Tag der Deutschen Einheit: Jägerschnitzel und Schwarzwälder Kirsch

Was ist mein Ritual für den Tag der Deutschen Einheit? Das frage ich mich jedes Jahr, seit es den Feiertag gibt. Ich finde, besondere Tage brauchen Rituale, damit man sie besser wahrnehmen kann. Weihnachten hat den Gänsebraten oder den Gemüsebraten (je nachdem), zu Ostern machen wir einen Osterspaziergang, an Silvester entfliehen wir der lauten Stadt. Und am 3. Oktober, was machen wir da als Familie?

Schwarzwälder Kirschtorte, selbstgemacht für den 3. Oktober. Foto (+Torte): Hensel
Schwarzwälder Kirschtorte, selbstgemacht für den 3. Oktober. Foto (+Torte): Hensel

Ein Feiertag und keine Ahnung

Ich habe das in den letzten Tagen jeden gefragt, den ich getroffen habe: Was machst Du am Feiertag? Schulterzucken ist meist die Antwort. Gestern hat mir ein Mit-Coworker am Nordbahnhof erklärt, dass er Gartenarbeit plant, irgendwo in Sachsen. Der Tag der Deutschen Einheit, da habe er keine rechte Idee. Wenn ich nach dem 9. November fragte, dann hätte er viele Antworten und Erinnerungen für mich, die dann auch sogleich folgten. Von dem ersten Trabi, den er als Westdeutscher 1989 sah, von Menschen, die sich umarmten, sowas. Begeisterung schlich sich in seine Stimme. Aber der Tag der Deutschen Einheit, die Begeisterung in der Stimme schwand abrupt, der sei irgendwie etwas wie am Reißbrett Entstandenes. Wie der Potsdamer Platz.

Am Tag der Deutschen Einheit 2023 am Brandenburger Tor. Foto: Hensel
Am Tag der Deutschen Einheit 2023 am Brandenburger Tor. Foto: Hensel

Vor zwei Jahren sind wir zum Brandenburger Tor gegangen. Mit einer Flasche Piccolo und zwei Gläsern. Wir wollten versuchen, zu feiern. Wir standen unter unzähligen Berlinbesuchern mit Bitzelwasser im Glas. Der kleine, große Weddinger, unser Sohn, war etwas peinlich berührt von unserer Aufführung und wendete sich vorsichtig ab. Ich muss sagen: Er hatte recht. So richtig war es das nicht. Wir versuchen es in diesem Jahr anders, kulinarisch. Ich plane ein deutsch-deutsches Einheitsmahl mit Jägerschnitzel und Tomatensoße, Nudeln und Käsestreuseln. Danach dann Schwarzwälder-Kirsch-Torte. Ich habe die Hoffnung, dass das den Nachwuchs mehr begeistert. Ich berichte gern im nächsten Jahr, ob wir dann unser Tag-der-Deutschen-Einheit-Ritual gefunden haben.

Früher in einem anderen Land

Ich überlege noch, ob wir heute zu dem Haus in der Brunnenstraße gehen sollen. An dem steht: „Dieses Haus stand früher in einem anderen Land“. Dieser Fassadenspruch trifft bei mir irgendwas, tief im Inneren. Denn ich habe früher auch in einem anderen Land gestanden (oder gelebt). Ich bin in der DDR aufgewachsen. Als ich in die Pubertät kam, wachte ich plötzlich in einem anderen Land auf. Heute sagt man Transformationserfahrung zu dem, was dann folgte. Zusammengenommen habe ich vor allem daraus gelernt, in zwei Systemen gelebt zu haben, dass ich das kann. Ich kann mich anpassen und oft ist es mühselig oder unangenehm, das zu tun, aber es hat mich eigentlich immer stärker gemacht. Und flexibler. Mutiger, zuversichtlicher und so weiter.

