Anderer Gemeinschaftsgarten, gleiche Sorgen

Überall in der Stadt gibt es Garteninitiativen. Ein Blick auf sie lohnt sich aus vielen Gründen. Bei der Lösung von Problemen können die Aktiven im Gemeinschaftsgarten zum Beispiel voneinander lernen. Ein Besuch im Kiezgarten im Prenzlauer Berg. Welche Probleme es gibt dort und wie gehen die Aktiven damit um?

Kerstin Stelmacher im Gemeinschaftsgarten - mit Regenschirm. Foto: Hensel
Kerstin Stelmacher im Gemeinschaftsgarten „Kiezgarten“ – mit Regenschirm. Foto: Hensel

Den Kiezgarten in der Schliemannstraße 8 wird der Besucher, der ihn zum ersten Mal sehen möchte, wahrscheinlich nicht sofort finden. Er liegt ein wenig versteckt am Rand eines Kinderspielplatzes. „Klein, aber fein“, sagt Gartenaktivistin Kerstin Stelmacher und zeigt die Beete. Kerstin Stelmacher kennen viele im Brunnenviertel. Sie war früher Quartiersmanagerin im Gebiet Brunnenstraße und hatte dabei immer ein Herz für die grünen Projekte. Auch die Gleim-Oase hat sie immer mit Rat und Tat unterstützt. Der Kiezgarten im Prenzlauer Berlin ist sozusagen ihr Heimat-Gemeinschaftsgarten.

Der Kiezgarten wurde 2003 gegründet. Kerstin Stelmacher ist von Anfang dabei und die letzte aktive Gründerin. Im Moment besteht die Garteninitiative aus neun Personen, fünf engagieren sich dauerhaft. Völlig ungezwungen gärtnern hier Nachbarn und Nachbarinnen miteinander. Einen Verein gibt es zum Beispiel nicht. Kerstin Stelmacher pflanzt und sät selbst gern, kümmert sich aber auch um die Kommunikation, beantwortet E-Mails oder hilft bei der Organisation des Gartens sowie bei der Vernetzung über das Netzwerk Urbane Gärten Berlin.

Im Kiezgarten-Gemeinschaftsgarten. Foto: Kerstin Stelmacher
Im Kiezgarten-Gemeinschaftsgarten. Foto: Kerstin Stelmacher

Gemeinschaftsgarten am Kinderspielplatz

Im kleinen Garten am Kinderspielplatz wachsen viele verschiedene Pflanzen: Beeren, Kräuter, Gemüse, seltene Pflanzen und auch Bäume wurden auf den etwa 300 Quadratmetern angepflanzt. Es gibt keine Einzelparzellen, jeder Zentimeter auf dem urbanen Acker wird gemeinschaftlich bewirtschaftet. Jemand hat eine Bank gebaut, es gibt einen Wasseranschluss und einen Torbogen aus Metall über dem Eingang, eine Pergola. Gleich am Eingang steckt ein Schild aus Holz im Boden, das erklärt, wer hier gärtnert. Ein lauschiges Plätzchen ist auf dem Gelände des Spielplatzes entstanden.

Doch ist nicht immer alles eitel Sonnenschein im Kiezgarten. Denn was Vorteile hat, hat auch Nachteile: Der Kiezgarten ist immer zugänglich. Tags wie nachts können Gärtner und Besucher kommen und den Ort für sich nutzen. „Wir müssen damit leben, dass wir uns im öffentlichen Raum befinden und dass andere vielleicht andere Interessen und Vorstellungen haben“, sagt Ker​stin Stelmacher. Sie erinnert sich zum Beispiel daran, dass die Gärtner die Mauer, die den Garten an einer Seite begrenzt, mit Wein bepflanzt hatten. „Als wir eines Tages in den Garten kamen, war der Wein herausgerissen und die Wand war besprüht. Ich hätte fast geweint“, sagt Kerstin Stelmacher, traurig und wütend über den Vandalismus. Doch dann hat sie die Perspektive gewechselt und verstanden, dass die Sprayer das Beranken der Wand als Zerstörung ihrer Fläche verstanden hatten.

„Die Verhandlung über den öffentlichen Raum findet auch in den Gärten statt“, sagt die Gartenaktivistin. Diese Verhandlung müsse man immer wieder führen, miteinander reden sei aus ihrer Erfahrung der einzige Weg. Mit den Sprayern haben sich die Gärtner damals geeinigt, heute wächst wieder Wein an der Mauer, die Sprayer haben sich ein neues Revier gesucht.

