Wer sind die Menschen, die zum ALFILM Festival Berlin gehen? Haben sie eine Verbindung zur arabischen Welt oder sind die einfach neugierig auf neue Einblicke in die Region, in die Kultur, in das Filmschaffen von unabhängigen Filmemacher:innen? Jung sind sie, findet zum Beispiel ein älteres Paar aus Charlottenburg. Jeden Tag seit dem 23. April hat das Paar Vorstellungen in den Festivalkinos außerhalb ihres Heimatbezirks besucht. Am Samstag (26.4.) waren sie im City Kino Wedding in der Müllerstraße zu Gast. Sie nehmen den Weg gern auf sich, finden die Filmauswahl spannend, die Organisatorinnen des Festivals loben sie sehr. Toll sei das, was hier geleistet werde.

Kurze Filme aus der arabischen Welt
Im City Kino hat sich das Paar aus Charlottenburg das fünfteilige Kurzfilmprogramm „On Lightness“ angeschaut. Fünf kurze Filme, die die Figuren auf eine Reise zu den Widrigkeiten des Lebens führen. Manchmal rätselhaft ist das, mal absurd und mal witzig. So wie bei „A Short Film About Kids“ bei dem Kinder aus einem Geflüchtetenlager in Bethlehem beschließen, zum ersten Mal in ihrem Leben zum Strand zu fahren – ein niedlicher Film. In „A Beautiful Excuse for a Deadly Sin“ versucht ein Mann, ein Pferd die Treppe hoch in seine Wohnung zu führen. Das Pferd will erst nicht so richtig, die Nachbarn überhaupt nicht. Hängen bleibt der Ruf des erbosten Nachbarn: Wenn du mehr Freiheit willst, musst du nach Amerika oder Europa gehen.

Die schöne, neue Immobilienwelt
Um Gentrifizierung in Ägypten geht es in „Capital“. Eine Frau schaut wie paralysiert in einen Fernseher und erfreut sich an den Versprechungen des Kapitalismus, dem angepriesenen Komfort der großen Bauprojekte. Im Filmgespräch im Anschluss erzählt die palästinensische Regisseurin Basma Alsharif von ihrer Arbeit, ihren Gedanken über große Bauprojekte in faschistischen Systemen, über die ihrer Meinung nach eingeschränkte Meinungsfreiheit in Deutschland, vom Leben zwischen Amerika und Ägypten und von ihrer Verbindung zu Palästina. Ob das Paar aus Charlottenburg all ihren Thesen zustimmte, war im Dunkel des Kinosaals nicht zu erkennen. Den großen Teil des Publikums hatte Basma Alsharif jedoch hörbar auf ihrer Seite. Auch die Kritik an den staatsgläubigen Deutschen teilten offenbar viele.

Eindrücklich war auch der Film „Mme Faiza et Dr. Love“, in dem sich eine alleinerziehende migrantische Mutter in einem Pariser Vorort durchs Leben schlägt. Bei ihren Teenager-Kindern kommt es dabei gar nicht gut an, dass die Frau neuerdings als Sexualtherapeutin arbeitet. Wie kann sie sich verwirklichen ohne ihre Kinder zu beschämen?
Wer würde einen Diktator verstecken?
Was würde man tun, wenn der Präsident plötzlich in der eigenen Wohnung steht, Gastfreundschaft und Schutz verlangt? Was würde man tun, wäre der Präsident nicht irgendein Präsident, sondern Saddam Hussein? Der einfache Farmer Alaa Namiq entscheidet sich dafür, das zu tun, was man in seiner Kultur tut, wenn ein Gast vor der Tür steht: Man gewährt Gastfreundschaft, kümmert sich und fragt nicht, wann der Besuch endet. Zumal er von den Gräueltaten des Diktators bis zu dem Zeitpunkt nichts wusste.
Es werden viele Monate, in denen der einfache Mann im Jahr 2003 den irakischen Diktator vor den Amerikanern versteckt. Diese durchsuchen intensiv das ganze Land, finden ihn aber nicht. Als sie Saddam Hussein schließlich, die Bilder sind aus dem Fernsehen bekannt, in einem Erdloch finden, ist viel Zeit vergangen. Der Diktator ist vom Gast zu einer Art Freund geworden.
Ein einzigartige Geschichte
Die wahre Geschichte von „Hiding Saddam Hussein“ hat der in Norwegen lebende irakische Dokumentarfilmer Halkawt Mustafa gekonnt auf die Leinwand gebracht. Die Zuschauer:innen folgen der unaufgeregten Erzählung des Mannes, des Farmers, der ganz ruhig und im Schneidersitz auf einem Teppich sitzt. Ergänzt wird die Erzählung durch nachgestellte Szenen auf der Farm und mit Archivmaterial von der Suche der Amerikaner.
Man versucht, der Logik zu folgen, was gelingt, wenn man am Anfang diesen einen Schritt macht: einfach hinzunehmen, dass ein einfacher Mann einem Diktator die Tür öffnet und ihn in sein Leben lässt. Obwohl er sich und seine Familie in große Gefahr begibt, weil 150.000 amerikanische Soldaten den Hausgast suchen. Geht man diesen Schritt, sieht man einen guten Dokumentarfilm, der thematisch einzigartig und technisch gut umgesetzt ist. Geht man diesen Schritt nicht, rätselt man 96 Minuten lang, warum jemand in dieser Situation Saddam Hussein versteckt.

Fremde und seltene Einblicke
Es sind spannende Einblicke in fremde Leben, in fremde Kulturen und Lebensumstände, die das ALFILM Festival anbietet. Wer sich darauf einlässt, der kann hinter sonst verschlossene Türen schauen und ein Gefühl für die Vielfalt der Lebenssituationen bekommen. Schade ist dabei nur, dass die meisten Filme außerhalb des Festivals in keinem Kino gezeigt werden. So haben interessierte Menschen wie das Pärchen aus Charlottenburg nur diese acht Festivaltage, um zu sehen, was es nirgendwo anders sonst zu sehen gibt.
Über das ALFILM Festival
Das ALFILM Festival Berlin zeigt noch bis Mittwoch, dem 30. April Produktionen aus der arabischen Welt. Im Wedding sind das Sinema Transtopia und das City Kino Wedding Festivalkinos. Eintrittskarten gibt es im Vorverkauf über die jeweiligen Kino-Webseiten (Tickets Sinema Transtopia, Tickets City Kino Wedding). Auch an der Abendkasse sind Tickets erhältlich. Das vollständige Programm des Filmfestivals ist auf der Webseite www.alfilm.berlin zu finden.
Ein Bericht über den zweiten Festivaltag im Sinema Transtopia ist unter der Überschrift Herzen voller stiller Tränen beim ALFILM Festival erschienen.

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