Was ist mein Ritual für den Tag der Deutschen Einheit? Das frage ich mich jedes Jahr, seit es den Feiertag gibt. Ich finde, besondere Tage brauchen Rituale, damit man sie besser wahrnehmen kann. Weihnachten hat den Gänsebraten oder den Gemüsebraten (je nachdem), zu Ostern machen wir einen Osterspaziergang, an Silvester entfliehen wir der lauten Stadt. Und am 3. Oktober, was machen wir da als Familie?

Ein Feiertag und keine Ahnung
Ich habe das in den letzten Tagen jeden gefragt, den ich getroffen habe: Was machst Du am Feiertag? Schulterzucken ist meist die Antwort. Gestern hat mir ein Mit-Coworker am Nordbahnhof erklärt, dass er Gartenarbeit plant, irgendwo in Sachsen. Der Tag der Deutschen Einheit, da habe er keine rechte Idee. Wenn ich nach dem 9. November fragte, dann hätte er viele Antworten und Erinnerungen für mich, die dann auch sogleich folgten. Von dem ersten Trabi, den er als Westdeutscher 1989 sah, von Menschen, die sich umarmten, sowas. Begeisterung schlich sich in seine Stimme. Aber der Tag der Deutschen Einheit, die Begeisterung in der Stimme schwand abrupt, der sei irgendwie etwas wie am Reißbrett Entstandenes. Wie der Potsdamer Platz.

Vor zwei Jahren sind wir zum Brandenburger Tor gegangen. Mit einer Flasche Piccolo und zwei Gläsern. Wir wollten versuchen, zu feiern. Wir standen unter unzähligen Berlinbesuchern mit Bitzelwasser im Glas. Der kleine, große Weddinger, unser Sohn, war etwas peinlich berührt von unserer Aufführung und wendete sich vorsichtig ab. Ich muss sagen: Er hatte recht. So richtig war es das nicht. Wir versuchen es in diesem Jahr anders, kulinarisch. Ich plane ein deutsch-deutsches Einheitsmahl mit Jägerschnitzel und Tomatensoße, Nudeln und Käsestreuseln. Danach dann Schwarzwälder-Kirsch-Torte. Ich habe die Hoffnung, dass das den Nachwuchs mehr begeistert. Ich berichte gern im nächsten Jahr, ob wir dann unser Tag-der-Deutschen-Einheit-Ritual gefunden haben.
Früher in einem anderen Land
Ich überlege noch, ob wir heute zu dem Haus in der Brunnenstraße gehen sollen. An dem steht: „Dieses Haus stand früher in einem anderen Land“. Dieser Fassadenspruch trifft bei mir irgendwas, tief im Inneren. Denn ich habe früher auch in einem anderen Land gestanden (oder gelebt). Ich bin in der DDR aufgewachsen. Als ich in die Pubertät kam, wachte ich plötzlich in einem anderen Land auf. Heute sagt man Transformationserfahrung zu dem, was dann folgte. Zusammengenommen habe ich vor allem daraus gelernt, in zwei Systemen gelebt zu haben, dass ich das kann. Ich kann mich anpassen und oft ist es mühselig oder unangenehm, das zu tun, aber es hat mich eigentlich immer stärker gemacht. Und flexibler. Mutiger, zuversichtlicher und so weiter.

Ich bin sogar in den Westen gezogen, ins ehemalige Westberlin, in den Wedding. Rübermachen musste ich dafür nicht, mir steht das Aufenthaltsbestimmungsrecht einfach so zu, die Mauer ist offen. Überhaupt finde ich Offenheit wichtig, nicht nur die der Mauer. Auch Offenheit gegenüber Menschen und Projekten, über die ich schreibe, und Offenheit gegenüber Orten, die ich noch nicht kenne.
Tag der Deutschen Einheit, ein neuer Versuch
Ich versuche auch immer wieder, offen für Andersdenkende (zum Beispiel aus dem Westen) zu bleiben, auch wenn meine eigene Ost-West-Geschichte (hier: beim Weddingweiser) vor einem Jahr dann doch endete. Dort gab es einfach zu wenig Begeisterung für Jägerschnitzel. Wie auch immer. Ich bin jetzt jedenfalls gespannt, ob mir die Schwarzwälder Kirsch gelingt oder ob der kleine, große Weddinger mir dann sagt, dass ich eine Omatorte gebacken habe und dass ich mich mal lieber mit der Zukunft vertraut machen soll, statt immer wieder in die Vergangenheit zu schauen. Jaja, aber ich hätte trotzdem gern ein Ritual.
Was sind Eure Rituale für den Tag der Deutschen Einheit?
PS: Ich möchte Euch gern noch einen Text zum heutigen Feiertag ans Herz legen. Er ist von Rolf und ich finde ihn toll und sehr unterhaltsam. Lest unbedingt auch die Beurteilung aus dem DDR-Krankenhaus, die er als Bild in den Beitrag gesteckt hat. Köstlich! Hier lang: Radwege der Einheit | kafka on the road
Dieser Text wurde von einem Menschen geschrieben.


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