Wie ein Griff in eine prall gefüllte und bunt gemischte Bonbonschachtel ist ein Besuch beim British Shorts-Filmfestival. Wer hingeht, bekommt ganz viel und ganz verschiedene Geschmacksrichtungen. Ein Bericht von einem sehr britischen Abend im City Kino Wedding in der Müllerstraße am Sonntag (26.1.).

Ich fange mit dem Negativen an: Ich habe das Dudelsack-Konzert verpasst. Wenn ich die Videoschnipsel in den sozialen Medien anschaue, dann bereue ich es noch mehr, dass ich am Abend der Festivaleröffnung (23.1.) etwas Anderes vorhatte. Das Konzert mit der traditionellen Pipeband „Berlin Thistle“ scheint toll gewesen zu sein. Mit irischen und schottischen Liedern brachten sie so richtig Stimmung in die Kinobude. Wer dabei war, kann sich glücklich schätzen. Ich habe natürlich noch mehr Anderes verpasst – Konzerte, Workshops, Ausstellung, Comedy und natürlich sehr viele Filme. Aber das mit der Dudelsack-Band bereue ich am meisten.
Sechs Filme an einem Abend
Weil es sich um ein englisches Filmfestival handelt, sprachen im Publikum fast alle Englisch, auch die Moderatorin Julia Elger sprach wie selbstverständlich Englisch. Und die Vorführung hieß auch nicht Vorführung sondern Festival Screening. Ich war am Sonntag (26.1.) beim Festival Screening im ausverkauften City Kino Wedding dabei. Ich habe sechs sehr unterschiedliche Kurzfilme gesehen. Da war der Film „Learn to Swim“, bei dem ich überlegen musste, ob das ein interessantes Musikvideo ist oder doch ein Kurzfilm. Ich habe den 30-Minüter „If Not Now, When?“ gesehen und ich habe mich gefragt, warum ich fast die ganze Filmdauer gebraucht habe, um zu verstehen, dass der Film weder von Zeitreisen noch von einer Verschwörungstheoretikerin handelt, sondern von einer dementen Frau in mittleren Jahren.

Ich habe dem animierten Konzertbesucher in „Intermission“ zugesehen, dem das Konzert offenbar nicht gefallen hat. Ich war ergriffen von „Muna“, einer britisch-somalischen Teenagerin, die gern zur Klassenfahrt mitfahren wollte und deren Eltern ihr das Leben schwer machen. Ich habe 3 Minuten 22 Sekunden lang „Nothing We Say Can Change What We’ve Been Through“ gesehen und bin in den verschlungenen Gedanken einer jungen, animierten Frau spazieren gegangen.
Und ich habe mich beim Ansehen von „Just Be Awesome“ mit dem Protagonisten während eines Bewerbungsgespärchs in einer superhippen Agentur gefragt, welche Kompromisse ich für einen Arbeitsplatz machen würde. Wie im vergangenen Festivaljahr habe ich gedacht, dass es spannend ist, welche Themen die Filmemacher:innen wählen und wie komplett unterschiedlich (auch technisch) die Kurzfilme waren. Als Zuschauer:in erhebt man sich am Ende irritiert, erfrischt, erfreut und verrätselt aus dem samtroten Kinosessel. Und wie im Jahr zuvor fiel es mir schwer, meine Lieblingsfilme für den Publikumspreis auszuwählen.

British Shorts, die Zugabe
Was ich auch noch gesehen habe, ist der Bonustrack. Nach der Vorführung kam die Festivaljury auf die Bühne und verkündete, welchen Film sie in diesem Jahr auszeichnen. Den Jury Award gewonnen hat „Roses“ von Coral Knights. Über die Zugabe, denn der Film wurde anschließend gezeigt, habe ich mich wirklich gefreut. Er erzählt einen Abend einer Mutter, die während der Feier des 18. Geburtstages ihrer Tochter daheim nicht erwünscht ist. Ich folge ihr, während sie die Zeit totschlägt, in ein Restaurant, in eine Zufallsbegegnung mit einer alten Bekannten und wieder hinaus. Eine gute Wahl hat die Jury getroffen – soweit ich das sagen kann. Denn ich kann es kaum beurteilen, habe ich doch nur einen ganz kleinen Ausschnitt aus mehr als 150 Kurzfilme gesehen. Leider. Aber das ist beim Filmfestivals eben so.

Später habe ich gelesen, dass keiner der Kurzfilme, die ich gesehen habe, den Audience Award gewonnen hat. Der Publikumspreis ging an „Previs“ von Ruaidhri Ryan. Im Festival-Programm steht, dass es sich dabei um einen 21 Minuten langen Film handelt, in dem sich ein Filmemacher aus Großbritannien auf einer inspirierenden Suche nach Wahrheit in Hollywood begibt. Ich gratuliere, denn Publikumsentscheidungen sind meistens gut. Und schade, dass ich den Film vermutlich nie sehen werde, weil das British Shorts-Festival vermutlich die einzige Gelegenheit in Deutschland war, diesen nun prämierten kurzen Dokumentarfilm von der britischen Insel zu sehen.

Ein Wunsch fürs nächste Festival
Ein kurzer Epilog: Für das 19. British Shorts Festival, das im Januar 2026 wieder im City Kino und in weiteren Berliner Programmkinos Halt machen wird, wünsche ich mir einfach mal, dass das Bistrot im Centre Français als After-Kino-Bar öffnet. Denn ich hätte sehr gern bei einem – natürlich englischen – Getränk mit Freunden zusammengesessen und über die Filme geredet. Hätte gern überlegt, welcher Film noch mal welcher war und warum ich diesen oder jenen mehr mochte. Die vorhandene, normale Kinobar im City Kino Wedding ist bei einem ausverkauften Festival einfach zu klein und in der näheren Umgebung auf der nördlichen Müllerstraße gibt es keine Alternative. Es ist schade, dass das Publikum direkt nach dem Screening im Gänsemarsch zum Bahnhof Rehberge ging und überwiegend Richtung Mitte und Kreuzberg verschwand. Für sie war es nur ein Kurzbesuch im Wedding.


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