Fassade in der Brunnenstraße. Foto: Hensel
Fassade in der Brunnenstraße. Foto: Hensel

Ich bin sogar in den Westen gezogen, ins ehemalige Westberlin, in den Wedding. Rübermachen musste ich dafür nicht, mir steht das Aufenthaltsbestimmungsrecht einfach so zu, die Mauer ist offen. Überhaupt finde ich Offenheit wichtig, nicht nur die der Mauer. Auch Offenheit gegenüber Menschen und Projekten, über die ich schreibe, und Offenheit gegenüber Orten, die ich noch nicht kenne.

Tag der Deutschen Einheit, ein neuer Versuch

Ich versuche auch immer wieder, offen für Andersdenkende (zum Beispiel aus dem Westen) zu bleiben, auch wenn meine eigene Ost-West-Geschichte (hier: beim Weddingweiser) vor einem Jahr dann doch endete. Dort gab es einfach zu wenig Begeisterung für Jägerschnitzel. Wie auch immer. Ich bin jetzt jedenfalls gespannt, ob mir die Schwarzwälder Kirsch gelingt oder ob der kleine, große Weddinger mir dann sagt, dass ich eine Omatorte gebacken habe und dass ich mich mal lieber mit der Zukunft vertraut machen soll, statt immer wieder in die Vergangenheit zu schauen. Jaja, aber ich hätte trotzdem gern ein Ritual.

Was sind Eure Rituale für den Tag der Deutschen Einheit?

PS: Ich möchte Euch gern noch einen Text zum heutigen Feiertag ans Herz legen. Er ist von Rolf und ich finde ihn toll und sehr unterhaltsam. Lest unbedingt auch die Beurteilung aus dem DDR-Krankenhaus, die er als Bild in den Beitrag gesteckt hat. Köstlich! Hier lang: Radwege der Einheit | kafka on the road

Dieser Text wurde von einem Menschen geschrieben.

Zumindest das ist klar. Das Geschäft in der Brunnenstraße hat am 3. Oktober geschlossen. Foto: Hensel
Zumindest das ist klar. Das Geschäft in der Brunnenstraße hat am 3. Oktober geschlossen. Foto: Hensel
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Kommentare

  1. Avatar von Reinhard
    Reinhard

    Morjen
    man sieht du hast dir Mühe gegeben mit der Torte, die wird bestimmt schmecken.
    Worüber ich an diesem Tag nach denke ist , was so alles zwischen einem Volk was mal eins war kaputt gegangen ist … bei uns bis in die Familie hinein. Es gab nur einen einzigen Besuch (die Tochter von Oma’s Schwester)… das war es dann auch schon . Dafür habe ich die erste Zeit ausgiebig mir den Ostteil von Invalidenstr bis zum Alex und Torstr angesehen…. und dachte oft was das für ein Unterschied gewesen ist. Ansonsten hab ich keinen unterschied zw Ost-West gemacht , also damit meine ich das menschliche… vielleicht lag es daran, das ich mir immer vorgestellt habe, was wäre gewesen wenn es gar kein West-Berlin gegeben hätte
    Und heute…? bin froh das die Stadt wieder eins ist…. ick mach mir heute Lachs mit Gnocchi und Spinat und zum Kaffee jibt dit Mangoschnitte und nen‘ juten Film

    Also allet wie imma Grüße

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Ich finde es gut, dass Du versuchst, keinen Unterschied zu machen. Ich versuche das auch. Allerdings muss ich zugeben, dass ich manchmal trotzdem einen spüre. Nicht wie ein Bauchkneifen so doll, mehr so wie eine Ahnung, die mir durch den Kopf weht. Ich für meinen Teil würde sagen: der Unterschied ist nicht riesig, aber er ist nicht nicht. Zumindest sprechen wir formell die gleiche Sprache. Das ist schon mal eine Hilfe.

      Mangoschnitte also. Ist das Westberlin? Ich habe keine Ahnung. Guten Appetit jedenfalls und einen schönen Feiertag!

      1. Avatar von Reinhard
        Reinhard

        Mangoschnitte ist International ausserdem hat die mich einfach so angelacht die Schnitte…. also dann gehe ich wohl wesentlich entspannter mit meinem Gegenüber um … ich versuche nicht ich mach das einfach so, egal wo er herkommt das einzige wo ich dolles Bauchkneifen kriege ist wenn ich merke das jemand Bullshit erzählt….

