Silent Book Club: Lesen unter Buchfreunden

Ich sitze in meinem Ohrensessel und lese ein Buch. Ich stelle mir dabei vor, dass der Ohrensessel gemütlich aussieht. Fehlt nur noch schottischer Whiskey und Zigarre. Denke ich. Doch meine Frau sieht mich und sagt: „Übrigens gibt es da in der Bibliothek den Silent Book Club, jeder liest für sich, aber in Gemeinschaft. Geh doch mal dahin!“ Ich teste und kann sagen: Stilllesen in Gemeinschaft funktioniert.

Silent Book Club in der Bibliothek am Luisenbad. Foto: Andrei Schnell
Silent Book Club in der Bibliothek am Luisenbad. Foto: Andrei Schnell

Ich bin skeptisch, während ich im Vorraum der Bibliothek Am Luisenbad stehe. Ich mag Bücher, ich mag es sogar, sie zu lesen. Von der ersten bis zur letzten Seite. Und manchmal gehe ich auch in diese Bibliothek, um mir Nachschub für meine Ohrensesselbeschäftigung zu holen. Doch was soll es bringen, hier zu lesen? Zusammen mit anderen? Ist Lesen nicht Ich-Zeit?

Offenbar nicht. Es sind durchaus Leute gekommen, die das neue Format Silent Book Club ausprobieren wollen. Es sind sogar recht viele. Geradeso passen alle in die gemütliche Leseecke der Bibliothek. Stühle mit Tischen stehen bereit, auf dem Boden liegen Kissen. Ein 10-Liter-Wasserkocher mit alkoholfreiem Punsch brummt entspannt vor sich. Schälchen mit Gummibeeren und Salzstangen locken. Der Anblick lässt in mir Botenstoffe ausschwärmen mit der Nachricht: Das ist gemütlich. Erstaunlich, wie wichtig Essen und Trinken für die gute Stimmung sind. Eine Bibliothekarin begrüßt uns, sie freut sich, dass so viele gekommen sind. Mal seien es viele, mal wenige, sagt sie. Sie könne nicht sagen, ob die Partyregel gelte, je mehr, desto besser. Oder ob es sogar umgekehrt sei: umso besser sei, je weniger. Dass uns eine Bibliothekarin begrüßt, passt irgendwie. Denn in dem Hort der Bücher arbeiten eigentlich nur Frauen. Und auch zum Silent Book Club sind nur Frauen gekommen. Ich bin bei diesem Termin der einzige Mann unter mindestens 15 Frauen. Woran liegt das?

Silent Book Club: Allein lesen in Gemeinschaft

Der Leseklub startet damit, dass alle den Buchtitel sagen und warum sie das Buch gerade lesen. Das geht für mich zu schnell. Ehe ich den vorgetragenen Namen von Titel und Autor für mich selbst im Kopf leise wiederholt habe, ist die Buchvorstellung schon vorbei. Worum ging es in dem Buch noch mal? Und ich selbst mache es vermutlich genauso schlecht, als ich aufsage, welches Buch ich mitgebracht habe. Alle haben Bücher mitgebracht, das Angebot, einfach ein Buch aus dem Regal zu nehmen, nutzt niemand. Alle sind versorgt. Manche haben sogar mehrere Bücher parat, um spontan entscheiden zu können, was sie weiterlesen.

Dann wird ein Wecker gestellt. In der nächsten Sekunde sind alle in die Geschichten zwischen den Buchdeckeln entschwunden. Manchmal raschelt eine Seite. Manchmal pleppert Punsch in eine Tasse. Nicht nur in unserer Leseecke ist es still, auch aus dem großen Saal dringt kein Geräusch. Denn die Uhr zeigt an, dass es mittlerweile kurz vor Schließung ist. Wir dürfen die Bibliothek exklusiv über die Öffnungszeiten hinaus nutzen. Auch ich lese. Fast wie in meinem Ohrensessel. Ich nehme nur die Buchstaben wahr. Aber nicht ganz. Irgendwie merke ich doch, dass da andere sind. Und dass sie mich in Ruhe lassen. Gemeinschaftliches Rücksichtnehmen. Also das Gegenteil von dem, wie sich bestimmte soziale Medien anfühlen.

Stille im Lesesaal der Bibliothek am Luisenbad. Foto: Andrei Schnell
Stille im Lesesaal der Bibliothek am Luisenbad. Foto: Andrei Schnell

Lesen ist ein Türöffner

Schließlich klingelt der Wecker. Noch einmal kann, wer mag, über sein Buch sprechen. Zum Beispiel erzählen, wie ihm das Gelesene gefallen hat. Vereinzelt werden sich Fragen zugeworfen. Mir fällt auf, dass das stille Lesen die Menschen aufgeschlossener macht. Ich hätte nicht vermutet, dass Lesen ein Eisbrecher sein kann. Vielleicht sollten die Teambuilding-Agenturen nicht nur an gemeinsames Hangeln über eiskalte Bäche, an Escape Rooms oder an den Bau von Legotürmen denken. Einfach zusammen sitzen und lesen, wirkt auf die Teilnehmer offenbar auch verbindend.

Diskutiert wird nicht. Dennoch ist herauszuhören, was bewegt. So klopfen offenbar nicht wenige der anwesenden Leserinnen ihre Bücher darauf ab, welche Frauen- und Männerbilder enthalten sind. Doch eine Frau sagt, sie habe sich an gelungenen Formulierungen erfreut. Mein Buch glänzt nicht mit gelungenen Formulierungen, ist sogar ein klein wenig kitschig. Zu erklären, warum ich es dennoch lese, das ginge zu weit, man kennt sich ja doch nicht so gut. Aber das mit dem Kennenlernen kann ja noch werden. Es ist ja einer der ersten Termine und wer öfter zu einem Silent Book Club geht, kann Freundschaften von ganz allein wachsen lassen.

Silent Book Club kommt wie vieles aus den USA. (Ist Deutschland einfallslos oder hat es die falsche Sprache?) Zur Begründung, warum stilles Lesen in Gemeinschaft cool ist, schreibt https://silentbook.club: „Because ‚Silent Book Club‘ sounds better than ‚drinking on a Monday‘.“ Dazu muss man wissen, die ersten Silent Book Clubs fanden in Bars statt. In einer Bibliothek gibt es natürlich keinen Alkohol. Ich empfinde das als eine positive Abwandlung, ich möchte nicht Gehirnzellen töten, nur weil nette Leute anwesend sind. Eine andere Begründung, warum es Silent Book Club gibt, lautet: „Also known as Happy Hour for introverts“. Abgesehen davon, dass es in diesem Satz wieder um Wein geht, trifft eine mildere Formulierung die Stimmung meines Leseabends besser: „Selbstdarsteller müssen leider draußen bleiben“. Am 12. Dezember um 19 Uhr kannst du es selbst ausprobieren, in der Bibliothek am Luisenbad.

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Hier sind die Termine für den Silent Book Club in der Bibliothek am Luisenbad. Auf der Seite Silent Book Club (SCB) wird das Konzept selbst vorgestellt.

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