Buchtipp: Das Mädchen aus der Ackerstaße

Unter dem Titel „Das Mädchen aus der Ackerstraße“ erschien 1919 das Buch von Ernst Friedrich (vermutlich Ernst Friedrich Pinkert) bei der Verlagsanstalt Vogel & Vogel in Leipzig. Unser Autor Ralf Schmiedecke hat das Buch in einem Antiquariat gefunden. Regine Allgayer hat es gelesen.

Das Cover des Buches "Das Mädchen aus der Ackerstraße". Foto: Hensel
Das Cover des Buches „Das Mädchen aus der Ackerstraße“. Foto: Hensel

Eine Kneipe in Berlin-Nord: Ella Schulze, ein schmächtiges, 15-jähriges Mädchen schiebt sich durch die Tür. Sie verkauft Stecknadeln, Streichhölzer, Heftpflaster, Kragenknöpfe. Männer pöbeln sie an, versuchen sie zu begrapschen, machen ihr unanständige Angebote und klopfen Sprüche. Ella flüchtet nach draußen. Zu Hause angekommen versteckt sie sich unter dem Bett. Als ihr Stiefvater und seine Frau (Ellas Stiefmutter) betrunken nach Hause kommen, stolpert der Stiefvater über ihre Füße. Er will sie hervorzerren, tritt sie und prügelt sie. Ella verkriecht sich weinend, bei Tagesanbruch läuft sie von zu Hause weg. Vor Dr. Ernst Albrechts Haus bricht sie zusammen.

Vom Leben in der Ackerstraße

„Du musst dir die Manieren der Ackerstraße unbedingt abgewöhnen“, sagt Dr. Albrecht zu Ella, nachdem er sie in seiner Villa in Berlin-Grunewald aufgenommen hat. Und auf die Frage, ob nie jemand von der Jugendhilfe oder der Polizei da war, der sich um sie und die vernachlässigten Geschwister gekümmert habe, antwortet sie „Die kommen nich (sic!) bis nach der Ackerstraße.“

Die Liebe und Dankbarkeit, die Ella (mit ihren 15 Jahren im Grunde noch ein Kind) ihrem „Onkel“ entgegenbringt, wecken in Ernst Albrecht Gefühle intimer Zuneigung – die er sich einzugestehen nicht im Stande ist. In einem selbstzerstörerischen Moment überschreitet er die rote Linie… Fassungslos über seine Tat gegeht Dr. Ernst Albrecht Selbstmord. Da befinden wir uns gerade einmal in der Hälfte des Buches. Als Leserin war ich auf diese tragische Zuspitzung der Handlung nicht gefasst, und ich fragte mich, ob und wie es jetzt noch über 100 Seiten lang weitergehen kann? In der Tragödie – wie etwa in Shakespeares Hamlet – stirbt der Held selbstverständlich erst auf der letzten Seite und außerdem ist sein Tod ehrenwert. Ich fragte mich daher, was wird aus einer dramatischen Handlung, wenn der Held so früh stirbt?

Wie Ellas Leben weitergeht

Nach Ernst Albrechts Tod lebt Ella im Haus des Malers Fritz Petersen, einem engen Freund von Ernst Albrecht, steht ihm Modell, zahlt Petersens Schulden. Sie genießt zunächst das lockere Leben in seinem Haus, heiratet dann den Lehrer Max Krause. Sie ist jetzt 21 Jahre alt. In Krauses Heim erstickt sie fast an der kleinbürgerlichen Prüderie. Max ist ein guter und braver, aber langweiliger Mann. Ella sucht Wärme, Zärtlichkeit, Körperlichkeit. Max findet ihre Wünsche unsittlich. „Wie Wasser und Feuer sind unsere Naturen“, wird sie später zu Steinermann (ihrem Chef) sagen. Ella verlässt Max Krause.

Von da an geht es unaufhaltsam bergab, bis Ella nur wenige Monate später im Tiergarten am Goldfischteich nicht mehr weiterweiß. Da taucht in der Dunkelheit ein Mann mit langem grauem Bart auf. Er entpuppt sich als Vater Schröder, und dieser wohnt ausgerechnet in der Ackerstraße, im gleichen Haus, in dem Ella mit ihren Stiefeltern gelebt hatte. Übrigens hat Ralf Schmiedecke herausgefunden, dass 1919 tatsächlich ein Kutscher namens Arno Schröder in der Ackerstraße in Berlin (in den Meyerischen Höfen) gewohnt hatte.

Die Mietskaserne „Meyers-Hof“ in der Ackerstraße 132–133 galt als Synonym für Elend und Verfall. In den sechs Gebäuden hausten zeitweise bis zu 2.000 Menschen. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke
Die Mietskaserne „Meyers-Hof“ in der Ackerstraße 132–133 galt als Synonym für Elend und Verfall. In den sechs Gebäuden hausten zeitweise bis zu 2.000 Menschen. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke

Soll das ein Happy End sein?