  2. Avatar von Renate Straetling
    Renate Straetling

    Es ist an jedem Einheitstag ein Gewinn, an wenigstens einer der schönen thematischen Veranstaltungen teilzunehmen. – Aber, liebe Dominique, was das Kuchen-Ritual angeht, kann man auch über den (Teller-)Rand der Schwarzwälder hinausschauen und den kleinsten gemeinsamen Nenner (nein, nicht die Kartoffel), den Apfel nehmen. Wir Apfelländer! Eine Apfeltarte mit Streifendekor: mit links Pflaumensauce, süßstoffgesüßt, mittig ein konfettiartiges Zuckerstreuselfeld (52° N, 13° E) und rechts ein zartbitterbraune Schokoglasur. So viel Apfel-Einheit sind wir schon anno 2025.

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Liebe Renate, isst Du heute Apfelkuchen? Ich nehme Deinen Einheitskuchenvorschlag jedenfalls mal auf die Liste für das kommende Jahr. :)

      1. Avatar von Renate Straetling
        Renate Straetling

        Liebe Dominique! Danke, mal schauen, wie das auswächst. Ich sprach ja vom Einheits-Apfelkuchen und dem Drei-Streifen-Dekor für die an die Zeiten Wandlungen der Zeiten. – Ich selber backe einen Apfeltarte in der Tarteform; wohne ja im ehemaligen französischen Sektor – mit Faible für französische Cuisine.

  3. Avatar von Alain Baillet
    Alain Baillet

    Einige Jahre sind wir mit den Kindern und einer befreundeten Familie die ganze S-Bahn Strecke bis nach Hönow gefahren und haben dort, in den Feldern, unseren Drachen steigen lassen.
    Nun sind die Kinder längst erwachsen…
    LG Alain

  4. Avatar von Evelyne Leandro
    Evelyne Leandro

    Wenn ich daran denke, dass ich viele Freunde und Menschen aus „drüben” in Berlin kenne und schätze, dann liegt das wahrscheinlich auch daran, dass sie offener sind. Sie haben bereits Veränderungen (und Umzüge) erlebt und wissen, wie es ist, sich neu zu orientieren. Zumindest diejenigen, die die Mauer noch erlebt haben. Aber Unterschiede gibt es heute immer noch. Das merke sogar ich. Und jetzt hier im „Westen” merke ich traurig, dass dieser Tag nur noch ein anderer Feiertag ist. Schade.

  5. Avatar von Rolf

    Liebe Dominique, krieg ich ein Stück vom Kuchen ab?
    Mit meiner Freundin aus Rostock hatte ich das Ritual am 3. Oktober wegzufahren und unsere Liebe zu feiern, denn unsere erste gemeinsames Wochenende war am Tag der Einheit. Wie im Großen hat auch im Privaten die Liebe zwischen Ost und West leider nicht gehalten.
    Jägerschnitzel (Ost) gibt es manchmal bei uns in der Kantine. Ich lad dich ein.
    Danke für den Link :-)

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Lieber Rolf, es ist in der Tat noch Kuchen da. Falls Du heute Zeit hast, komm gern rum auf ein Stück. Ansonsten nehme ich gern mal Kantinen-Jägerdschnitzel.

  6. Avatar von Goedecke
    Goedecke

    Ritual? Auch heute wieder mit großem Vergnügen den Henselschen Beitrag mit den anregenden Gedanken gelesen zu haben. Außerdem geh ich heute abend in die Fabrik zum zentralasiatisch-muslimischen Abend, auf den ich ohne Brunnenmagazin nicht aufmerksam geworden wäre.
    Mit Dank
    L. Goedecke

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Lieber Herr Goedecke, vielen Danke fürs Teilen dieses doch sehr speziellen Feiertagsrituals und danke für die Blumen. :) Ich hoffe, Sie hatten einen schönen Tag gestern. Beim zentralasiatischen Abend war es gestern so voll, dass ich Sie gar nicht entdeckt habe.

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