Herzen voller stiller Tränen beim ALFILM Festival

Mal eben ins Kino für etwas Unterhaltung? Nicht beim 16. ALFILM – Arabischen Filmfestival Berlin. Der Krieg in Gaza, die Krisen im Sudan, im Libanon und in Ägypten geben hier den Takt vor. Es ist keine leichte Kost, die die Zuschauer:innen zu sehen bekommen. Die ganze arabische Region schwankt von Krise zu Krise und das spiegelt sich auch in den Arbeiten der Filmemacherinnen und Filmemacher. Von Popcornkino und lauen Kinonächten ist das Filmfestival maximal weit entfernt. Auch am zweiten Festivaltag im Sinema Transtopia war das so.

Schriftzug am Eingang des Sinema Transtopia. Foto: Hensel
Schriftzug am Eingang des Sinema Transtopia. Foto: Hensel

Wann fordert dich das Kino heraus? Die Aufschrift eines Aufklebers im Sinema Transtopia in der Lindower Straße stellt eine Frage, die auch auf die Komfortzone der Kinogängerinnen und -gänger zielt. Viele der Besucher:innen der ALFILM-Vorstellungen am Donnerstag (24.4.) haben sie bemerkt, denn sie steht unübersehbar im Kinofoyer. Was die einzelnen Menschen an diesem Abend herausgefordert hat, bleibt unbesprochen. Herausfordernd ist der Blick auf die arabische Welt und die Filme der arabischen Filmemacher:innen aber auf jeden Fall. Ihre Themen sind schwer, zeigen Leid und Vertreibung, Hilflosigkeit und übermächtige Probleme für die einzelnen Charaktere. Das klingt nicht nach einem schönen Kinoabend? Doch, auch wenn die Konfrontation mit diesen Themen nicht einfach ist.

Wann fordert dich das Kino heraus? Aufkleber im Sinema Transtopia. Foto: Hensel
Wann fordert dich das Kino heraus? Aufkleber im Sinema Transtopia. Foto: Hensel

Moondove: Über Bewohner eines Dorfes im Libanon

Als erster Film am zweiten Festivaltag im Sinema Transtopia wurde die Dokufiktion „Moondove“ des libanesischen Regisseurs Karim Kassem gezeigt. Der Filmemacher ist für den Dreh aus seiner Wahlheimat New York in seine Heimat Libanon zurückgekehrt. „Als alle den Libanon verließen, wollte ich zurückkehren“, erzählte er beim Filmgespräch. Was er dort fand, war ein Dorf und seine Bewohner:innen, eine immer stärkere Wasserknappheit und die über allem schwebende Frage: Gehen oder bleiben? Karim Kassem begleitet die Dorfbewohner in ihrem Alltag. Im Kopf bleibt insbesondere der unermüdliche, aber stets erschöpfte Mann, der die Wasserrohre wartet und der von früh bis spät von einem existenziellen Problem zum nächsten eilt. Den unschaffbaren Kampf gegen die Wasserknappheit kämpft er mit großer Ruhe, unfassbarem Durchhaltevermögen und einem komplett verrosteten Auto. Die Kamera hält lange Momente auf dem erschöpften Gesicht fest, friert die Situation geradezu ein.

Voll besetzte Reihen bei der ersten Vorstellung am zweiten Festivaltag. Foto: Hensel
Voll besetzte Reihen bei der ersten Vorstellung am zweiten Festivaltag. Foto: Hensel

Der Dreh im Libanon war auf verschiedene Arten herausfordernd, so der Filmemacher. „Es gibt nicht nur kaum Wasser, es gibt auch nur wenige Stunden am Tag Strom“, erzählte Karim Kassem. Um die Technik zu bedienen, wurde eine Autobatterie benutzt. „Moondove“ ist in sehr kurzer Zeit, in wenigen Wochen, entstanden. Weil ein anderes Filmprojekt in dem Dorf scheiterte, arrangierte Kassem ursprüngliche Hintergrundfiguren zu Hauptcharakteren um, kreierte eine neue Geschichte. Die Darstellerinnen und Darsteller, um die der Film kreist, sind keine Schauspieler:innen. Um sie für das Projekt zu gewinnen und ihr Vertrauen zu gewinnen, habe er viele Tassen Kaffee getrunken, scherzte der Filmemacher im Sinema Transtopia. Für diesen zu einem großen Teil improvisierten Film hat sich jede Tasse gelohnt.

