Der 3. Oktober ist der Tag der Deutschen Einheit. Es ist ein Gedenktag, an dem des Scheiterns gedacht werden sollte. 30 Jahre lang wurde vergeblich versucht, eine westdeutsche Einheit herbeizuführen. Es ist Zeit, den Feiertag der nächsten Generation zu übergeben, damit ganz von vorn darüber nachgedacht werden kann, wie dieses zersplitterte Land geeint werden könnte. Der Wedding eignet sich für dieses Nachdenken besonders gut.

Die Frage, ob der Wedding kommt, ist längst beantwortet. Er ist steckengeblieben. Er hat sich aufgemacht, ist aber nie angekommen – wo auch immer er hingehen sollte. Auch Ostdeutschland sollte kommen, aufholen oder gleichziehen – ist aber steckengeblieben. So wie die Communties, von türkischer, kurdischer, arabischer bis osteuropäischer, die zwar hinzugekommen sind, aber irgendwo auf dem Weg zur Gemeinschaft stecken geblieben sind.
Nüchterne Bestandsaufnahme: Nicht wenige Ostdeutsche fühlen sich als Bürger zweiter Klasse, wählen ihre Lokalparteien, einst die PDS und seit Kurzem rechtsextrem. Ebenfalls nicht wenig Menschen mit Migrationshintergrund würden, wenn sie zur Wahlurne gehen dürften, ihre eigenen Parteien wählen, also Erdogan- oder Palästinaparteien. Das hat die Symbolwahl in Mitte gezeigt. Zugespitzt: Wer macht eigentlich überhaupt noch mit bei der gemeinsamen Sache Deutschland? Der Villenbesitzer in Frohnau, der mit seinen Beratern ausbrütet, wie er auf Null-Euro-Steuer kommen könnte? Die kosmopolitischen Menschen der Trendbezirke? Die Reinickendorfer, die die Ruhe am Schäfersee schätzen?
Die Suche nach dem Gemeinsamen verbindet
Am Tag der Deutschen Einheit werden in den meisten politischen Reden Erinnerungen aufgewärmt. Wie im Film „Die Feuerzangenbowle“. Wieder heißt es: „Wisst ihr noch die Mutigen, die damals in Leipzig demonstriert haben?“ Die junge Generation schaut dafür nicht vom Handy hoch. Deshalb muss dieser Tag an die nächste Generation übergeben werden, damit diese diesen Tag mit neuem Sinn erfüllt.
Denn: Ja, die Ostdeutschen sind anders als die Westdeutschen, wie die tägliche Grafik zeigt, die der entgegen aller Vernunft in Greifswald gegründeten Verlag Katapult auf Instagram veröffentlicht. Ja, der Blick auf die alten Geschichten der Rentenbezieher unterscheiden sich vom Blick in die Zukunft der Renteneinzahler. Wer in einer Familie aufwächst, die wegen des libanesischen Bürgerkriegs (1975 bis 1990) nach Berlin geflohen ist, hält andere Aussagen über Israel für normal, als jemand, der im Lexikon nachschlagen muss, was UNIFIL ist, wer die Wächter der Zedern sind, wer die Amal-Bewegung und was PLO bedeutet und was SSNP. Wer noch nie Geld vom JobCenter erhalten hat, spricht anders als jemand, der als Leistungsbezieher einen VHS-Kurs zum Umgang mit dem Amt sucht. Wer sein Leben in Haupt- und zahlreiche Kurzurlaube einteilt, stößt auf Unverständnis bei Selbständigen. Ja, Deutschland ist zersplittert.
Begegnungen sind wichtig
Und die Gefahr ist groß, dass die Leute sich zurückziehen. Die Ostdeutschen nach Großräschen. Die Araber in den Arabischkurs. Die Reichen im Grunewald in ihr Chateau, von dem aus sie böse aus dem Fenster schauen, wenn das ironisch inszenierte Quartiersmanagement Grunewald zur Spaßdemo vorbeizieht. Die Eltern in den Stadtteil, wo noch eine „letzte gute Schule“ existiert. Und am Ende macht jeder sein Ding. Kirche, Gewerkschaft, Kneipe, Sportverein – die Orte, an denen Menschen zufällig aufeinander treffen, werden rar. Nur im Wedding nicht, da kommt man noch ins Gespräch mit Leuten, die (manchmal ganz) anders sind als man selbst. Da gibt es noch die Chance, dass man neben den unübersehbaren Differenzen aktiv die Gemeinsamkeiten sucht. Weil man muss. Weil man sich begegnet. Auf dem Kiezfest. Im Imbiss. Im Hausaufgang.
Wenn nun die junge Generation übernimmt und damit früher oder später auch dem 3. Oktober einen neuen Sinn gibt, dann ist es meine Hoffnung, dass sie dabei in Betracht zieht, diesen Tag zum Tag des Suchens zu machen. Und nicht zum Tag der Einzelgruppen.

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