Das Centre Français de Berlin (CFB) ist ein schönes Haus aus den 1960er Jahren in der Müllerstraße 74. Davor wehen drei Fahnen: eine deutsche, eine französische und eine europäische. In dem Gebäudekomplex, den einst die französischen Aliierten errichteten, geht es um Völkerverständigung und um europäischen Kulturaustausch. Das klingt sehr allgemein. Öffnet man eine der Türen, entblättert sich eine ganz konkrete, eigene Welt mit unzähligen Projekten, Aktionen, Ideen und vielen Reisen um die Welt. Geprägt wird das CFB von vielen unterschiedlichen Menschen, viele haben einen französischen Hintergrund. Einer von ihnen ist Alexandre Bocage, der heute (20.12.) seinen letzten Arbeitstag im Centre Français hat.

Wer Alexandre Bocage schon einmal begegnet ist, der hat ihn vermutlich im Gemeinschaftsgarten Rote Beete getroffen. Vielleicht war er auch im Tandem Berlin-Paris-Büro nur eine Treppe rauf im CFB oder bei der Verteilung des Gemüses der solidarischen Landwirtschaft Spörgelhof vor dem City Kino Wedding. Wenn man ihn nicht angetroffen hat, dann war er wahrscheinlich mit einer Jugendgruppe unterwegs in Berlin oder in Paris, in den Alpen oder in Kiew. Der internationale Jugendaustausch, das war acht Jahre lang seine Kernaufgabe.
„Wir hatten viel Spaß, wir haben nicht viel geschlafen, aber wir haben es durchgezogen“, sagte Alexandre Bocage Anfang Dezember im französischen Kulturzentrum im Wedding. „Ich bin sehr glücklich, meinen Teil dazu geleistet zu haben und das wird mich mein Leben lang prägen“, sagt er. Das klingt wie eine Abschiedsrede? Es ist eine Abschiedsrede gewesen, bei einer Abschiedsfeier für das und mit dem CFB-Team.



Mit „Arbeit beim Partner“ nach Berlin
Alexandre Bocage kam 2017 ins Team, als Teilnehmer eines Förderprogramms zum Einstieg in die deutsch-französische Berufswelt. „Arbeit beim Partner“ heißt das Projekt des Deutsch-Französischen Jugendwerks. Viele junge Menschen sind über dieses Programm bereits nach Deutschland gekommen, auch im CFB gibt es viele, die ihre ersten Schritte in Deutschland so wie Alexandre gemacht haben. Obwohl er mit Jugendarbeit bis dahin nichts am Hut hatte, stürzte er sich gleich in die neue Aufgabe. Austausch reihte sich an Austausch, Jugendgruppe an Jugendgruppe. Acht Jahre lang. Wer immer unterwegs ist, für den vergeht die Zeit schnell.

Jugendaustausch und Nachhaltigkeit
Der Jugendaustausch war jedoch nicht die einzige Aufgabe von Alexandre Bocage: „Meine Aufgabe war es auch, Nachhaltigkeit voranzutreiben“. Den Gemeinschaftsgarten „Rote Beete“ aufbauen, die solidarische Landwirtschaft im CFB etablieren, das kostenlose Leih-Lastenrad, die Bienen auf dem Dach – Alexandre Bocage fand viele Aufgaben und er nahm sie gern an. „Ich war jung, ich hatte Hummeln im Arsch“, sagt er über seine Zeit in der Müllerstraße. Engagiert war er, voller Ideen – manchmal auch überengagiert, wie er selbst resümiert.
Nach dem Praxisjahr über „Arbeit beim Partner“ kamen andere Projekte, zuletzt hatte Alexandre Bocage eine feste Anstellung. Der Gemeinschaftsgarten war dabei immer eine Art besondere Leidenschaft, obwohl die meiste Arbeitszeit für die Jugendaustausch-Projekte zwischen Paris und New York verwendet wurden. Besonders die Resonanz aus dem Kiez hat dem Franzosen dabei gefallen und „es kam etwas raus aus dem Asphalt, da wollte ich unbedingt weitermachen“.






Freiraum für Macher im Centre Français
Über das Team im Centre Français findet er nur begeisterte Wort: „Ich habe mich sehr wohlgefühlt in dem Team, in der familiären Atmosphäre“. Seine Kolleginnen und Kollegen bezeichnet er als Macher:innen, seinen Chef Florian Fangmann und seine direkte Vorgesetzte Elisa Meynier als Menschen, die „einen machen lassen, solange es in die allgemein akzeptierte Richtung geht“. Wer das CFB besucht, der kann diese besondere Haltung in dem Gebäudekomplex in der Müllerstraße spüren. Freundschaftlich verbunden, könnte man die Mitarbeitenden bezeichnen. Oder wie eine fröhliche deutsch-französische Gruppe von Engagierten im Dauer-Klassenfahrt-Modus.


Abschied nach acht Jahren
Wenn Alexandre Bocage nun das CFB verlässt, nimmt er acht Jahre voller Erinnerungen mit. „Acht Jahre und vielleicht 50 Projekte später verabschiede ich mich nun“, sagte er Anfang Dezember. Es sind Erinnerungen an Honigernten auf dem Dach, an Großveranstaltungen wie der Fête de la Musique, an Reise mit den Jugendlichen, den Neubau des Eiffelturms, an Jam Sessions im Gemeinschaftsgarten und an den Garten selbst. Über dieses Projekt spricht er voller Freude, aber auch mit Wehmut. „Der Garten wird für mich eine schöne Erinnerung bleiben, aber auch eine bittere“, sagt Alexandre Bocage. Kurz vor seinem Weggang mussten die „Roten Beete“ abgebaut werden. Die Fläche, die dem Bund gehört, soll entsiegelt werden.
„In ein paar Tagen werde ich das schöne Schiff verlassen, meine Erfahrungen nehme ich mit“, formulierte er es bei der Abschiedsfeier. Auch die Erinnerung an den liebevollen Abschied wird er sicherlich bewahren. Es gab sehr warme Dankesworte, improvisierte Szenen, lustige und ernsthafte Geschenke, einen Gesangsbeitrag, viel Quatsch und Freude und natürlich auch einige Tränen. Ganz so, als wenn jemand den tollsten Ort der Welt schweren Herzens dann doch verlässt, weil das Leben einfach anders weitergeht.


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