Am Ende kehrt Ella zu ihrem Mann, dem Lehrer Max Krause, zurück. Erfüllung in Mutterschaft und Ehe, das soll das Happy End sein? Ich bin enttäuscht und überlege: Am 12. November 1918 hatten sich die Frauen das Wahlrecht erkämpft, am 19. Februar 1919 konnten Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen. 80 Prozent der Frauen haben ihr neues Recht genutzt. Und der Autor Ernst Friedrich schlägt sich ungeachtet dieser Ereignisse auf die Seite der Reaktionären und bietet seinem Lesepublikum ein derart moralisierendes Happy End an?

Ein wenig tröstet es mich, dass auch die Rezensenten vor hundert Jahren Kritik übten. Paul Frank schrieb am 1. Mai 1920: „Man hat sie allmählich satt, diese sogenannten Sittenbilder aus der Großstadt, die fast nie typisch sind und deshalb weithin nach jener üblen Kinoromantik riechen, die heute eigentlich schon überwunden sein müßte und könnte.“ Das moralisierende Happy End erwähnt er nicht. Möglicherweise kannte auch er nur den Film, nicht aber das Buch. Von diesem waren die Filmkritiker der Zeit allerdings begeistert, vor allem von Schünzels Regie und der künstlerischen Leistung der Filmdarsteller (Otto Gebühr und Lilly Flohr) in dem Stummfilm. Möglicherweise sind es im Besonderen die filmischen Qualitäten, die den kurzen Erfolg des Filmes seinerzeit begründeten.

Ernst Friedrich, Das Mädchen aus der Ackerstraße. Ein Sittenbild aus Groß-Berlin Leipzig: Buchdruckerei und Verlagsanstalt Vogel & Vogel, 1919

Berlin, Hamburg, München: Die Verfilmung

Unter dem Titel „Das Mädchen aus der Ackerstraße, 1. Teil“ wurde das Buch bereits 1920 mit Lilly Flohr in der Titelrolle und Otto Gebühr in der Rolle des jungen Universitätsprofessors Albrecht verfilmt. Regie führte Reinhold Schünzel. Es handelte sich dabei, wie der Zusatz „1. Teil“ nahelegt, um denjenigen Teil des Buches, der mit Ernst Albrechts Selbstmord endet.

Nach allem, was sich herausfinden lässt, wurde der Stummfilm in verschiedenen deutschen Großstädten gezeigt, allerdings mit unterschiedlichen Titeln. In Hamburg hieß er „Das Mädchen vom Jungfernstieg“, in München „Das Mädchen vom Stachus“. Man sieht, Ackerstraßen gibt es überall. Auch wenn sie anderswo andere Namen haben.

Die Rezeptionsgeschichte des Filmes war nur von kurzer Dauer und endete 1924 mit einem Verbot. Der Hinweis des Antragstellers, der Cserépy-Film-Gesellschaft, auf den „anerkannten künstlerischen Wert des Bildstreifens und das Niveau der schauspielerischen Leistungen“ fand dabei kein Gehör. Mehr zu den Zensurentscheidungen steht auf der Seite www.filmportal.de.

Wer neugierig geworden ist, behält den Filmtitel vielleicht im Kopf. Vielleicht läuft dieses Meisterwerk deutscher Stummfilm-Geschichte wieder einmal im Kino Babylon – mit dem Jazzpianisten Ekkehard Wölk live am Klavier?

Das Buch aus Ralf Schmiedeckes Sammlung. Repro: Brunnenmagazin

Text: Regine Allgayer

Kurze Meldungen aus dem Stadtteil

Neben den umfangreichen Beiträgen über Wedding und Gesundbrunnen gibt es nun auch „Wedding kurz & knapp“: kurze Meldungen aus dem Stadtteil. Die aktuellen News sind auf der Startseite des Blogs oder über diesen Direktlink zu finden.

📍 Kiez: ,

Kommentar

  1. Avatar von Reinhard
    Reinhard

    Morjen wie immer :)

    wer dit Buch mal lesen will kann dit hier koofen

    https://www.booklooker.de/Bücher/Ernst-Friedrich+Das-Mädchen-aus-der-Ackerstraße-Ein-Sittenbild-aus-Groß-Berlin/id/A02rtCJo01ZZ6

    aba Vorsicht …. kostet schlappe zweehundertdreissig plus Briefmarke

    da der film im Netz nich zufinden iss , hab ick hier noch ne’andre Perle des deutschen Film’s anzubieten

    https://streamcloud.my/28731-berliner-ballade-stream-deutsch.html

    Wer den Hauptdarsteller erkennt kriegt von mir ne Kugel Eis

    na den auf zum fröhlichen Eiersuchen

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Brunnenmagazin

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen