Diesterweg-Gymnasium: Dornröschen schläft im Kiez

Der seit 2011 zugenagelte ehemalige Standort des Diesterweg-Gymnasiums in der Swinemünder Straße hat das Zeug, zu einem Dornröschenschloss 2.0 zu werden. Was die Gebrüder Grimm schon vor 200 Jahren über ein aus der Zeit gefallenes Schloss zu erzählen wussten, gewinnt hier neue Aktualität. Von Michael Becker

Die alte Schule mit Zaun und Hochbeet-Garten davor. Foto: M. Becker
Die alte Schule mit Zaun und Hochbeet-Garten davor. Foto: M. Becker

Damals drohte der Bann einer übergangenen Fee ein Schloss in der Vergessenheit versinken zu lassen. Sie war bei der Kindstaufe einer Prinzessin nicht wie ihre Kolleginnen geladen worden. Aus Zorn darüber prophezeite sie im Falle eines Unfalles der Prinzessin am Spinnrad zwei Strafen: Erstens würde die Prinzessin wie auch der gesamte Hofstaat in Tiefschlaf verfallen. Zweitens würde das Schloss hinter einer Dornenhecke zuwachsen.

Der Grund für die Schließung des Diesterweg-Gymnasiums 2011 waren zu geringe Schülerzahlen. Diese Schließung könnte in Bezug zum Arbeitsunfall der Prinzessin am Spinnrad gesetzt werden, an dessen Spindel sie sich stach. Denn in gewisser Weise verfiel die Nachlassverwaltung der Schule in einen Schlaf. Zwar gab es Vorschläge, das leer stehende Schulgebäude einer Nachnutzung zuzuführen. Sie wurden schließlich hinfällig, als Ende der 2010er Jahre aufgrund gestiegener Schülerzahlen eine erneute Inbetriebnahme der Schule geplant wurde. Aber diese Aussicht hatte einen großen Haken: Das erst 1974 gebaute futuristische Schulgebäude sollte abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden.

Das rief den Denkmalschutz auf den Plan. Abriss und Neubau waren dadurch seit 2019 nicht mehr möglich; die geplanten Gelder reichten jedoch nicht für eine Sanierung des Gebäudes. Der Berliner Senat verwies das ehemalige Diesterweg-Gymnasium entsprechend der Priorisierung des Bezirks im Rahmen seiner Schulbauoffensive auf hintere Plätze. Eine Sanierung ist somit auf absehbare Zeit nicht in Sicht. Damit war die Zeit reif für den zweiten Teil des Bannes der Märchenfee, die Dornenhecke. Das gesamte Schulgebiet wurde im September 2023 mit einem hohen Blechzaun gesichert, der vor Vandalismus schützen soll. Die Anwohner des Brunnenviertels sind nach all dem Hin und Her der letzten 13 Jahre enttäuscht. Ein großes Areal zwischen Swinemünder und Putbusser Straße ist hermetisch abgeriegelt. Nun liegt die Zukunft ihres Kiezes auch optisch deutlich auf Eis. Ein deprimierender Zustand.

Ende 2023 organisierten Akteure wie das Olof-Palme-Zentrum, das Quartiersmanagement und der Brunnenviertel e.V. ein erstes Podium, auf dem sie mit verantwortlichen Bezirkspolitikern über diese unbefriedigende Situation sprachen. Sie schlugen Teilnutzungen des Gebäudekomplexes vor wie eine Reaktivierung der ehemaligen Bibliothek. Die Nutzung des eingezäunten Schulhofes als Freizeitbereich mit seinen Tischtennisplatten wäre eine relativ leicht zu erschließende Maßnahme. In der gegenwärtigen Situation wären Teilschritte große Schritte. Der Anfang scheint jedoch schwer. Allerdings könnten die Ideen für Bibliothek und Schulhof ein guter Start sein: Für ihr Betreiben sollten sich geeignete Träger finden lassen. Darüber hinaus gibt es seit langem das soziokulturelle Nutzungskonzept der Initiative ps wedding für den Schulkomplex. Wäre nicht auch hier ein guter Beginn?

Für 2024 sind weitere Gespräche von Anwohnern und Bezirkspolitikern geplant. Können diese Kontakte das Diesterweg-Schloss endlich aus dem Dornröschen-Schlaf erwecken? Denn mit einem Prinz wie im Märchen von Jakob und Wilhelm Grimm ist wohl nicht zu rechnen.

Ein Foto aus besseren Zeiten: Kiezfest vor der alten Schule im Jahr 2010. Foto: Michael Becker
Ein Foto aus besseren Zeiten: Kiezfest vor der alten Schule im Jahr 2010. Foto: Michael Becker

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Der Text ist auch im Kiezmagazin „Mit Über-Blick“ enthalten, das im März 2024 erschienen ist. Weitere Beiträge aus dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Kiezmagazin: Mit Über-Blick“ gesammelt und verlinkt.

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