Chris wohnt Hausnummer Null

Es ist eine Frage, die keinen Sinn ergibt: Wo wohnen Weddings Wohnungslose? Doch die Dokumentation „Hausnummer Null“ zeigt: Auch Menschen ohne Obdach wohnen manchmal. Finden ohne Dach über dem Kopf einen festen Ort. Chris zum Beispiel hat einen festen Platz. Zum Tag der Wohnungslosen am Donnerstag (11.9.) zeigt das Sommerkino auf dem Leopoldplatz die Hoffnung machende Doku über Chris.

Lilith Kugler
Filmemacherin Lilith Kugler. Foto: Pressebild

Lilith Kugler wohnt manchmal auf den Philippinen, manchmal in Burkina Faso, manchmal in Stuttgart, manchmal in Berlin. Chris wohnte (als der Film mit ihm gedreht wurde) in Berlin überall und nirgends; bis er am Bahnhof Friedenau eine feste Bleibe fand. Beide sind also ruhelos. Lilith Kugler geht als Dokumentarfilmerin mit offenen Augen durch die Welt und schaut, was ihr passiert. Chris sagt: „Früher bin ich ja immer gelaufen, gelaufen, gelaufen und gelaufen und die Dinge sind irgendwie passiert.“ Wieder eine Gemeinsamkeit. Lilith Kugler hat einen geregelten Alltag. Und Chris hat ebenfalls einen klar getakteten Tag. Obwohl die beiden vieles verbindet, würden die meisten sofort einen Unterschied bemerken und als gravierend empfinden. So hat Lilith Kugler einen Film über einen Wohnungslosen gedreht, über Chris.

Standbild aus Film Hausnummer Null
Filmszene. Foto: Pressebild/Stephan M. Vogt

„Hausnummer Null“ ist ein begleitender Film. Er folgt Chris, zeigt seinen Alltag. Zeigt seine Freunde, sein Netzwerk, das ihn, der ins Bodenlose gestürzt ist, hält. Es sind allerdings nur dünne Fäden, aber es ist mehr als nichts. Es berührt zu sehen, dass es dieses Netz geben kann, bestehend aus Nachbarn, die nicht in Hausnummer Null wohnen, sondern eine echte Adresse mit Zahl haben. Einer dieser Nachbarn wirkt wie ein gelernter Sozialarbeiter, der die Balance zwischen Nähe und Distanz professionell hält. Fast geschäftsmäßig wirkt er und ist doch einfach nur jemand, der Chris hilft. So wie die Nachbarin, die nicht aufhört Leberkäse zu braten, auch wenn Chris sagt, dass er nicht will. Sie ahnt schon, wie dieses komplexe Nein gemeint ist.

Vielleicht ist es ein zu optimistischer Film, wenn er diese Seiten der Wohnungslosigkeit von Chris zeigt. Und auch im weiteren Verlauf geschehen Dinge, die vielleicht utopisch anmuten. Andererseits: Was geschieht, konnte die Dokumentarfilmerin zu Beginn der Arbeit mit Chris nicht wissen.

Hausnummer Null
Ein Nachbar im Gespräch mit Chris. Foto: Standbild/Stephan M. Vogt

Komplex ist auch die Antwort auf die Frage, wie es überhaupt sein kann, dass Menschen keine eigene Wohnung haben und im Extremfall sogar wie Chris keine Unterkunft. Filmemacherin Lilith Kugler versucht in „Hausnummer Null“, darauf keine einfachen Antworten zu geben. Sie deutet einiges an, ohne sich festzulegen. Im Mittelpunkt soll Chris stehen. Den Menschen, den sie mit als ersten kennenlernte, als sie von Stuttgart nach Berlin-Friedenau zog, und der in der gleichen Straße wie sie „wohnte“. Nur eben auf der Straße. Aber an einem festen Ort. Wo er auf freundliche Menschen traf, die ihm einen Kaffee und 10 Euro spendierten, als er sich einmal vom Schnorren in der S-Bahn kurz ausruhen musste. Seitdem ist dort sein Platz. Diese Anekdote erzählt der Film nicht, aber Lilith Kugler berichtet davon im Gespräch mit dem Brunnenmagazin.

„Hausnummer Null“ ist Lilith Kugler passiert. Sie wollte nach ihrem vor Jahren abgelegten Bachelor den Master in Regie machen. Sie hatte dafür die Filmuniversität Babelsberg gewählt. Beworben hatte sie sich mit einer zuvor entstandenen Filmidee. Doch während des Studiums traf sie Chris. Drehte mit ihm während der Corona-Maßnahmen Szenen, obwohl die Hochschulleitung das Filmemachen untersagt hatte. Ohne Plan und ohne Gewissheit, was mit dem Material geschehen sollte, liefen sie und ihr Kameramann mit Chris mit.

Chris Hausnummer Null
Chris in „Hausnummer Null“. Foto: Standbild/Stephan M. Vogt

Begleitet wurde das Drehen von ihrer Furcht, Chris in der Großstadt zu verlieren. Bis sie verstand, dass viele Obdachlose feste Punkte haben, dass die Sucht streng kontrollierte Routinen diktiert, dass die meisten Menschen auf der Straße in unsichtbaren Strukturen leben. „Eigentlich hat mir
Dynamik zwischen Alex und Chris gefallen, da war viel Humor dabei“, sagt Filmemacherin Lilith Kugler. Alex und Chris sind Freunde. Beide sind obdachlos. Doch beide haben eine Verbindung, die auf mehr beruht, als auf dieser Schicksalsgemeinschaft. Allein die beiden zu zeigen, hätte einen guten Film abgegeben, glaubt Lilith Kugler. Vielleicht wäre es kein Kinofilm geworden, aber eine mittellange Doku. Doch dann übernahm ein Schicksalsschlag die Regie und das Leben schrieb das Drehbuch.