Filmgespräch mit Regisseur Karim Kassem (rechts). Foto: Hensel
Filmgespräch mit Regisseur Karim Kassem (rechts). Foto: Hensel

The Village Next to Paradise: An der Küste Somalias

Der Name des Films „The Village Next to Paradise“ täuscht. Doch das ist eigentlich schon vor dem Filmstart klar. Das abgelegene Küstendorf in Somalia ist kein Paradies. Die Menschen kämpfen ums Überleben, gegen Armut, die peitschenden Winde und die tödlichen US-Drohnen. Auch für Mamargade, einem alleinerziehenden Vater, ist das so. Er schlägt sich mit Gelegenheitsjobs als selbstständiger Totengräber durch. Obwohl ihm das Geld eigentlich fehlt, schickt er seinen intelligenten Sohn, nachdem die Schule im Dorf geschlossen wurde, auf ein Internat in die Stadt. Zur Familie gehört noch Araweelo, Mamargades Schwester, die nach ihrer Scheidung einen Laden mit ihren selbstgenähten Produkten eröffnen möchte. Alle sind stets auf der Suche nach einem Schritt vorwärts, nach einem Weg, die Probleme und Herausforderungen in Würde zu meistern, die Naturkatastrophen, Bürgerkrieg und postkoloniales Erbe mit sich bringen. Der Film fokussiert dabei die kleinen Dinge des Lebens. Durch sie wird der Überlebenskampf der Menschen umso eindrücklicher dargestellt.

Im Kinofoyer des Sinema Transtopia. Foto: Hensel
Im Kinofoyer des Sinema Transtopia. Foto: Hensel

„The Village Next to Paradise“ von Regisseur Mo Harawe wurde als erster somalischer Spielfilm überhaupt bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt. Die Premiere des Films war 2024 bei den 77. internationalen Filmfestspielen von Cannes. Das ist ein großer Erfolg für das somalische Kino, der Aufmerksamkeit erzeugt hat und auch für europäische Kinozuschauer:innen einen Einblick in eine fremde und ferne Welt ermöglicht. Ein sehr langsames Erzähltempo und authentische Bilder kennzeichnen diesen Einblick, der sich über die Leinwand im Sinema Transtopia dem Publikum im Weddinger Kiez geboten hat. Das sind oft schmerzhafte, aber auch einmalige Einblicke in die arabische Welt, die es ohne das ALFILM Festival in Berlin so nicht gegeben hätte.

Über das ALFILM Festival Berlin

Das ALFILM Festival Berlin zeigt noch bis zum 30. April Produktionen aus der arabischen Welt. Im Wedding sind das Sinema Transtopia und das City Kino Wedding Festivalkinos. Eintrittskarten gibt es im Vorverkauf über die jeweiligen Kino-Webseiten (Tickets Sinema Transtopia, Tickets City Kino Wedding). Auch an der Abendkasse sind Tickets erhältlich. Das vollständige Programm des Filmfestivals ist auf der Webseite www.alfilm.berlin zu finden.

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Weitere Beiträge über das interkulturelle Leben im Wedding und in Gesundbrunnen stehen auf der Seite Interkulturelles Leben im Wedding.

Die Presse-Akkreditierungskarte fürs Filmfestival. Foto: Hensel
Die Presse-Akkreditierungskarte fürs Filmfestival. Foto: Hensel
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