Drehtür, Baustelle, Konzertsaal – Musik im Ausnahmezustand

Zwei Konzerte, zwei Welten: Unterschiedlicher hätten die ersten beiden Konzerte des stARTfestivals im Wedding kaum sein können. Ruhig, beinahe intim und in ungewöhnlicher Umgebung begann das Festival am 23. April im Wiener Café von Bayer in der Müllerstraße. Am 3. Mai folgte ein Abend an einem der schönsten und renommiertesten Konzertorte des Stadtteils: dem Piano Salon Christophori. Dort zeigte eine klassische Pianistin eine überraschend persönliche, neue Seite. Bevor Mitte des Monats das dritte Berlin-Konzert des Festivals von Bayer Kultur ansteht, lohnt ein Rückblick auf die ersten beiden Abende.

Konzert im "Wiener Café": die Perkussionistin Roshanak Rafani und die Pianistin Nina Gurol. Foto: Hensel
Konzert im „Wiener Café“: die Perkussionistin Roshanak Rafani und die Pianistin Nina Gurol. Foto: Hensel

Ein Konzert hinter der Drehtür

Das Konzert bei Bayer Kultur begann mit dem Gang durch eine Drehtür und der Fahrt mit der Rolltreppe hinein in die sonst verschlossene Niederlassung des Chemiekonzerns. Oben angekommen, nickte ein Sicherheitsmitarbeiter gut gelaunt in Richtung des Spielorts: Zum Wiener Café bitte dort entlang. Der riesige Komplex in der Müllerstraße ist normalerweise keine Konzertbühne – schon gar keine für die Öffentlichkeit. Doch Christoph Böhmke von Bayer Kultur hat bereits mehrfach Musik ins Haus gebracht.

Die Idee: Mitarbeitende sollen nach Feierabend, nur einen Katzensprung vom Arbeitsplatz entfernt, anspruchsvolle Konzerte erleben können. Besonders für den Wedding war jedoch, dass auch Anwohnerinnen und Anwohner ein kostenloses Ticket buchen konnten. So saß schließlich ein bunt gemischtes Publikum aus rund fünfzig Personen vor der kleinen Café-Bühne – mitten in der markanten 70er-Jahre-Architektur.

Konzert im "Wiener Café": die Perkussionistin Roshanak Rafani und die Pianistin Nina Gurol. Foto: Hensel
Konzert im „Wiener Café“: die Perkussionistin Roshanak Rafani und die Pianistin Nina Gurol. Foto: Hensel

Zwischen Klassik, Club und Perkussion

Die Musik gestalteten die Pianistin Nina Gurol und die Perkussionistin Roshanak Rafani – eine kleine Abweichung vom ursprünglichen Programm. Rafani war kurzfristig für die iranische Tombak-Spielerin Nesa Azadikhah eingesprungen. Dem Publikum war davon kaum etwas anzumerken: Das Zusammenspiel wirkte geschlossen und sorgfältig aufgebaut. Nichts erinnerte an eine Notlösung, vielmehr folgte das Programm einer klaren, langsam sich entfaltenden Dramaturgie.

„Elektronische Clubkultur trifft auf klassische Klänge“ lautete die Ankündigung. Tatsächlich entstand ein ruhiges Konzert mit einem energischen Finale – zwischen Klavierklängen und persisch geprägten Rhythmen. Roshanak Rafani spielte auf verschiedenen Perkussionsinstrumenten, darunter die Rahmentrommel Daf. Es war Musik für den entspannten Ausklang eines Arbeitstages, nur gelegentlich – fast sparsam – durch elektronische Klänge aus dem Computer ergänzt.

Alles liegt bereit für de Einsatz beim Konzert am Bayer-Standort in der Müllerstraße. Foto: Hensel
Alles liegt bereit für de Einsatz beim Konzert am Bayer-Standort in der Müllerstraße. Foto: Hensel

Konzertbeginn auf der Baustelle

Der zweite Konzertabend des Festivals begann mitten auf einer Baustelle. Das Gelände der Uferhallen, in denen sich der Piano Salon Christophori befindet, wird derzeit umgebaut. Vor dem Einlass stand das Publikum zwischen Bauzäunen und Sandhaufen.

