Am Freitag waren alle Autos weg. Die Nachbarn haben Platz gemacht für die temporäre Spielstraße. Für vier Stunden war ein Stück der Glasgower Straße an diesem 13. Juni ein Spiel- und Nachbarschaftsraum. Zwischen Seifenblasen und Bobbycar: Ein Nachmittag auf der Spielstraße in der Glasgower Straße.

Rot, blau, grün, gelb. Munter flattern die dreieckigen Wimpel am langen weißen Band im Sommerwind. Die sanfte Brise ist angenehm an diesem warmen Sommertag. Rot, blau, grün, gelb flattern die Farbkleckse über der Glasgower Straße; sie sind zwischen einer Laterne und einem schattenspendenden Baum aufgespannt worden. Einladend und freundlich sieht das aus mit der Wimpelkette. Wahrscheinlich war es Uta, die die Wimpel aufgehängt hat, und möglicherweise hat ihr Lena dabei geholfen. Uta, die mit vollem Namen Uta Francisco dos Santos heißt, organisierte seit einiger Zeit zusammen mit anderen Mamas aus dem Kiez die temporäre Spielstraße. Vor allem Mamas sind es, sagte sie, die sich ihrer Initiative angeschlossen haben und mit ihr den Sommer über einmal im Monat die Straße für ein paar Stunden zum Spiel- und Nachbarschaftsraum machen.

Für die Kita, für den Kiez
Am Freitag, dem 13. Juni, ist der zweite Spielstraßentermin in diesem Jahr. An dem Tag ist das Wetter so sommerlich, dass auch die nahe Plansche im Schillerpark an diesem Nachmittag ein Ziel für Familien ist, zumal sie an diesem Tag zum ersten Mal Wasser führt. Aber es haben sich doch einige für die Spielstraße entschieden und sind zur Glasgower Straße gekommen. Zum Start um 15 Uhr war der Straßenabschnitt zwischen Schöningstraße und Ofener Straße erstmal vor allem mit den Kindern der deutsch-brasilianischen Kita Primavera gefüllt. Die Kita liegt an diesem Spielstraßentag mitten im Geschehen. Doch nach und nach kommen weitere Familien, mehr Nachbarinnen, mehr Kinder. Bis die Spielstraßenzeit um 19 Uhr endet, hat sich das Stückchen der Glasgower Straße richtig gut gefüllt mit fröhlichen Kinderstimmen, Balldribbeln und nachbarschaftlichem Plausch über den Gartenzaun. Nur ganz ohne Gartenzaun eben.




Viele kleine Geschichten
Es ist ein friedliches, fast idyllisches Bild, wie Kinder verschiedener Größen und Erwachsene die Straße bevölkern, beleben. Besonders für die Kinder gibt es unzählige Spielmöglichkeiten. Ein Grundschüler probiert ganz konzentriert und vorsichtig die kleinen Rampen mit dem Skateboard aus. Eine Handvoll Kinder versucht abwechselnd, in den Basketballkorb zu treffen. Ein kleines Mädchen in einem blau gepunkteten Kleid saust mit dem Laufrad über die Straße. Überall auf der Spielstraße beginnen viele kleine Geschichten gleichzeitig. Eine Mutter stützt sorgsam ein Mädchen, das die ersten Schritte mit den Stelzen versucht. Eine andere wickelt ihr Kind mitten auf der Straße, während sie mit einer anderen Mutter plaudert. Die Geschichte mit der Straßenkreide muss schon früher gewesen sein, denn die Bilder sind schon fertig. Eine karierte Kreidesonne und ein blaues Mädchen mit gelben Haaren sind auf dem Asphalt zu sehen.
Überall ist etwas los, alles wird ausprobiert: Sackhüpfen, Bobbycar, Seilspringen, Seifenblasen und vieles mehr. Es gibt einen kleinen Stand fürs Hairstyling; einige Mädchen lassen sich die Haare flechten. Länger warten muss, wer ein Styling fürs Gesicht möchte. Am Kinderschminken-Stand bildet sich schnell eine lange Schlange. Aus Kindern werden hier zum Beispiel kleine, bunte Flamingos.




Gespräche auf der Spielstraße
Zwischen all dem bunten Gewusel ist Uta. Irgendwo. Sie ist für die Spielstraße verantwortlich und sichert sie mit drei weiteren Mamas an diesem Tag ab – ehrenamtlich. Um 13 Uhr hat Uta mit den Vorbereitungen begonnen und gegen 20 Uhr, wenn alles abgebaut, verstaut und aufgeräumt ist, wird sie den Spielstraßentag für sich beenden. Tischtennisplatten einpacken, Basketballnetze, Bälle und Co. verstauen, die rot-blau-grün-gelbe Wimpelkette wieder abnehmen.
Bis es soweit ist, hat Uta noch viel zu tun. Sie ist Ansprechpartnerin fürs Ordnungsamt (die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern lobt sie explizit), sie ist da, wenn das Tischtennisnetz irgendwie nicht aufzufinden ist. Sie beantwortet Fragen von Journalisten und lotst an diesem 13. Juni auch ein Fernsehteam des rbb über die Spielstraße. Sie spricht mit Nachbarinnen und sorgt für die Sperrung (und Entsperrung) der Glasgower Straße. „Dieses Mal hat es gut geklappt. Die Nachbarn haben mitgemacht. Es stand kein Auto da“, freut sie sich über die Einhaltung des vorübergehenden Parkverbots. Überhaupt bekomme sie aus der Nachbarschaft viel Zuspruch für die Spielstraßenaktionen. Nur wenige sind nicht so überzeugt davon, dass hier vor ihrem Fenster immer wieder vorübergehend Platz für Spiel und Begegnung entsteht. „Besonders ältere Menschen freuen sich sehr, dass es mal so trubelig und lebendig ist“, erzählt Uta.


Spielstraße: Temporär oder immer
Irgendwo mitten in diesem fröhlichen Spielstraßendurcheinander ist eine zufällige Passantin mit ihrer Tochter auf Uta getroffen. Die beiden treffen genau die Richtige! Die Tochter schaut mit vorsichtiger Neugier zu Uta hoch. Die Mutter fragt: „Ist das hier nur für die Kinder der Kita oder ist das für alle?“ Es ist für alle, sagt Uta, und das Mädchen lächelt, die Mutter nickt. Sie nimmt gern den Handzettel mit den nächsten Spielstraßenterminen. Sie sind am 18. Juli, 15. August und 19. September. Erstmal.
Wenn es nach Uta geht, dann gibt es bald eine permanente Spielstraße im Kiez. Nicht unbedingt die Glasgower Straße, denn die sei dafür nicht geeignet, meint Uta, aber eine andere Straße in der Nähe. Welche, will sie noch nicht verraten. Vielleicht lädt sie als Erstes den zuständigen Bezirksstadtrat mal auf die Spielstraße ein, damit er sich ein Bild machen kann. Ihn muss sie von der Idee der Dauer-Spielstraße überzeugen. Die Kinder und Mamas und Papas auf der Glasgower, für die braucht es ganz offenbar keine überzeugenden Worte. Für sie braucht es nur eine Wimpelkette als Markierung: Hier ist euer Bereich. Rot, blau, grün, gelb für immer.
