Sprint: 20 Jahre glückliche Rettung

Herbert Weber mag seinen Job, Nachhilfe für Jugendliche zu organisieren. Aber er mag auch die Bühne. Er greift zum Mikrofon und singt „I’m still standing“. 20 Jahre ist sein Sprint Förderunterricht im Medienhof Wedding in der Prinzenallee geworden. Entgegen aller Erwartungen, einschließlich seiner eigenen. Am 3. Juli feierte der Förderunterricht mit Schwerpunkt Sprache mit vielen Gästen.

Herbert Weber lässt in seiner Rede die vergangenen 20 Jahre Revue passieren. Foto: Hensel
Herbert Weber lässt in seiner Rede die vergangenen 20 Jahre Revue passieren. Foto: Hensel

„Der Sprint Medienhof ist sinnvoll und funktioniert. Und das vom ersten Tag an. Deshalb wird er von so vielen getragen.“ So fasst Herbert Weber die zurückliegende Arbeit von 20 Jahren in drei Sätzen zusammen. Zur Feier des Jahrestages am 3. Juli müssen Reden sein. Chef Herbert Weber spricht und der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus Raed Saleh.

Und auch Matthias Bloechle hat eine eindrückliche Rede vorbereitet. Er ist einer von vielen wundersamen Rettern, die Sprint immer am Leben gehalten haben, wenn das Projekt vor dem Ende stand. Der Arzt beschreibt seine Motivation, im Laufe der Jahre viele tausende Euro überwiesen zu haben, so: „Jeder verdiene es, teilhaftig an allem Glück der Welt zu werden“. Deshalb spende er Geld an ein Bildungsprojekt in einem benachteiligten Kiez, denn „Bildung ist Voraussetzung für Leben in Freiheit“. Alle sollten das Geschenk der Freiheit erhalten.

Matthias Bloechle
Arzt Matthias Bloechle rettete Sprint mit großer Einzelspende. Foto: Andrei Schnell

Sprache, Sprache, Sprache

Vor 20 Jahren startete Sprint am 1. November 2005 unter dem Titel: „Förderunterricht für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund“. Erster Geldgeber war die Mercator-Stiftung. Die Idee hinter dem Projekt war die Sprachförderung. Im sogenannten Medienhof Wedding sollten Schüler das Bildungsdeutsch erlangen können, das in der Schule vorausgesetzt wird. Fachbegriffe, Ausdrucksweisen, Formulierungen. Dafür öffnet Sprint bis heute jeden Nachmittag in der Woche kostenlos und ohne Voranmeldung. Die Jugendlichen können mit ihren konkreten Stolpersteinen kommen und erhalten individuelle Unterstützung von Lehramtsstudenten und Ehrenamtlichen. Und das seit 20 Jahren.

Feier 20 Jahre Sprint Medienhof
Feier 20. Jahre Sprint am 3. Juli in der Prinzenallee 25/26. Foto: Andrei Schnell
Bei der Geburtstagsfeier. Foto: Hensel
Bei der Geburtstagsfeier. Foto: Hensel

Es geht nicht ohne Tränen ab bei der Feier. Das dann, wenn sich der beinahe zwei Meter große Mann Herbert Weber („Warum bin ich nur so bescheuert nahe am Wasser gebaut“) erinnert. Daran wie Schüler bei Sprint Nachhilfe bekamen und viele Jahre später gern auf ihre Nachmittage in dem roten Backsteinhaus im Hinterhof zurückblicken. Unter dem Stichwort „Erfolgsmodell für Integration durch Bildung“ werden solche Erinnerungen in der Selbstdarstellung von Sprint zusammengefasst.

Das drohende Aus ist ständiger Begleiter

Schon nach drei Jahren hätte alles vorbei sein können. Herbert Weber sagt, er hatte damals viele Pläne, er wollte Reporter werden, von Sahara und Himalaya berichten. Aber er blieb im Soldiner Kiez. Und dort kam die Welt zu ihm. In Form von Schülern, die in ihren Köpfen die unterschiedlichsten Konflikte dieser Welt bewegten und die diese Themen nicht am Hoftor an der Garderobe ablegten.

Herbert Weber
Herbert Weber blickt auf 20 Jahre seines Schaffens zurück. Foto: Andrei Schnell

Das Besondere an Sprint sei, „dass es immer jemanden gab, der sich für uns eingesetzt hat“, sagt Herbert Weber. Dann, wenn das Aus drohte. Und das in regelmäßigen Abständen. Retter waren beispielsweise ehemalige Schüler, die als Erwachsene beim Baukonzern Hochtief arbeiten und dort von sich aus Sprint vorschlugen, wenn es um Spendenaktionen ging. Retterin war Karin Seehofer, deren Mann Horst Seehofer aus der Bundespolitik bekannt ist. Sie brachte am 16. März 2016 einen Scheck über 16.000 Euro. Das Geld war bei einem Wohltätigkeitskonzert zusammen gekommen. Die Vermieterin, die Wohnungsbaugesellschaft Degewo, erließ die Miete. Politiker der SPD setzten sich dafür ein, dass Sprint eine feste Finanzierung über den Landeshaushalt erhielt. „Das Projekt Sprint lebt aus sich heraus“, so Herbert Weber.

Blick in den Medienhof Wedding, wo das Sprint-Projekt zu Hause ist. Foto: Hensel
Blick in das „Klassenzimmer“ von Sprint im Medienhof Wedding. Foto: Hensel

Sprint-Projekt: Mehr erfahren

Rund 1.000 Schüler besuchen den Sprint Förderunterricht in der Prinzenallee jährlich. Im Jahr 2024 haben 80 Förderlehrkräfte in allen Fächern über 6.000 Förderstunden geleistet. Bekannt ist der Hof im Soldiner Kiez auch für seine Theaterprojekte wie zum Beispiel „Störungen im Betriebsablauf“, „Amazonen“ oder der „Weddinger Sommernachtstraum“.

Orte des Förderunterrichts sind neben dem Medienhof Wedding (mit dem legendären Zwei-Quadratmeter-Büro von Herbert Weber) zahlreiche Kooperationsschulen.

Mehr Informationen zum Sprint-Projekt finden sich auf der Webseite www.foerderunterricht-sprint.de.

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