Beim Betreten der Werkhalle, die zugleich Werkstatt für Klavierrestauration und Konzertbühne ist, ist dieser erste Eindruck jedoch sofort vergessen. Es öffnet sich ein großer Raum mit langen Stuhlreihen und einer Bühne voller Flügel, der dennoch überraschend warm wirkt. Die Mischung aus Werkstatt und Kultur, aus Alt und Neu – mit Gemälden an den Wänden, alten Stehlampen, Werkzeugen und Klavierteilen – erinnert an Räume, wie sie in den 1990er-Jahren vielerorts zu finden waren und heute kaum noch existieren.

Auch der Piano Salon Christophori, möglicherweise die schönste und zugleich romantischste Konzertbühne im Wedding, ist nicht gesichert. Die Verhandlungen über künftige Mietkonditionen mit dem Eigentümer sind noch nicht abgeschlossen.

Beatrice Berrut und Nadir Graa im Piano Salon Christophori. Foto: Hensel
Beatrice Berrut und Nadir Graa im Piano Salon Christophori. Foto: Hensel

Klassisches Publikum im Piano Salon

Das Publikum im Piano Salon war kein typisches Feierabendpublikum, sondern klassisches Konzertpublikum: gut gekleidet, gelegentlich mit Hut, teilweise zuvor bei einem Tag des offenen Ateliers in Potsdam und nun in den Wedding gereist. Man kennt sich, man kennt den Betreiber Christoph Schreiber, und man hört hier regelmäßig klassische Klaviermusik.

Daher ist es kaum verwunderlich, dass die Pianistin Beatrice Berrut das Konzert vor rund 150 Gästen mit einer Vorbemerkung eröffnete, die wie eine Entschuldigung klang: „Ich stelle heute mein neues Projekt vor. Ich freue mich, dass Sie gekommen sind und offene Ohren dafür haben … Es ist ja keine klassische Musik.“

Kurz vor Konzertbeginn im Piano Salon Christophori in der Uferstraße. Foto: Hensel
Kurz vor Konzertbeginn im Piano Salon Christophori in der Uferstraße. Foto: Hensel

Persönliche Musik zwischen Genres

Zu hören bekamen die Anwesenden sehr persönliche Texte – geschrieben etwa für „meinen weisen Großvater“ oder als musikalische Reaktion auf eine Aussage ihres Kindes. Beatrice Berrut hält vor jedem Stück kurz inne, sammelt sich und setzt dann die ersten Töne. Hier zeigt sich ihre Verwurzelung in der Klassik, wie sie dem Publikum des Piano Salons bereits bekannt ist.

An diesem Abend stand sie gemeinsam mit dem Bassisten Nadir Graa auf der Bühne. An der Schnittstelle von Trip-Hop, Pop und Poesie erklang Berruts klare, beinahe fragile Stimme. Eindrucksvoll ist dabei nicht nur die Musik selbst, sondern auch der natürliche Charme der Musikerin, der sich besonders in ihren Ansagen zwischen den Stücken zeigt. Das Publikum quittierte das besondere, wenn auch nicht klassische Konzert im Piano Salon Christophori mit viel Applaus und wünschte sich am Ende sogar eine Wiederholung eines der Lieder.

Das stARTfestival

Das stARTfestival bringt seit 2021 neu interpretierte Klassik, junge Talente und internationale Künstlerinnen und Künstler auf Bühnen in Leverkusen, Wuppertal und Berlin. Die Spielorte liegen rund um die Standorte der Bayer AG. Zentrum der Reihe, die von April bis Juni stattfindet, ist das Erholungshaus in Leverkusen. In Berlin stehen in diesem Jahr drei Konzerte im Wedding auf dem Programm.

Das nächste Konzert im Wedding

Das nächste und letzte Konzert des stARTfestivals 2026 in Berlin findet am 21. Mai erneut im Piano Salon Christophori in der Uferstraße 8 statt. Ab 20 Uhr treten Tom Betsalel und Nour Darwish auf und präsentieren eine Mischung aus arabischen und westlichen Rhythmen und Melodien, begleitet vom Vibraphonisten Eitan Gurshman. Eintrittskarten können über die Webseite des Piano Salons reserviert werden.

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