Es war einmal im Wedding

Wenn man mal ein Notstromaggregat benötigt (kann ja sein) oder eine Couch aus den 50er Jahren mit Blumendekor oder eine Auskunft über interessante Flohmärkte in Berlin oder eine CD mit selbstgemachter nonprofit-Musike, dann fragt man Hannes. Hannes ist in allen Fragen der Improvisation bewandert, das hat er in der DDR offenbar gründlich gelernt, und kennt jeden alternativen Partytermin in der Stadt. Ich hatte ihn verloren und nun habe ich ihn wiedergefunden. Im Wedding.

Der Infoladen im Erdgeschoss von Hannes' Wohnsitz. Foto: Hensel
Der Infoladen im Erdgeschoss von Hannes‘ Wohnsitz. Foto: Hensel

Ich kenne Hannes aus der Zeit als gleich nach der Wende in eingefallenen Kellern im Zentrum Berlins die Technobewegung geboren wurde. Wir zogen gemeinsam durch endlose Nächte von Party zu Party und Hannes drehte gelegentlich das schwarze Gold auf dem Plattentellern bis zur Besinnungslosigkeit (der Tonträger, nicht unserer). Wir teilten die Begeisterung für die Aufbruchstimmung, das leicht morbide, die Kreativität in der Berliner Luft. Mit seinem Trabant sausten wir durch die Stadt, tausend Projekte im Kofferraum. Als Hannes 1994 auf der Love Parade auflegte, stand ich auf dem Wagen neben ihm und tanzte im knappen Shirt zu seiner Musik, als es Partys zu organisieren gab, war ich an seiner Seite. Wie Pat und Patterchon.

Nach vielen gemeinsamen Jahren, in denen ich ihm gelegentlich Obdach gab, trennten sich unsere Wege. Wie und warum das geschah, weiß ich nicht genau.

Wiedergefunden im Wedding

Jetzt haben wir uns wiedergefunden. Im Wedding. Hannes wohnt in einem alternativen Wohnprojekt im Wedding, ich wohne einige Straßen weiter und bin, so sagte man mir, vermutlich viel spießiger geworden als damals. Bürgerlich mit wilder Ehe und Kind und Neubauwohnung und Balkon. Doch wenn ich Hannes treffe, fühle ich mich wieder ein wenig wie früher. Tief in mir drin bin ich noch ein wenig die, die ich früher war. Man sieht es nur nicht mehr so leicht. Hannes ist auch ruhiger geworden. Er ist jetzt verlobt. Er trägt noch immer viele Ideen mit sich herum und verfusselt sich gern darin.

Ich weiß nicht, ob wir beide noch immer an die selben Dinge denken, manchmal. Ich weiß nicht, ob sich unsere Begeisterung für bestimmte Projekte noch immer potenzieren würde und wir berauscht von den Möglichkeiten aufs Gratewohl loslaufen würden, einfach so in die gleiche Richtung. Zumindest treffen wir uns jetzt wieder gelegentlich, wo wir doch fast Nachbarn sind. Wir legen unsere Terminkalender nebeneinander wie früher und machen mit der Brechstange Platz für ein Treffen. Und wenn ich ein massives, altes Kinderbett erstehen sollte, dann werde ich ihn fragen, ob er es mit seinem alten Transporter fahren wird. Und ich bin sicher, er wird es tun.

Um ehrlich zu sein: Hannes heißt nicht wirklich Hannes. Ich bin mir zwar sicher, er wäre einverstanden, wenn ich seinen richtigen Namen nennen würde und ich dürfte ziemlich sicher auch ein Foto von ihm veröffentlichen. Aber ich habe ihn nicht gefragt und deshalb heißt er hier jetzt Hannes, nach einem gemeinsamen Freund von früher.

Das Haus in der Schererstraße, in dem Hannes wohnt. Foto. Hensel
Das Haus in der Schererstraße, in dem Hannes wohnt. Foto. Hensel

–> Der Text stammt vom Blog Planet Wedding, der heute nicht mehr existiert. Mehr Texte von dieser Seite gibt es unter dem Schlagwort Planet Wedding

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