Der weiße Stier ist wieder da!

Der weiße Stier, eine verschwundene Marmorskulptur im Humboldthain, ist wieder da. Nachdem das Kiezmagazin im vergangenen Dezember über die Skulptur von Ernst Moritz Geyger berichtete, machte sich der Berliner Unterwelten e.V. auf die Suche. Inzwischen ist der Stier gefunden und bereits geborgen worden.

Anlass für die Suche im Humboldthain nach der Skulptur von Ernst Moritz Geyger war der Artikel mit dem Titel „Verschwundene Skulptur“ im Heft 4/2021 des Kiezmagazins. Dietmar Arnold, Chef des Vereins Berliner Unterwelten, hatte den Beitrag gelesen und fand daraufhin im Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz eine hinweisgebende Fotografie aus dem Jahre 1946. Sie zeigt den zerbrochenen Stier auf der Seite liegend, getrennt von seiner Plattform. Im Hintergrund steht der Hochbunker auf kahler baumloser Fläche. Nach dem Kriegsende waren sämtliche Bäume im Humboldthain gefällt worden, da sie mit zahlreichen Granatensplittern gespickt waren. Sie wanderten in die Öfen der umliegenden Bewohner.

Der weiße Stier vom Humboldthain von Ernst Moritz Geyger. Foto: Archiv Ralf Schmiedecke
Der weiße Stier vom Humboldthain von Ernst Moritz Geyger. Foto: Archiv Ralf Schmiedecke

Im Zuge der Neubepflanzung des Parks mit rund 200.000 Büschen und Bäumen verschwand der gebrochene Stier unter der Erde. Die Information auf einem weiteren Foto „vor Ort vergraben“ veranlasste Dietmar Arnold, beim Bezirksamt eine Grabungsgenehmigung zu beantragen. Im Februar dieses Jahres folgten geophysikalische Untersuchungen, die einen möglichen Fundort eingrenzen konnten. Bereits die zweite Probegrabung unter Leitung der Archäologin Claudia Melisch war erfolgreich. Gar nicht so tief unter der Grasdecke konnten im April Sockel, Kopf und Korpus sowie einige Einzelstücke nach und nach freigelegt werden. Das glich einem Wunder. Nach 77 Jahren war der Stier gefunden worden! Das gesamte Grabungsteam, die vielen neugierigen Zuschauer, ja auch ich, konnten es kaum glauben. Und doch ist es wahr: Der Stier ist wieder da!

Der weiße Stier wurde teilweise zerstört

Bevor das Kunstwerk durch die Detonation einer Bombe Ende des Zweiten Weltkrieges teilweise zerstört wurde, stand es unterhalb von Findlingen, die noch heute an vielen Stellen im Humboldthain zu finden sind. Diese Steine bildeten einen aufgetürmten Halbkreis und vermittelten den Eindruck eines Felsens. Sie waren das einstige Denkmal für den Naturforscher Alexander von Humboldt. Zwischen den Steinen quoll ein Bächlein heraus und bahnte sich seinen Weg zu einem Sammelbecken, in dessen Mitte der prächtige Stier auf einem Hügel thronte.

Ernst Moritz Geyger hatte die Skulptur Ende des 19. Jahrhunderts geschaffen. Damals arbeitete er nicht nur als Künstler in seinem Atelier bei Florenz, er unterhielt dort auch einen 25 Hektar großen landwirtschaftlichen Betrieb. Der ermöglichte ihm hautnahe Studien für seine späteren Tierskulpturen, so auch für den weißen Stier. Bevor sein in Marmor gehauenes Kunstwerk in den Humboldthain kam, gewann der Künstler damit eine Silbermedaille auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900. Einem Zeitungsbericht zufolge erwarb ihn dann 1901 die Berliner Stadtverwaltung für 44.500 Mark (entspricht heute etwa 335.000 Euro).

Die Skulptur soll restauriert werden

Der Verein Berliner Unterwelten übernimmt die Kosten für die schwierige Bergung der Skulptur, die unter Wurzeln nebenstehender Bäume liegt. Nach Vorstellung von Vereinschef Dietmar Arnold sollte der Fund restauriert werden und zurückkehren in den Humboldthain. Darüber hinaus gebe es aber noch die Möglichkeit, ein archäologisches Fenster mit den geborgenen Artefakten am Ort des Auffindens einzurichten. Auch ich fände es schön, den Stier im Humboldthain in irgendeiner Form zu belassen. Vielleicht wäre er dann wie damals ein Treffpunkt für Verliebte und die vielen anderen Parkbesucher.

Die Bergung ist die eine Sache. Die Restaurierung des fünf Tonnen schweren Stiers werde jedoch weitaus höhere finanzielle Mittel in Anspruch nehmen. Sie seien für den Verein nicht zu stemmen, so die Berliner Unterwelten. Nun sind Entscheidungen über den weiteren Werdegang durch das Landesdenkmalamt sowie der Stadt Berlin (als Eigentürmer) gefragt.

Gefunden!

Im Humboldthain, im Wiesengrund,
da gab es einen Wunderfund.
Knapp 80 Jahre ruhte hier
der einst verscholl’ne weiße Stier.

Er lag hier unter Bäumen still,
bis man ihn fand, just im April.
Ein Wurzelwerk, das schützte ihn
mit weitverzweigtem Baldachin.

Die lange Zeit, die nagte sehr
an seinem Äuß‘ren und noch mehr
an Kraft und Stolz wie einst einmal.
Und doch, er ist noch kolossal!

Aus seinem Grab steigt Energie.
Ein Zauber, ja es ist Magie
und ein Entzücken geht herum
bei Buddlern und beim Publikum.

Monika Puhlemann
im Mai 2022

Dietmar Arnold, Autorin Monika Puhlemann (Mitte) und Archäologin Claudia Melisch am Fundort. Foto: Berliner Unterwelten e.V.
Berliner Unterwelten e.V.-Chef Dietmar Arnold, Autorin Monika Puhlemann (Mitte) und Archäologin Claudia Melisch am Fundort. Foto: Berliner Unterwelten e.V.

Text: Monika Puhlemann, Fotos: Andrei Schnell, Monika Puhlemann, Berliner Unterwelten e.V.

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