Die Berlinale ist am Sonntag zu Ende gegangen. Die roten Teppiche werden nun wieder eingerollt, die Stars verlassen Berlin. Was bleibt, ist die Aussicht auf demnächst in den Kinos startende Festivalfilme und die Erinnerung an viele besondere Filmvorführungen. Zu den außergewöhnlichsten Screenings gehört seit sechs Jahren der Kinoabend in der Justizvollzugsanstalt Plötzensee (JVA). Ein Bericht vom komplizierten Weg ins Gefängnis, von Zufallsbekanntschaften und einem düster-unterhaltsamen Videospiel-Film auf der Kinoleinwand.

Der besondere Weg zum besonderen Ort
Der Weg in die Justizvollzugsanstalt Plötzensee führte ausschließlich über eine Berlinale-Telefonnummer, die lange vor Festivalbeginn freigeschaltet war. Anrufen, durchkommen, Ausweisnummer angeben und mit Glück lange im Voraus einen der Plätze bekommen – schon das war anders als der Kauf anderer Berlinale-Tickets. Der besondere Ort verlangte ein besonderes Prozedere. Doch wer neugierig war und den Wedding 100 Meter Richtung Charlottenburg verließ, der bekam am Donnerstag, dem 19. Februar, ein ganz besonderes Kinoerlebnis.
Doch vor dem Film stand die Anreise zur JVA. „Wo geht es zum Gefängnis?“, fragt eine Frau einen Passanten. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich diesen Satz in meinem Leben mal sage“, ergänzt sie und kichert. Der junge Mann weist der Frau und ihren drei Begleiterinnen den Weg: „In die Richtung, immer geradeaus und dann links.“

Mit etwas Mühe kommt die kleine Gruppe über den stark befahrenen Saatwinkler Damm, biegt dann auf das Gelände der JVA ein, steuert den Besuchereingang an und klopft. Heraus schaut ein verdutzter Beamter. Nein, hier ist keine Berlinale. Der Beamte telefoniert, fragt nach und stellt klar: „Sie müssten zu Pforte II.“ Hier sei Pforte V. Also läuft die zu einer größer gewordenen Gruppe angewachsene Berlinale-Gemeinschaft an der Gefängnismauer entlang. Wachtürme, Stacheldraht, doch kein roter Teppich ist zu sehen. Ein bisschen aufregend ist das schon.
Pforte II statt Festivalpalast
An Pforte II liegt auch kein roter Teppich und kein im Soldiner Kiez entworfener Berlinale-Bär grüßt die Gäste. Es gibt nicht mal ein Plakat, das auf die Veranstaltung hinweist. Vermutlich gehört das zu den besonderen Umständen an diesem besonderen Ort. An einer unscheinbaren Türe an Pforte II hat sich jedoch eine Schlange gebildet – hier ist es also.
In Fünfergrüppchen werden die Gäste in die Schleuse eingelassen, hinter ihnen schließt sich die schwere Tür. Rummms. Drinnen wird alles abgegeben – Handy, Jacke, Technik aller Art. Es folgt ein Sicherheits-Check. Der Personalausweis wird gegen einen roten Besucherausweis getauscht. Wer nicht auf der akribisch erstellten Liste steht, der kommt nicht rein. Auch wenn es nur in den Kultursaal geht, ist hier schließlich Sicherheitsbereich.


Ein ganz normaler Kinosaal – hinter Gefängnismauern
Der Kultursaal sieht aus wie ein ganz normaler Kultursaal. Hohe Wände, etwa 200 Stühle vor einer Kinoleinwand, dunkelgrüne Gardinen verdunkeln die raumhohen Fenster. Die weiß gestrichene Decke hat eine interessante, geschwungene Struktur und sechs große Lampenaugen.
Immer mehr Besucherinnen und Besucher kommen hinein. Die meisten sind neugierige Berlinale-Besucher:innen, es gibt Ehrengäste, zwei Journalistinnen, ein paar Filmleute und vielleicht 50 Gefängnisinsassinnen und -insassen. Es ist freie Platzwahl. Bevor der Film beginnt, noch der Hinweis von Paula Syniawa vom Berlinale-Team: „Wenn jemand zur Toilette muss, bitte zu der Tür rechts, Sie werden gebracht. Wenn jemand während der Vorstellung den Film verlassen will, dann gibt es leider keinen Weg zurück.“ Besondere Umstände an einem besonderen Ort.

Zombie-Teenager und Super-KI
Zum Verlassen des Filmes während der Vorstellung gibt es eigentlich wenig Grund. Gezeigt wurde Gore Verbinskis neuer Science-Fiction-Action-Film „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“. Darin versucht ein Mann aus der Zukunft (Sam Rockwell) mit einer zufällig zusammengesuchten Gruppe aus einem amerikanischen Diner, die Welt vor einer Super-KI zu retten.
Der Film funktioniert wie ein Videospiel, bei dem zwischendurch Spieler verloren gehen, immer neue Feinde auftauchen (wie eine Zombie-Teenager-Armee, paralysiert von ihren Smartphones) und es dann doch so etwas wie ein glückliches Ende gibt. Schräge und sehr makabere Ideen aus einer dystopischen, durchdigitalisierten und -technisierten Welt werden im Laufe des Film-Wettrennens immer absurder und enden in einem finalen Kampf von Mensch gegen Maschine.
Der Film ist stellenweise ziemlich brutal, weshalb er beim deutschen Kinostart Mitte März mit der FSK-Empfehlung von 16 Jahren an den Start gehen wird. Neben „brutal“ und „absurd“ gehört aber auch noch „ziemlich unterhaltsam“ zu den passenden Adjektiven für „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“.

100 Minuten ohne Smartphone
Dass man sich in einem Gefängnis befindet, vergisst man im Laufe der Vorstellung komplett. Als die Namen der Schauspieler:innen und des Filmteams am Schluss über die Leinwand laufen, ist eher der Gedanke ans eigene Smartphone im Kopf. Abgegeben werden musste es wegen des besonderen Orts. Doch der Film wirft die Frage auf: Wie abhängig sind wir schon von den Geräten und wohin führt das alles noch?
Vielleicht würde es Regisseur Gore Verbinski gefallen, wenn er wüsste, dass es irgendwo 100 Meter vom Wedding entfernt in einer JVA einen Kinosaal voller Menschen gab, die sich für seinen Film für 100 Minuten von ihrem Smartphone abkoppeln mussten. Und die nach dem erneuten Gang durch die Sicherheitsschleuse dann darüber nachdenken konnten, wie es sich angefühlt hat, eine Zeit lang keine Uhrzeit zu haben, kein Foto machen zu können und keine Nachricht von ihrem kleinen Berlinale-Abenteuer aus dem Gefängnis schreiben zu können.
Dieser Text wurde von einem Menschen geschrieben.

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