Was bleibt von einer Podiumsdiskussion hängen? Nicht immer das Wahlprogramm. Manchmal eher der Eindruck: Die war souverän. Der war umständlich. Im Wedding und Gesundbrunnen haben wir mehrere Wahlveranstaltungen besucht und beobachtet, wie Politikerinnen und Politiker auftreten, argumentieren – und mit ihrem Publikum umgehen.

„Ach, Politiker X wirkt ja doch ganz souverän“, sagte eine Teilnehmerin nach einer Podiumsdiskussion im Olof-Palme-Zentrum am 9. September. Vorgestellt hatten sich die Direktkandidaten für den Wahlkreis 7, zu dem Brunnenviertel und Sprengelkiez gehören. Ein Satz, der sagt: Meine Wahlentscheidung steht, davon werde ich mich von einem Abend auch nicht abbringen lassen. Interessant war es trotzdem. Nicht unbedingt inhaltlich, sondern auf der menschlichen Ebene.
Das ist vermutlich die erste Erkenntnis aus den beobachteten Wahlveranstaltungen zur Berlin-Wahl: Die Menschen kommen, um zu hören, was Politiker zu bestimmten Themen sagen. Sie gehen aber auch mit einem Eindruck davon, wie jemand Politik macht. Wie reagiert jemand auf Nachfragen? Bleibt er freundlich, wenn es unbequem wird? Kommt er auf den Punkt – oder verliert er sich in Details?
Auf den Podien im Wedding
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„Hoch hinaus“ im Paul-Gerhardt-Stift
beobachtet von Andrei Schnell
Am größten dürfte dieser Effekt, das die menschliche Seite des Politikers am interessantesten ist, am Mittwoch (9.9.) im Paul-Gerhardt-Stift gewesen sein. Die vier Spitzenkandidaten für die Berlin-Wahl kamen in die Müllerstraße 56–58, um über das Thema Wohnen zu diskutieren. Die Positionen der Parteien sind bekannt. Aber wann trifft man schon einmal Elif Eralp von den Linken, Werner Graf (Grüne), Stefan Evers (CDU) und den SPD-Mann Steffen Krach persönlich? Selbst im Wahlkampf passiert das am Parteistand im Kiez selten. Entsprechend schnell waren die Plätze im Zuschauerraum ausgebucht.
Zu erleben war an diesem Abend vor allem, wie unterschiedlich die vier auftraten. Elif Eralp von den Linken sprach sehr freundlich. Wenig war zu spüren von dem energischen und unnachgiebigen Grundton, der vor einigen Jahren noch zur Grundausstattung der Linken gehörte und den Heidi Reichinnek in den sozialen Medien weiterpflegt. Der Grüne Werner Graf ließ sich in Detaildiskussionen verwickeln – ein Problem, mit dem alle kämpfen, die in einem Thema tief drin sind.

Vier Kandidaten, vier Eindrücke
Stefan Evers lächelte, ruhte in seiner Freundlichkeit. Den konservativen Wert der Höflichkeit verströmte er par excellence. So blieb fast unbemerkt, dass sein Redeanteil nicht eben gering war. Steffen Krach wirkte ernst. Kein Wunder: Fünf Minuten vor Beginn des Podiums hatte er auf der Müllerstraße zu den Vorwürfen der Bestechlichkeit Stellung genommen. Aber auf dem Podium war der zu diesem Zeitpunkt frische Vorwurf nicht präsent, da ging es ausschließlich um das Thema Wohnen.
Ach ja: Podien und Themen! Moderatorin Anke Myrrhe vom Tagesspiegel bat die vier Berliner Spitzenkandidaten im Paul-Gerhardt-Stift um jeweils ein Abschlusswort. So fielen dann doch noch die Stichworte Mietenpolizei, Mietkataster, Genossenschaften und Neubau. Neubau. Neubau.
Schnelligkeit ist gefragt im Medienhof
beobachtet von Dominique Hensel
Die Wahlveranstaltung im Medienhof Wedding, ebenfalls am Mittwoch (9.9.), setzte am stärksten auf Schnelligkeit. Zwischen vierzig Sekunden und einer Minute hatten die Politikerinnen und Politiker Zeit für ihre Antworten. Das ist sehr wenig, wenn man Zusammenhänge erklären möchte. Doch die Jugendlichen des Sprint-Medienhofs, die den Abend vorbereitet hatten und selbst moderierten, kannten kein Erbarmen. Nach vierzig Sekunden ertönte der Gong – und das Statement war zu Ende. Es wurde, wie in den sozialen Medien üblich, sozusagen weitergeswipt.
40 Sekunden für die Antwort
Auf den Punkt kommen! Das war die Aufgabe dieses Abends für die Kandidatinnen und Kandidaten des Wahlkreises 6: Martha Kleedörfer (Die Linke), Susanne Fischer (SPD), Faruk Celicovic (BSW), Tuba Bozkurt (Grüne) und Michael Kühl (CDU). Es war zu merken, wie schwierig es für sie ist, sich in diesem Politik-Slam zu bewähren.