Zum Sommerkino auf dem Leopoldplatz will Lilith Kugler zusammen mit einem Arzt kommen, der im Film zu sehen ist. Eventuell kommen auch Alex und Chris, oder es kommt einer von beiden. Das lasse sich nicht vorhersagen, so Lilith Kugler.

Dass „Hausnummer Null“ beim Sommerkino auf dem Leo am 11. September, dem Tag der Wohnungslosen, läuft, ist den Organisatoren des Kinos so passiert. Doch Lilith Kugler ist es aufgefallen. Denn sie möchte mit ihrem Film einen Impact erzeugen, also etwas bewirken, wie sie sagt. Wir möchten „Diskussionen rund um die Themen Obdachlosigkeit und Suchterkrankung anstoßen und bürgerliches Engagement fördern“, heißt auf der Webseite zum Film. Denn der Film helfe, Empathie zu erzeugen. Den Filmemacher wurde berichtet, dass der Film ein Nachdenken über das eigene Verhalten gegenüber Obdachlose auf der Straße oder in der U-Bahn auslöse.

Trailer von „Hausnummer Null“ auf Youtube.

Tag der Wohnungslosen

Der 11. September, der Tag, an dem die Doku um 20 Uhr beim Sommerkino auf dem Leopoldplatz gezeigt wird, ist seit 2001 der Tag der Terroranschläge auf die beiden Hochhäuser des World Trade Centers. Doch er ist auch der bundesweite Tag der Wohnungslosen. Über diesen Aktionstag informiert die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Seit wann es den Aktionstag gibt, ist nicht eindeutig feststellbar. Doch klar ist die Forderung, die die zahlreichen Veranstalter in Deutschland an diesem Tag mit diesem Aktionstag verbinden: „Politik in die Pflicht nehmen – Wohnungsnot beenden“. Tatsächlich soll es nur noch fünf Jahre dauern, bis Deutschland die Obdachlosigkeit besiegt haben will. So erklärt es die Bundesregierung. Der Aktionstag Tag der Wohnungslosen will die Politik an ihr Ziel erinnern. Und der Film „Hausnummer Null“ tut es ebenfalls.

„Hausnummer Null“ beim Sommerkino

Die Dokumentation „Hausnummer Null“ von Lilith Kugler wird am Donnerstag, dem 11. September, um 20 Uhr beim Sommerkino auf dem Leopoldplatz gezeigt. Einlass ist um 19.30 Uhr. Sitzgelegenheiten sind nur in begrenzter Anzahl vorhanden, die Veranstalter bitten darum, eigen Klappstühle oder Decken mitzubringen. Es gibt kostenfreies Popcorn. Das Buchcafé „Frau Polda“ wird mit Chips, Taralli (italienische Kringel zum Knabbern), Limonade und alkoholfreiem italienischem Bier für eine italienische Note sorgen. Im Anschluss an die Filmvorführung ist eine Filmgespräch geplant.

Die Veranstaltungsreihe „Sommerkino auf dem Leopoldplatz“ wird von der Weddinger Agentur „georg + georg“ organisiert. Die Finanzierung für das Projekt kommt aus dem Bund-Länder-Programm „Lebendiges Zentrum und Sanierungsgebiet Wedding-Müllerstraße“. 

Zum Weiterlesen

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe gibt näher Auskunft über den Tag der Wohnungslosen. Hier ist ein Artikel zum Aktionsplan geben Wohnungslosigkeit beim Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauen.

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Kommentar

  1. Avatar von Reinhard
    Reinhard

    Morjen

    na ob das gelinkt bis 2030 (überall taucht diese magische Jahreszahl immer wieder auf … mal schauen was 2030 wirklich passiert) die Wohnungslosigkeit zu beheben . Hab da so meine bedenken, denn weder in unserer Stadt noch im restlichen Land wird es geschafft genügend Wohnraum für Alle zubauen.
    Erst recht wenn Unmengen an Geld für so viel anderes rausgehauen wird… wo – na das kann jeder jeden Tag in der Presse lesen…

    Auf der Müller hat vor vielen Jahren Decken-Paule gelebt, hatte immer eine Decke vorn in seine Hose gesteckt , daher sein Name, bekam Müller Ecke Kameruner vom Imbiss immer was zum essen. Ein Obsthändler in der alten Müllerhalle besaß ein Mietshaus – hat ihm einen Schlüssel für den Dachboden gegeben… aber Decken-Paule schlief lieber auf der Parkbank nähe Transvaalstr, dann kam ein sehr kalter Winter… dann war er erfroren …
    Wann immer ich in den letzten Jahren unterwegs war sind mir immer mehr Menschen begegnet, die auf der Straße leben. Am ende vom SchillerPark auf höhe der Barfussstr lebte einer auf seiner Parkbank – irgendwann war er weg, übriggeblieben ist ein schwarzer Fleck im Sand und eine völlig verrußte Blechbüchse, auf der er sich immer sein Essen mit Spiritus warm gemacht hat. Eine zeitlang wohnte ein anderer Obdachloser auf einer Bank auf dem ZeppelinPlatz.
    Oder in P’l-Berg zwischen U-Eberswalder und U-Schönhauser werden es immer mehr Zelte, egal ob Winter oder Sommer – nicht zu vergessen sind die Obdachlosen die am Bahnhof Zoologischer Garten unter der S-Bahnbrücke leben und zu guter letzt noch die , meist Osteuropäer die unter einer der Brücken an der Fischerinsel sich häuslich nieder gelassen hatten

    Grüße

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