Der neue Weddingplatz verlangt Fantasie

Der Bauzaun ist noch nicht weg, der neue Brunnen ist noch abgedeckt, die neu gepflanzten Bäume sind noch Stöcke. Am 12. Dezember feierten Bezirk, Planer und Arbeiter trotzdem bereits Eröffnung für den umgestalteten Weddingplatz. Aber es braucht noch Fantasie, um sich vorzustellen, wie er einmal aussehen wird.

Lebkuchenherz für den Weddingplatz. Foto: Andrei Schnell
Lebkuchenherz für den Weddingplatz. Foto: Andrei Schnell

Betritt man den neu gestalteten Weddingplatz, der vor den Fenstern der Bayer AG am U-Bahnhof Reinickendorfer Straße liegt, dann fällt vor allem die Leere auf. Zum Teil liegt das am Auftrag. Der Platz sollte besser einsehbar und damit sicherer werden. Er sollte weniger Versteckmöglichkeiten bieten. Deshalb haben die Planer vom Büro Franz Reschke Landschaftsarchitektur GmbH vorgeschlagen, die Büsche auf dem Platz zu entfernen und haben mit dieser Idee eine Jury im Jahr 2020 überzeugt.

Die Leere des Platzes liegt aber auch daran, dass 17 ausgewachsene Bäume gefällt wurden. Die 49 neu gepflanzten Bäume sind aber noch schmal und niedrig. Man muss sich vorstellen, wie der Platz wirkt, wenn diese später hochgewachsen sind. Auf den Plänen des Büros Reschke sieht der Weddingplatz durchaus Grün aus. Zahlreiche Bäume mit weiten Kronen sind eingezeichnet und mit dem Namen grünes Dach versehen. Bis dieser Zustand erreicht ist, muss man sich das Grün vorstellen.

Alexander Dietz
Alexander Dietz ist Projektleiter bei der Franz Reschke Landschaftsarchitektur GmbH. Foto: Andrei Schnell

Anwohner freuen sich halb und halb

Ihre Vorstellungskraft bemühen müssen offenbar ältere Anwohnerinnen, die zur Eröffnung gekommen sind. Sie fragen, warum die Umgestaltung 3,4 Millionen Euro gekostet hat, wenn so wenig zu sehen ist. „Man staunt über die Summen“, sagte eine Frau.

Nicht ganz froh sind die Anwohnerinnen, dass Teil des Plans ist, eine Durchwegung vom Weddingplatz zur Panke zu schaffen. Sie befürchten, dass der schon früher offene Durchgang nun bekannt wird und sich herumspricht. Sie sagen: „Dabei führt der Weg gar nicht zur Panke, man muss sowieso bis zur Brücke Schönwalder oder Schulzendorfer gehen, um den Pankegrünzug zu erreichen.“ Tatsächlich erreicht man über die Durchwegung zwar die Kunkelstraße, die an der Panke liegt, aber nicht die Walter-Nicklitz-Promenade.

Die Frauen beobachten, so sagen sie, dass infolge des Vorgehens gegen die Drogenszene am Leopoldplatz jetzt der U-Bahnhof Reinickendorfer Straße mehr als früher zu einem Umschlagplatz wird. Deshalb würden sie es besser finden, wenn die neuen Bänke Armstützen bekommen würden, damit sich niemand hinlegen könne. Aber dass der Platz jetzt weniger Möglichkeiten bietet, Dinge im Verborgenen zu tun, das finden sie gut.

Wenig Verständnis für Falschparker

Für eine Eröffnung verwunderlich ist, dass noch Bauzäune stehen. Die seien aber nötig, ist bei einem Rundgang um den Platz von den mit dem Bau Beschäftigten zu hören. Denn Falschparker hätten bereits erste Schäden verursacht. Deshalb sollen zusätzliche Steinquader aufgestellt werden, die das tote Ende der Reinickendorfer Straße und den Weddingplatz abtrennen. Poller soll es nicht geben.

Dunkel ist es weiterhin an der Bushaltestelle in der Fennstraße nördlich der heutigen Dankeskirche. Das liegt daran, dass die Beleuchtung der Kirche noch aussteht. Im Moment muss man die Fantasie benutzen, um sich vorzustellen, wie es aussieht, wenn die Kirche nachts angestrahlt wird. Immerhin ist eine einzelne Fichte bereits in Licht getaucht. Manche Teilnehmer der Eröffnung finden sie so schöner als tagsüber. Positiver Nebeneffekt ist, dass auch der Weddingplatz weniger düster wirkt.

Malerische Fichte vor der Dankeskirche im Scheinwerferlicht. Foto: Andrei Schnell
Malerische Fichte vor der Dankeskirche im Scheinwerferlicht. Foto: Andrei Schnell

Alte Dankeskirche im Erdreich

Dass auf dem Weddingplatz einst eine mächtige Kirche stand, haben vor allem Historiker im Kopf. Die meisten Passanten können sich das vermutlich nicht mehr vorstellen. Beim Umbau des Weddingplatzes sind die Bauarbeiter auf die Fundamente der 1884 erbauten und im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirche gestoßen. Um eine Erinnerung an das Gotteshaus wachzuhalten, hat der Platz einen rotbraunen Untergrund erhalten. Die „rote Tenne“ nennen die Landschaftsarchitekten in ihrer Zeichnung diesen Teil des Platzes. Auch diese Idee verlangt vom Flaneur vermutlich etwas Fantasie.

Am Weddingplatz um 1900 kreuzten sich Müllerstraße und Reinickendorfer Straße. Auf dem entstehenden Dreieck stand die rote Dankeskirche. Foto: Archiv Anno erzählt
Am Weddingplatz um 1900 kreuzten sich Müllerstraße und Reinickendorfer Straße. Auf dem entstehenden Dreieck stand die rote Dankeskirche. Foto: Archiv Anno erzählt

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8.500 Quadratmeter groß ist der Weddingplatz. Finanziert wurde der Umbau mit Fördermitteln des Programms Lebendige Zentren und Sanierungsgebiet Müllerstraße. Über den Umbau des Weddingplatzes haben wir 2020 im Beitrag Weddingplatz wird entrümpelt und 2022 im Beitrag Weddingplatz wird aufgehellt berichtet.

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