Willkommensklasse im Kiez: Deutschhefte statt Notenblätter

Jugendliche, die vor wenigen Monaten noch in der Ukraine zur Schule gingen, lernen seit Ende Mai (und zumindest bis zu den Sommerferien) in bisher von der Musikschule „Fanny Hensel“ genutzten Räumen in der Swinemünder Straße. Ziel ist es, dass sie so schnell wie möglich Deutsch lernen, damit sie später eine reguläre Schule in Berlin besuchen können. Zu Besuch in einer Willkommensklasse.

Deutsch lernen: Blick in den Unterricht in der Musikschule in der Swinemünder Straße. Foto: Andrei Schnell
Deutsch lernen: Blick in den Unterricht in der Musikschule in der Swinemünder Straße. Foto: Andrei Schnell

Deutsch lernen in der Musikschule

Mit Schulheften und -büchern statt mit Notenblättern und Instrumentenkästen betreten seit Ende Mai 36 Jugendliche die Musikschule in der Swinemünder Straße. Die oberste Etage des Musikhauses ist nun jedoch eine Filiale der Willy-Brandt-Schule. In drei Klassen lernen jeweils zwölf bis 14 ukrainische Schüler. Ihr Hauptfach ist Deutsch. „Der Hauptanteil mit 18 Stunden liegt im Fach Deutsch, zusätzlich gibt es fachgebundenen Unterricht“, sagt Detlev Thietz. Er leitet die Schulaufsicht in Mitte.

Die Stadträtin Stefanie Remlinger, Musikschulleiterin Katharina Kaschny und er haben Journalisten am 1. Juni einen Blick in den Unterricht ermöglicht. Die Reporter erlebten, wie die Jugendlichen Vokabeln übten. Sie wiederholten Sätze wie „Ich bin vierzehn Jahre alt“ oder „Der Füller ist dunkelblau“. Für die Stadträtin Stefanie Remlinger ist der Unterricht in einer Musikschule eine pragmatische Lösung. Dank der Idee, Schule außerhalb eines üblichen Schulgebäudes durchzuführen, kann die Platznot gemildert werden. Denn es gibt aktuell viele ukrainische Kinder und Jugendliche, die einen Schulplatz brauchen. Und „wir wollen keine Kinder auf Wartelisten“, sagt die Bezirksstadträtin.

Provisorien sind nötig

Wie groß der Druck für das Schulamt ist, zeigt sich an der Schulpflicht. Die gilt für alle in Deutschland gemeldeten Minderjährigen. Doch die reale Lage sehe anders aus, sagt Stefanie Remlinger. „Ich kann Stand heute nicht sagen, dass wir selbst nach den Sommerferien alle Kinder unterbringen können“, so die Stadträtin. Deshalb werden Provisorien auch im nächsten Schuljahr nötig sein.

Unterricht in der Musikschule, in der Volkshochschule oder sogar im Jugendklub sind solche aus der Not geborenen Lösungen. Beheben lasse sich das Problem durch grundsätzliche Reformen. „Wir brauchen ein Einwanderungsbildungssystem, damit wir nicht immer überrascht werden“, gibt Stefanie Remlinger zu bedenken. Sie wünscht sich eine Personal- und Raumreserve, Anerkennung ausländischer Abschlüsse und das Schulfach Ukrainisch.

Willkommensklassen in Mitte

Im Bezirk Mitte gibt es 80 Willkommensklassen, davon sind 27 neu für ukrainische Schüler eingerichtet worden. Ziel ist es, in diesen Klassen die Deutschkenntnisse schnell auf ein solches Niveau zu bringen, dass die Jugendlichen reguläre Klassen besuchen können. Laut Bezirksamt werden auch nach den Sommerferien noch provisorische Lernorte wie die Musikschule gebraucht werden.

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Weitere Beiträge über das interkulturelle Leben im Wedding und in Gesundbrunnen stehen auf der Seite Interkulturelles Leben im Wedding.

Ein Schild sagt: Willkommen! Fotos (2): A. Schnell
Ein Schild sagt: Willkommen! Foto: Andrei Schnell
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