Der thematische Schwerpunkt des Abends war die Bildung. Die vielen Jugendlichen im Publikum wollten, dass ihre Gäste möglichst konkret werden. Sie wollten unter anderem wissen:
- Sollte es Zugang zu Deutschkursen für alle geben?
- Sollte es ein verpflichtendes Fach „Alltagskompetenzen“ geben?
- Sollte der ÖPNV in Berlin kostenlos werden?
- Soll das Tempelhofer Feld bebaut werden?
- Soll es ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige geben?
- Was wollen Sie tun, um die Rüstungsproduktion zu reduzieren?
- Warum werden Klausuren nicht mittels KI bewertet?
Die Jugendlichen versuchten, die Antworten mit sehr unterschiedlichen Methoden aus ihren Gästen herauszubekommen. Mal gab es 40-Sekunden-Statements, mal stimmten Publikum und Podium mittels roter und grüner Karten komplett stumm ab. Auch eine Politik-Aufstellung gab es: Je nach politischer Position zu einem Thema stellten sich die Politikerinnen und Politiker weiter nach links oder rechts.

Anschließend gab es bei diesem schnellen Ritt durch die Positionen noch Thementische für den individuellen Austausch mit den fünf Gästen. Wichtige Themen waren neben Bildung die Rüstungsproduktion am Gesundbrunnen, Sicherheit in den Kiezen und bezahlbarer Wohnraum.
Redezeit mit Zeitwächter im Olof-Palme-Zentrum
beobachtet von Andrei Schnell und Dominique Hensel
Redezeitbegrenzung war nicht nur im Medienhof eine zentrale Methode. Statt auf Podcast-Plauderlaune zu vertrauen, setzten auch die Organisatoren des Podiums im Olof-Palme-Zentrum am Montag, (7.9.) auf Zeitmessung. Bei jeder Frage erhielten Deike Janssen (Linke), Tarek Massalme (Grüne), Maja Lasic (SPD) und Nadine Fritz (CDU) gleich mitgeteilt, wie lange sie reden dürfen: zwei Minuten oder drei Minuten.
Die Politiker bewiesen, dass sie anders, als es das Klischee will, professionell auf die Sekunde genau zwei Minutenbeiträge liefern können. Offenbar sorgte die von den Veranstaltern vorbereitete Anordnung eines fairen Ringkampfs dafür, dass ein Vordrängeln durch Endlosreden unterblieb.

Rheinmetall, Enteignung und zwei Minuten Redezeit
Ein großes Thema war die Frage, ob das Werk am Gesundbrunnen von Rheinmetall als Waffenfabrik oder Metallfabrik gelten soll. Für Letzteres spricht, dass dort nicht mit Sprengstoff im Wohngebiet hantiert wird. Für Ersteres spricht, dass die Metalle für Munition zurechtgebogen werden. Auch diskutiert wurde, ob die Kandidaten auf dem Podium, so sie für den Wahlkreis 7 ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt werden, auf die Existenz der Rheinmetall-Fabrik überhaupt einen Einfluss haben werden oder nicht.
Außerdem war strittig, ob der Volksentscheid „Deutsche Wohnen enteignen“ umgesetzt werden soll oder nicht. Ja oder nein – das war nicht bei allen Antworten so eindeutig. Aber viel Zeit zum Differenzieren blieb nicht bei zwei Minuten Redezeit.
Spannend war zu sehen, dass die Kandidaten auf dem Podium trotz teils verschiedener Positionen sehr freundlich miteinander umgingen. Es wirkte fast ungewohnt nach den vielen polarisierten Diskussionen in den sozialen Medien.
Wenn das Publikum widerspricht
Interessant war auch, wo das Publikum einhakte: Fragen gab es zur Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne, zur Rüstungsproduktion am Gesundbrunnen, aber auch zur Verkehrspolitik. Hier wurde es überraschend kritisch. Ein Mann im Rollstuhl stritt sich mit der CDU-Kandidatin darüber, ob Menschen in Berlin-Mitte auf das Auto angewiesen sind oder nicht. Während die Kandidatin die Position ihrer Partei verteidigte, sprach der Nachbar aus dem Kiez vehement dagegen und plädierte für einen weiteren barrierefreien Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.

Vom Podium zum World Café
Insgesamt wird bei den moderierten Wahlveranstaltungen in diesem Jahr immer wieder versucht, das Format „von oben herab“ zu durchbrechen – und das nicht bloß mit Zuschauerfragen. Bei einigen Veranstaltungen experimentieren die Veranstalter mit Thementischen. Das Publikum teilt sich auf, nimmt dort Platz, wo es sich für ein Thema oder einen Politiker interessiert. Bürgergespräch statt Schlagabtausch.
Am Montag, 14. September, kann jeder im Olof-Palme-Zentrum in der Demminer Straße 28 ausprobieren, ob sich so das Menschliche der Politiker besser spüren lässt. Ab 18 Uhr stehen dort die Kandidaten für das Bezirksamt zum World Café bereit: Carsten Spallek (CDU), Alexandra Wend (SPD), Christoph Keller (Die Linke) und Stefanie Remlinger (Bündnis 90/Die Grünen).

Weiterlesen zur Berlin-Wahl
Viele weitere Texte zur bevorstehenden Wahl sind auf der Seite Berlin-Wahl 2026 zu finden. Unser Schwerpunkt liegt auf Aspekten, die Wedding und Gesundbrunnen betreffen: Wer tritt an und welche Positionen haben die Parteien.

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