Noch eine Woche ist die Dichtkunst im Wedding zu Besuch. Bis zum Sonntag in einer Woche werden im Garten des Silent Green Kulturquartiers Gedichte gelesen und Gedichte geschrieben, es gibt Poesiegespräche und Filme und es werden Preise für besondere Zeilen vergeben. Wenn es in diesen unbeständigen Tagen regnet, zieht das Poesiefestival Berlin in die Kuppelhalle des Kulturquartiers in der Gerichtstraße 35.

Der Wedding ist in diesem Jahr ein wichtiger Gastgeber für das Poesiefestival. Während einige große Veranstaltungen in der Akademie der Künste angesiedelt sind, ist das Silent Green sozusagen für die Poesie im Alltag zuständig. Die meisten Veranstaltungen finden zwischen Kuppelhalle und Kulturquartier-Wiese statt, nur am finalen Wochenende (14./15.6.) weilt die Wortkunst anderswo. Wer neugierig ist auf die poetischen Offerten, kann sich also noch bis zum 13. Juni im Kulturquartier mit in Worte gegossenen Gedanken der Poetinnen und Poeten erfüllen lassen. Die Tür dazu öffnet das „Haus der Poesie“ aus der Kulturbrauerei.



Das ZEBRA Poetry Film Festival
Poesie ist nicht nur die Poesie der Worte. Die Poesie der Bilder komplettiert die Komposition beim ZEBRA Poetry Film Festival. Am Donnerstag (5.6.) hat das Filmfestival im Kulturquartier begonnen. Kaum ein Platz blieb leer in der Kuppelhalle, wo die 14 Filme unter der Überschrift „Histories“ gezeigt wurden. Zwischen einer und zehn Minuten lang waren die Arbeiten aus aller Welt – und sehr verschieden. Bei manchen reichte die kurze Laufzeit kaum, das Thema genau zu durchdringen, andere brillierten mit ein paar Momenten mehr und mit einer klaren Prägnanz.
Vom Wort zum Film: Beispiele
Zu den intuitiv zu verstehenden Filmen gehörte der norwegische Film „Goddamit / faen i helvete“ von Kristian Pedersen. In dem typografischen Film hüpften 4 Minuten und 15 Sekunden lang die Buchstaben des norwegischen Titels über die Leinwand. Die Animation beschäftigt sich mit dem Gedicht „The Goddammit-poem“ von Jan Erik Vold aus dem Jahr 1969.

Anderer Film, anderes Thema: In „History Will Teach Us Nothing“ lässt der Videokünstler Jan Rehwinkel eine KI-generierte Adolf-Hitler-Stimme Textzeilen von Jimi Hendrix‘ Liedern sprechen, während er sich im gezeichneten Raumschiff der Erde nähert. Er empfand die Beschäftigung mit Hitler gerade als Deutscher als befreiend, gab der Filmemacher im Filmgespräch im Anschluss zu Protokoll.
Neuer Film, neues Thema: Welche Nebenflüsse bei Weißwasser fließen in welche anderen Flüsse, welche enden irgendwann und auf welchem Wege in der Spree oder der Havel? Das Gedicht „Gedicht ohne uns“ von Clemens Schittko ist eine Art Wikipediaeintrag. Akribisch werden darin die Wege des Wassers mit Worten nachgezeichnet. Jenny Dam hat minimalistische und fast idyllische Bilder hinzugefügt, das Gedicht eingelesen und einen Animationsfilm darauf gemacht. Herausgekommen sind 8 Minuten und 9 Sekunden Kartografie, Akribie, Heimatkunde und eine eindringliche Beschwörung der Spree mit ihren Zuflüssen und Seitenarmen.


Noch ein Film und ein Gespräch: Teil des Programms am ersten Festivaltag war auch „Sphere Supreme“. Der Film über einen mysteriösen Mann und einen Granatapfelbaum ist die Abschlussarbeit des türkischstämmigen Animationsfilmemachers Hasan Pastaci an der School of Arts in Gent. Die beeindruckenden Bilder sind handgezeichnet, Musik und Lyrik fügen sich erstaunlich gut. Im Filmgespräch erklärte Hasan Pastaci den Entstehungsprozess: Zuerst war die Animation, dann entstand die Musik. Schließlich hat Pastacis Literatur-Professor Paul Demet, der ebenfalls nach Berlin gekommen war, sein Gedicht hinzugefügt. Es ist eine Kollaboration der Poesie, bei der es keinen Austausch über die Intentionen der einzelnen Teile gab. Text, Animation und Musik entstanden unbeeinflusst vom jeweils anderen Beitrag.

Das ZEBRA Poetry Film Festival
Das Filmfestival, das vier Programme und einen internationalen Wettbewerb beinhaltet, endet am Sonntag (8.6.) mit der Preisverleihung. Wer zusehen möchte: Um 19.30 Uhr beginnt die Veranstaltung im Kuppelsaal. Kurz und bündig, so wie es für ein Poesiefestival passend ist, ist das ZEBRA nach vier Versen (Entschuldigung: Tagen) vorbei. Wer dabei war, konnte fast 50 Animationen, Spiel- und Experimentalfilme sowie Dokumentationen aus allen möglichen Ländern sehen.
Noch mehr Poesie: Poesiefestival Berlin
Mit dem ZEBRA Poetry Film Festival ist das Poesiefestival Berlin allerdings noch nicht zu Ende. Bis Freitag, 13. Juni, kann im Silent Green Kulturquartier noch viel entdeckt werden.
- Sonntag, 8. Juni, 14 Uhr: Lesungen im Grünen (bei Regen in der Kuppelhalle), Eintritt frei
- Sonntag, 8. Juni, 19.30 Uhr: Preisverleihung ZEBRA Poetry Film Festival
- Montag, 9. Juni, 12 Uhr: Lesungen im Grünen (bei Regen in der Kuppelhalle), Eintritt frei
- Montag, 9. Juni, 18 Uhr. Vocations – open Space, Kuppelhalle
- Dienstag, 10. Juni, 16 Uhr: Poesiegespräch mit Valzhyna Mort, Atelierraum
- Dienstag, 10. Juni, 17.30 Uhr: Poesiegespräch mit No’u Revilla, Atelierraum
- Dienstag, 10. Juni, 20 Uhr: Buchpremiere mit Kim Heyesoon, Kuppelhalle
- Mittwoch, 11. Juni, 17.30 Uhr: Poesiegespräch mit Diana Khoi Nguyen, Kuppelhalle
- Mittwoch, 11. Juni, 19.30 Uhr: Writing Identities, Kuppelhalle
- Donnerstag, 12. Juni, 17.30 Uhr: Poesiegespräch mit Verity Spott & Ingo Jesen Vitman Öri, Atelierraum
- Donnerstag, 12. Juni, 19.30 Uhr: Writing Ghosts, Kuppelhalle
- Freitag, 13. Juni, 17.30 Uhr: Poesiegespräch mit Olvido Garcia Valdés, Atelierraum
- Freitag, 13. Juni, 19.30 Uhr: Ein Abend mit Helen Mort, Daniela Seel, Rachel Zucker, Kuppelhalle
Seit 25 Jahren gibt es das Poesiefestival übrigens, das ZEBRA Poetry Film Festival bereits seit 23 Jahren. Mehr Details zum Programm und zum Poesiefestival Berlin stehen auf der Webseite des Hauses für Poesie.

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