In diesem Sommer hat der weiße Stier vom Humboldthain, eine Marmorskulptur von Ernst Moritz Geyger, wieder einen Platz im Park bekommen. Damit findet eine Geschichte, die mit einem Artikel im Kiezmagazin begann, ein vorläufiges Ende.

Manche älteren Weddinger können sich noch an den weißen Stier vom Humboldthain erinnern. Eine lange Zeit soll die markante Skulptur als Treffpunkt im Humboldthain gedient haben, vor allem für Liebespaare. Er war ein Wahrzeichen wie es die Weltzeituhr für den Alexanderplatz heute ist. Der Künstler Ernst Moritz Geyer hatte die Arbeit an der Skulptur aus weißem Marmor Ende des 19. Jahrhunderts begonnen, nach der Fertigstellung fand sie 1901 ihren Platz im Humboldthain. Hier stand er auf einem kleinen Hügel. Das Wasser eines Rinnsals schlängelte sich von einem Brunnen herkommend zu dem Stier und sammelte sich um ihn herum in einem Teich.
In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wurde die Skulptur beschädigt und wurde offenbar an Ort und Stelle vergraben. Lange dachte niemand mehr an die Stierskulptur, sie wurde vergessen. Im Sommer 2021 schlug Monika Puhlemann, ein historisch interessiertes Mitglied der Bürgerredaktion den weißen Stier als Thema fürs Kiezmagazin vor. In ihrem Text, der Ende des Jahres erschien, fragte sie: „Eins steht fest: Die Skulptur steht schon lange nicht mehr an ihrem Platz. Doch wo ist sie geblieben?“

Monika Puhlemann konnte kaum ahnen, was sie mit ihrem Artikel auslösen würde. Das Kiezmagazin geriet in die Hände von Dietmar Arnold, dem Vorsitzenden des Berliner Unterwelten e.V. Er nahm die Herausforderung an und begann im Frühjahr 2022 mit der Suche nach der verschollenen Stierskulptur. An seiner Seite war ein erfahrenes Team, darunter die Archäologin Claudia Melisch. Die Suche begann in Archiven, wo sich ein Foto aus dem Jahr 1946 fand, auf dem „vor Ort vergraben“ vermerkt war. Geophysikalische Untersuchungen folgten und bereits im April 2022 wurden der Sockel, der Torso des Kunstwerks, der abgebrochene Kopf sowie Fragmente der Beine und der Ohren ausgegraben und gesichert. Es gab die Hoffnung, dass der Stier bald wieder ein Treffpunkt im Park werden könnte. „Die Skulptur ist zu beschädigt, um wieder im Humboldthain aufgestellt zu werden“, sagte die Archäologin Claudia Mehlisch dann im Frühjahr gleich nach der Bergung.




Der Berliner Unterwelten e.V. wählte daher einen anderen Weg. Die Teile der Skulptur wurden mit 3D-Technik gescannt, Fachleute bauten ein stabiles Metallgerüst für die tonnenschweren Fragmente. Etwa ein Jahr nach der Bergung wurden die Reste der Skulptur im archäologischen Fenster im Humboldthain nahe des Bahnhofs Gesundbrunnen platziert und ausgestellt. Wer möchte, kann die alte Skulptur, die 77 Jahre als verschollen galt, also besuchen gehen, wenn sie auch nicht ganz am historisch korrekten Standort zu finden ist.
Noch hofft der rührige Verein vom Gesundbrunnen übrigens, irgendwann eine Replik des Stiers am Ursprungsort im Park aufstellen zu können. Bisher scheiterte dieser Plan am Gartendenkmalamt des Bezirks Mitte, das die Genehmigung dafür verweigert. Sollte sich diese Haltung in Zukunft ändern, könnte der 3D-Laserscan dabei helfen, eine genaue Kopie der Skulptur herzustellen. Und dann könnte der Volkspark sein altes Wahrzeichen zurück erhalten.
Doch damit ist die Geschichte noch nicht ganz zu Ende. Denn der Berliner Unterwelten e.V. plant, eine Miniversion des einstigen Wahrzeichens herzustellen und zum Verkauf anzubieten. Neuigkeiten dazu werden dann auch im Kiezmagazin veröffentlicht.
In eigener Sache
Dieser Beitrag gebührt eigentlich unserer Autorin Monika Puhlemann. Sie hatte das Thema fürs Kiemagazin vorgeschlagen, recherchiert und aufgeschrieben. Leider ist sie kurz nach dem Auffinden der Stierskulptur überraschend verstorben. Für die Bürgerredaktion wird der weiße Stier vom Humboldthain immer auch mit der Erinnerung an Monika Puhlemann verbunden sein.
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Der Beitrag ist im gedruckten Kiezmagazin „Die Farben des Kiezes“ enthalten, das im September 2023 erschienen ist. Weitere Texte und Themen dieser Ausgabe sind im Artikel „Neues Kiezmagazin: Die Farben des Kiezes“ gesammelt und verlinkt.
Es sind noch weitere Beiträge über den weißen Stier im Humboldthain im Brunnenmagazin erschienen: zu den Beiträgen.

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