Sie holt betrunkene Wikinger aus dem Knast und überträgt Texte über Parasiten ins Schwedische – Cecilia Stickler gewährt Einblicke in ihren Arbeitsalltag als Übersetzerin im Brunnenviertel.

Auch wenn die Cyberwelt Wunder vollbringen kann, wie Autos und Züge ohne Fahrer fahren zu lassen, so hat man es noch nicht geschafft, uns Übersetzer überflüssig zu machen. Und ich sage ganz klar: Hurra! Weiter so! Ich glaube, wir haben alle mal eine Bedienungsanleitung in der Hand gehabt, die eine reine Lachnummer war. Und wir kennen alle die wirren E-Mails, die uns tolle Kredite anbieten. Diese werden sicher maschinell übersetzt, und für uns Sprachmenschen sind sie eine echte Zumutung.
So etwas sollte bei einem lebenden Übersetzer nicht vorkommen – und wenn doch, dann hat derjenige seinen Beruf verfehlt. Aber bevor ich ganz kurz etwas aus dem Alltag einer Übersetzerin erzähle, möchte ich gerne zwei Begriffe klären, die häufig durcheinandergeraten. Ein Übersetzer übersetzt schriftlich, der Dolmetscher nur mündlich. Alles klar? Gut!
Seit mehr als 40 Jahren arbeite ich als Übersetzerin für meine Muttersprache Schwedisch. Das heißt, dass ich Texte aus dem Deutschen ins Schwedische und vom Schwedischen ins Deutsche übersetze. Und wie wird man Übersetzer? Einfach loslegen? Nein, so leicht geht das leider nicht.
Es gibt im Prinzip drei Wege:
- Man kann die Prüfung als Staatlich geprüfter Übersetzer ablegen.
- Man kann die Prüfung als Anerkannter Übersetzer vor der Industrie- und Handelskammer ablegen.
- Man kann ein Studium absolvieren und mit dem Bachelor (BA) oder Magister (MA)abschließen.
Wege in den Übersetzer-Beruf
Neugierig geworden? Der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ) hat die verschiedenen Wege in den Beruf sehr übersichtlich auf seiner Internetseite dargestellt (Internetlink am Textende). Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Prüfungen nicht ganz einfach sind. Weil die Mitgliedschaft im BDÜ nach abgelegter Prüfung ein Gütesiegel ist, sind die Aufnahmebedingungen gnadenlos.
Und wie arbeitet man dann? Oh, die Auswahl ist sehr groß: Man kann zum Beispiel Fachübersetzer, Literaturübersetzer, Software-Lokaliser, Untertitler, Urkundenübersetzer oder Konferenzübersetzer werden. Man kann freiberuflich tätig oder fest in einem Unternehmen angestellt sein. Man kann sich auf kleine hübschen Schrauben oder auf Strickmuster spezialisieren oder, oder, oder. Überall werden Fachleute gebraucht. Ich bin freiberufliche Fach- und Urkundenübersetzerin und von den Berliner Gerichten und Notaren ermächtigt. Das heißt, ich darf meine Übersetzungen beglaubigen. Wir kennen das ja alle: Beim Amt wollen sie immer gern den kleinen runden Stempel sehen, und den habe ich – jawohl!
Mein skurrilster Auftrag? Mitten in der Nacht von der Polizei abgeholt zu werden, um auf der Polizeiwache einigen randalierenden und sturzbetrunkenen Schweden aus der Patsche zu helfen. Sie hatten im Bordell die Rechnung leider nicht bezahlt, und das ist nicht empfehlenswert – danach landet man halt bei der Polizei. Dort gingen die schwer angetrunkenen Wikinger den Polizisten so auf die Nerven, dass man mich holte.
Mein spannendster Auftrag? Ich habe eine Ausstellung über Parasiten für das Naturkundemuseum ins Schwedische übersetzt. Ich bin immer noch zutiefst von der Intelligenz der Parasiten beeindruckt, und ich hatte von der ersten bis zur letzten Seite wahnsinnigen Spaß – und auch manchen Gruselschauder. Da habe ich mich fast geschämt, für so viel Spaß eine Rechnung auszustellen. Damals beschloss ich, dass ich keinen rohen Fisch mehr esse. Sushi ade!
Der Übersetzerberuf ist spannend. Man lernt unglaublich viel Neues und mit dem Internet ist die Recherche viel leichter, aber gleichzeitig auch viel unübersichtlicher geworden. Er ist auch ein einsamer Beruf, denn man arbeitet – wenn man freiberuflich tätig ist – meistens allein. Aber dafür hat man die ganze Welt zu Gast. Letzte Woche war ich im Gartenbau unterwegs. Das war für mich ganz neu, und jetzt weiß ich zum Beispiel über Baumschulquartiere, An- und Aufzucht Bescheid. Kann ja nie schaden, schließlich bin ich Pflanzschalenpatin am Vinetaplatz!
Der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V. beantwortet die Frage: Wie wird man Dolmetscher oder Übersetzer? Die Internetseite des Verbands ist unter www.bdue.de erreichbar.
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Der Beitrag ist auch im gedruckten Kiezmagazin „brunnen“ erschienen. Er ist in der Ausgabe „Sprache“ enthalten, die im dritten Quartal 2026 erschienen ist. Weitere Beiträge aus dieser Ausgabe sind im Beitrag Neues Kiezmagazin: Ein Heft zum Thema Sprache verlinkt.

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