die verschiedenen Tierschutzvereine haben Druck gemacht und dem Senat 2018, gemeinsam mit der Landestierschutzbeauftragten, ein Taubenmanagement empfohlen. In Taubenschlägen soll artgerechtes Futter bereitgestellt und die Tiere sollen medizinisch versorgt werden. Statt auf der Straße würde dann auch der Taubenkot in den Schlägen landen. Vor allem gäbe es so die Möglichkeit, den Taubenbestand zu kontrollieren: Die gelegten Taubeneier werden gegen Attrappen aus Gips ausgetauscht.
Ich finde das gut, aber wie sieht das praktisch aus? Für die Tauben am Gesundbrunnen zum Beispiel müsste ein Taubenschlag ganz in der Nähe eingerichtet werden, ähnlich dem am Südkreuz. Die Nistmöglichkeiten am Bahnhof müssten tierschutzgerecht verschlossen werden. Der Bezirk Mitte müsste Geld beantragen, eine geeignete Fläche finden sowie ehrenamtliche Helfer für die Betreuung. Ist das, was in anderen Städten wie Augsburg schon gut funktioniert, überhaupt so einfach auf Berlin übertragbar? Und auch ein weiterer Einwand liegt in der Luft: Gibt es nicht genug andere Probleme?

Eine Stadt ohne den lästigen Taubenkot, mit weniger, aber gesünderen Tauben scheint mir dennoch eine gute Aussicht. Auf meinem Balkon will ich sie jedenfalls nicht haben, und werde dort wohl alles freiräumen müssen, damit sie keinen Nistplatz finden. Wir alle können etwas tun, schließlich leben wir mit ihnen in der Stadt. Ich werde die Stadttauben künftig mit anderen Augen betrachten. Aus der Distanz, aber mit Respekt.

Ein Plakat der Kampagne #RespektTaube der Tierschutzbeauftragten des Landes Berlin.
Ein Plakat der Kampagne #RespektTaube der Tierschutzbeauftragten des Landes Berlin.

Zum Weiterlesen

–> Karin Schneider: Tauben. Ein Portrait (Naturkunden), Matthes & Seitz Berlin, 2021
–> www.berlin.de/lb/tierschutz/tauben/
–> www.taubenmanagement-berlin.de
–> www.stadttaubenprojekt-berlin.de

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Der Text ist auch im Kiezmagazin „Wer rastet… kommt weiter!“ enthalten, das im März 2024 erschienen ist. Weitere Beiträge aus dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Kiezmagazin: Wer rastet… kommt weiter!“ gesammelt und verlinkt.

Kommentar

  1. Avatar von Hans dieter Röhrich
    Hans dieter Röhrich

    Eine sehr aufschlussreiche Darlegung über die Tauben, die geliebt aber auch verdammt werden, möge sich jeder sein eigenes Urteil bilden.

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