Über Gärten im öffentlichen Raum

Kiezgärtner wie sie oder die auf der Gleim-Oase brauchen laut Kerstin Stelmacher viel Offenheit und Kompromissfähigkeit. Und noch mehr: „Es ist eine buddhistische Herausforderung, in einem Gemeinschaftsgarten im öffentlichen Raum zu gärtnern. Man muss loslassen können, noch bevor man überhaupt anfängt“, sagt Kerstin Stelmacher. Wer eine Tomatenpflanze oder ein Blümchen auf dem Balkon mühselig großzieht und es nicht aushält, dass die reife Tomate von jemandem stibitzt oder die Blume gepflückt wird, der sei im öffentlichen Raum falsch. „Wenn man das nicht aushalten kann, sollte man besser auf dem Balkon oder im Schutz eines Kleingartens gärtnern, um nicht unglücklich zu werden“, sagt die überzeugte Gemeinschaftsgärtnerin, die auch beim Allmende-Kontor, dem Garten auf dem Tempelhofer Feld mitmacht. Das ist auch ein Garten im öffentlichen Raum.

Nachbarn gärtnern in der Schliemannstraße. Foto: Kerstin Stelmacher
Nachbarn gärtnern in der Schliemannstraße. Foto: Kerstin Stelmacher

Schuldige für Zerstörungen zu finden, das ist manchmal auch gar nicht so einfach. Oft werden im Kiezgarten Zäune entfernt, Pflanzen ausgebuddelt und sorgsam arrangierte Steine entführt. „Die Kinder vom Spielplatz benutzen unsere Sachen oft als Spielmaterial. Das ist ärgerlich, aber verständlich. Kinder sind keine Vandalen! Schon gar nicht, wenn sie aus unseren Sachen eine Puppenstube bauen“, sagt die Gärtnerin. Sie ärgert sich eher über die Eltern, den auf der Bank sitzen und ununterbrochen ins Smartphone schauen und nicht mal mitbekommen, was die Kinder gerade tun.

Soziale Kontrolle hilft nicht immer

Manchmal sei es schon frustrierend, wenn die selbstgebaute Bank, auf der auch Besucher gern sitzen, von eben jenen zerlegt wird. „Wenn wir wissen, wer das war, dann reden wir mir demjenigen. Das funktioniert meist gut. Aber in der Regel kennen wir die Leute nicht“, sagt Kerstin Stelmacher. Auch, wer immer das Rohr, in den der Wasserhahn eingeschraubt wird, vollstopft, wissen die Gärtner nicht. Gegen alles hilft die soziale Kontrolle durch die Gärtnergruppe eben nicht. „So ist das eben im öffentlichen Raum. Aber es ist auch spannend und kommunikativ und macht ja auch Spaß. Das darf man nicht vergessen“, sagt Kerstin Stelmacher. Aufgeben will sie jedenfalls nicht und die anderen Gärtnerinnen und Gärtner auch nicht. Die Bank, die zerstört wurde, ist übrigens schon dreimal repariert und einmal komplett neu gebaut worden. Die Einzelteile lagen zum Glück immer irgendwo in der Nähe herum.

Kontakt: kiezgarten-schliemannstr@gmx.de

Tipps für die Gleim-Oase vom Kiezgarten

Was bei einem Gartenprojekt geholfen hat, kann vielleicht auch für ein anderes gut sein. Hier sind die Tipps vom Kiezgarten für die Gleim-Oase:

  • Ein (möglichst selbstgemachtes) Schild mit Kontaktmöglichkeit aufstellen und klarmachen: Hier gärtnern Privatpersonen!
  • Weitere Gärtner finden, Initiative vergrößern.
  • Grundlegende Regeln und Erfahrungen für Mitmacher verschriftlichen und Neuen aushändigen, um aus der Chefrolle rauszukommen.
  • Vernetzen und austauschen. Mögliche Ansätze: Angliederung an Weltacker-Projekt, Kontaktaufnahme mit Klimagarten-Projekten.
  • Mit Probleme verursachenden Menschen reden.
  • Einen Stammtisch etablieren, um Freunde und Verantwortliche öfter zusammenzuholen.
  • Nicht aufgeben!

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Mehr Beiträge über die Stadtgärten im Wedding und in Gesundbrunnen sind auf der Seite Nachhaltigkeit im Wedding (Abschnitt „Urbanes Gärtnern“) zu finden.

Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Es grünt im Kiez!“ enthalten, das im ersten Quartal 2020 erschienen ist. Weitere Artikel sind im Beitrag Neues Kiezmagazin: Es grünt im Kiez! gesammelt und verlinkt.

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