Liebe Panke, du bist keine dornige Chance, du bist eine verpasste Chance. Zumindest im Gesundbrunnen. Dort bist du ein Rinnsal, an dem Menschen achtlos vorbeilaufen. Anders in Alt-Mitte und Pankow, wo dich die Menschen lieb haben. Als Optimist schreibe ich dir in diesem Brief, was du alles sein könntest.
Liebe Panke, es war an einem Sonnabend im März, als Biologe Gunter Martin anlässlich des UN-Weltwassertags zu einem Spaziergang entlang deines Ufers einlud. Er hatte viele spannende Dinge zu erzählen. Nur über dich hat er nicht viel zu sagen gewusst. Das überraschte mich im ersten Moment, immerhin hieß der Flaniergang „Lebensader Panke“. Aber beim Nachdenken fiel mir auf, dass du tatsächlich alles andere als eine Lebensader bist. Mehr so ein notwendiges Alltagsding. So wie Regen. Durchaus schön, aber Regenschirm ist besser. Ich zähle mal auf, was du nicht bist, aber sein könntest.

Panke: Keine Badestelle
Es ist Sommer und es ist heiß, da will ich ein Fischlein sein. In Pankow, wo die Panke erst durch den Bürgerpark fließt, um dann den Schlosspark Niederschönhausen zu erreichen, sind Kinder nicht selten spritzende Fischlein. Die Kiezbeobachter von www.florakiez.de im Nachbarbezirk notierten schon vor zehn Jahren: „Vor allem die neuen Staustufen im Schlosspark sind geradezu zur Kinderplantsche mutiert.“ Wer das nicht glaubt, weil die Panke doch so giftig sei, kann sich mal im Sommer mit dem Rad zu den Kleingärten Pankeglück und Schüßler aufmachen und sich dort an den Panketreppen selbst ein Bild davon machen, wie unbeschadet dort Kleinkinder in den Strudeln planschen. Im Gesundbrunnen ist eine solche Wassernutzung unbekannt.
Manch einer traut sich mit den Füßen vielleicht nicht in die Panke, weil er gehört hat, dass die Berliner Wasserbetriebe bei außergewöhnlichem Starkregen einfach die unterirdischen Schleusen öffnen und die Panke als zusätzliche Kanalisation nutzen. Andererseits: Wer will sich Abkühlen, wenn es regnet wie aus Eimern? Und außerdem: Muss man dies ja nicht genau an der Einleitungsstelle tun, sondern kann die Panke bachaufwärts nutzen.
Andere wieder haben gehört, dass Baden nicht möglich ist, weil der ph-Wert falsch ist, Nitrat und Phosophor lustig mit den Pankewellen mitwandern und es auch Keime geben soll. Andererseits gibt es kurz vor dem Gesundbrunnen im Pankower Bürgerpark die Messtelle 728, an der alle zwei Wochen das Pankewasser auf Keime untersucht wird. Liegt der vorsorglich niedrig angesetzte Wert der E.Coli-Bakterien unter 1800, kann durchaus gebadet werden. Hier geht es zu den Daten des Berliner Wasserportals und des Messpunkts 728.

Panke: Keine Bootstouren
Bei der Führung des Biologen Gunter Martin kam die Geschichte auf, dass die Königlich Preupische Eisengießerei (1804 bis 1874) in der Invalidenstraße vor – sagen wir Pi mal Daumen – 200 Jahren, die Panke mit Erzkähnen befuhr. Das rief unter den Zuschauern Zweifel hervor. „Gibt es dafür Belege?“, rief einer. Ein Indiz ist die Gedenktafel in der Invalidenstraße auf der steht: „Das Flüsschen Pank versorgte die Produktionsstätte mit Wasser und diente gleichzeitig als Verkehrsanschluss zum Gütertransport“. Auch Wikipedia weiß, dass die Panke schiffbar war. Der Fernsehsender rbb hat in seinem Archiv einen Film vom Juli 1960 eine Reportage über eine Fahrt mit dem Schlauchboot auf der Panke. „Es ist eine einmalige Gelegenheit, denn das Befahren der Panke ist an und für sich verboten“. Wobei: Es kommt auf den Motor an. So heißt es auf der Webseite des Landes Berlin, dass Fließgewässer wie die Panke „nur mit kleinen Fahrzeugen ohne Antriebsmaschine befahren werden“ dürfen. Das heißt, Paddelboot ist erlaubt.

Panke: Keine Natur
Seit Jahrzehnten warten die Menschen im Gesundbrunnen darauf, dass die Panke sich von einem toten Kanal in einen lebendigen Bach verwandelt. Zwischen April 2008 und März 2009 wurde ein Maßnahmenkonzept mit dem Titel Panke 2015 – Ein Bach wird naturnah entwickelt. Berlin will die Panke von ihrem steinernen Korsett befreien und in einen leicht mäandernden Bach mit Auen verwandeln. Doch passiert ist bislang wenig. Am Schlusspunkt der Panke gibt es seit Kurzem eine Fischtreppe und es wurden ein paar Verwirbelungen in Höhe des Erika-Heß-Eisstadions eingebaut. Von Steinnetzen und Wirrgelegematten spricht der Fachmann. Mehr Naturnähe wird es vorerst nicht geben, denn Berlin möchte am nördlichen Teil der Panke in Buch beginnen, um dem gestorbenen Fließ ein zweites Leben zu schenken.

Panke: Kein Wanderweg
Stolz ist der Urweddinger auf die Walter-Nicklitz-Promenade. Der Panke-Grünzug wurde ab 1951 angelegt, blieb aber unvollendet. Zunächst hatte sich Stadtrat Walter Nicklitz und das Weddinger Gartenbauamt ins Zeug gelegt und bis 1958 beinahe drei Kilometer geschafft. Hohe Ufermauer wurden abgesenkt, Böschungen bepflanzt. Die Stockholmer Straße, Travemünder Straße und Kunkelstraße wurden verschmälert, teilweise sogar Betriebe verlegt und Grundstücke angekauft, um Promenadenwege zu schaffen.
Das klingt in den Ohren des Stadtspaziergängers toll. Doch schaut man auf die Südpanke im Bezirk Alt-Mitte, dann sieht man, dass in puncto Anmut noch Luft nach oben ist. Auch im Pankower Bürgerpark hat der Stadtwanderer einen schöneres Ufererlebnis als im Gesundbrunnen, wo die zu querenden Straßen wie Pankstraße, Badstraße oder Osloer Straße wie nervige Werbepausen den Gang unterbrechen. In der Badstraße gibt es noch nicht einmal eine Straßenquerung.

Panke: Keine Musik
Liebe Panke, was soll der wohlmeinende Anwohner mit dir bloß anfangen? Vor einigen Jahren kam Nachbarn auf die Idee, dich als Kulisse für ein Musikfestival zu nutzen und Bühnen an deinen Gestaden aufzubauen. An einem schönen Sommersonnabend im Jahr. Eigentlich das Beste, was passieren konnte. Aber wie so oft in Berlin: Niemand will dauerhaft Geld für den Panke Parcours geben. Und so hangeln sich die Organisatoren von Jahr zu Jahr, hoffen auf diesen Fördertopf oder jenen. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Musikfest ins Wasser fällt. Dann zwar nicht in die Stinkepanke, aber doch ins Fließ der ungenutzten Chancen.

Liebe Panke, ich hoffe, dass noch nicht die letzten Lieder gesungen sind und dass es bald mehr und Schöneres über dich zu sagen gibt. Denn immerhin bis du ja unser einziger Bach – quasi unser Ein und Alles.
Kurze Meldungen aus dem Stadtteil
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