Vor 50 Jahren wurde in der US-amerikanischen Stadt St. Louis ein komplettes Wohnviertel gesprengt. Es war das im wahrsten Sinne des Wortes krachende Scheitern einer Utopie. Was das mit dem Brunnenviertel zu tun hat, erzählt dieser Text.

Das Spektakel wurde sogar im Fernsehen übertragen: Auf einem 23 Hektar großen Areal explodierten fast gleichzeitig 33 elfstöckige Wohnhäuser und sanken nacheinander in Trümmer (Foto oben). Knapp 3000 Wohnungen für etwa 10.000 Menschen waren mit einem Schlag zerstört. Mitten im Frieden.
Nun sind Sprengungen von Gebäuden an sich nicht ungewöhnlich. Aber das Ereignis in St. Louis im US-amerikanischen Bundesstaat Missouri ist insofern etwas Besonderes, weil das Quartier erst siebzehn Jahre zuvor – begleitet von großen Hoffnungen und Erwartungen – fertiggestellt worden war. Was war passiert? Gab es technische Mängel, weshalb die Neubauten (und als solche darf man sie ja durchaus noch bezeichnen) in die Luft gejagt wurden? Oder waren sie illegal errichtet worden und mussten daher wieder beseitigt werden?
Plötzlicher Geldsegen für St. Louis
Rückblende: 1947 plante die Stadtverwaltung von St. Louis, ein heruntergekommenes Viertel komplett abzureißen, um dort ein „zukunftsweisendes Projekt der Stadterneuerung und Armutsbekämpfung“ zu realisieren. Ein Volksentscheid lehnte die aufwendige Flächensanierung jedoch ab, weil dafür die finanziellen Mittel fehlten. Das änderte sich, nachdem die US-Regierung im Jahr 1949 den National Housing Act beschlossen hatte, ein Gesetz, das unter anderem vorsah, den sozialen Wohnungsbau großzügig zu fördern.
Auch St. Louis profitierte von dem plötzlichen Geldsegen. Die Stadtverwaltung konnte nun endlich ihren drei Jahre zuvor gefassten Plan umsetzen und so wurde der Architekt Minoru Yamasaki beauftragt, ein modernes Wohnviertel zu planen. Nebenbei bemerkt: Derselbe Yamasaki war es auch, der im Jahrzehnt darauf die berühmten Zwillingstürme des World Trade Centers entwarf, das von 1973 bis 2001 die Skyline von New York prägte.
Nachdem das alte Quartier abgetragen worden war, entstand auf der freigewordenen Fläche die Großstadtsiedlung Pruitt-Igoe – benannt nach einem schwarzen Luftwaffenpiloten und einem weißen Abgeordneten. 1955 wurde der Neubaukomplex feierlich eingeweiht (Foto unten).

Zunächst schien alles in bester Ordnung mit der wahr gewordenen Utopie: Bilder von glücklichen Menschen in hellen, modernen Wohnungen in einem sauberen, aufgeräumten Umfeld. Das unansehnliche alte Viertel war nun aus der Stadt getilgt und mit ihm würden bald auch sämtliche sozialen Probleme und Verwerfungen verschwunden sein – so die Vorstellung der Planer.
Schon bald zeigten sich Risse in der scheinbaren Idylle. An notwendige Infrastruktur wie Spielplätze, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und Verkehrswege war kaum gedacht worden. Hinzu kam, dass die Siedlung noch in den Zeiten der Rassentrennung geplant worden war, nach der Schwarze und Weiße jeweils in eigenen Wohnblöcken wohnen sollten. Die Aufhebung dieser Bestimmung im Jahr 1956 hatte jedoch zur Folge, dass viele weiße Einwohner binnen kurzem aus Pruitt-Igoe wegzogen.
Versuche, das Quartier zu retten
Vor allem aber der damals in der gesamten westlichen Welt sich verstärkende Trend zur Abwanderung in die Vorstädte führte in den folgenden Jahren zu einem massiven Bevölkerungsrückgang. Viele Wohnungen in den Innenstädten standen deshalb leer, beinah zwangsläufig folgten Verwahrlosung und Vermüllung, Vandalismus und Kriminalität. All diese Faktoren trafen in besonderem Maße auf Pruitt-Igoe zu. Bereits Mitte der Sechzigerjahre waren diese Missstände dort so weit fortgeschritten, dass die Stadt mit der Instandhaltung der Gebäude heillos überfordert war. Nach mehreren erfolglosen Versuchen zur Rettung des Quartiers zog die Stadtverwaltung die Notbremse und beschloss den Abriss. Ab dem Frühjahr 1972 erfolgte die Sprengung.
Vergleiche mit dem heutigen Brunnenviertel, um das es in diesem Heft ja eigentlich geht, scheinen auf den ersten Blick gewagt, vor allem, weil es erfreulicherweise noch existiert. Dennoch gibt es nicht wenige Gemeinsamkeiten.
Viele Ideen für die Flächensanierung
Zunächst einmal waren es die städtebaulichen Ideen und Intentionen, die der Flächensanierung vorangingen. Ähnlich wie in St. Louis sprach man auch in Westberlin von der „Gesundung des Wohnungselends“ und dass der südliche Wedding „das Odium der Zweitklassigkeit verlieren“ müsse. Moderne Sozialwohnungen in „Licht, Luft und Luxus“ sollten die Lösung sein. Ebenso wie in den USA wurden die betroffenen Bürger weder gefragt noch an den Planungen beteiligt. Hier wie dort flossen die Bundesmittel reichlich und am Ende standen auch im „Sanierungsgebiet Wedding-Brunnenstraße“ neue Wohnhäuser ohne verbindende Infrastruktur.
Und wie in St. Louis kam es ebenfalls zu nicht vorhersehbaren Entwicklungen. So schlossen beispielsweise die AEG und Essig-Kühne ihre großen Betriebsstätten an der Brunnen- beziehungsweise Voltastraße. Der Wegzug von Fachkräften und zunehmende Arbeitslosigkeit waren die Folge, was sich nachteilig auf das Milieu und die Lebenslage der Bevölkerung auswirkte. Beides – mangelnde Infrastruktur und eine überdurchschnittlich hohe Quote von Sozialhilfeempfängern – prägen das Brunnenviertel bis heute.
Utopie ohne Rücksicht auf bestehende Strukturen
Inzwischen gilt als unstrittig, dass die Idee der Flächensanierung, nämlich ein ganzes Wohngebiet ohne Rücksicht auf gewachsene historische, bauliche und soziale Strukturen zugunsten einer Neubebauung zu beseitigen, ein nicht zuletzt teurer Fehler war, ob in Pruitt-Igoe, an der nördlichen Brunnenstraße oder wo auch immer. Als Irrtum erwies sich auch der Glaube, dass sich dadurch gesellschaftliche Missstände aus der Welt schaffen ließen. Die Utopie ist gescheitert, hier und dort.
Man kann sagen, dass der Fall Pruitt-Igoe einen entscheidenden Impuls zur Abkehr von der Flächensanierung gab, zumindest in der westlichen Welt. Zwar sind seitdem noch einzelne monströse Bauten in Innenstädten realisiert worden, jedoch wurden allzu radikale Abrisspläne überarbeitet, wenn nicht sogar gestoppt. So blieben unter anderem im „Sanierungsgebiet Wedding-Brunnenstraße“ Gründerzeitbauten, die schon für den Abriss vorgesehen waren, für eine Rekonstruktion erhalten – was sich am Ende sogar als kostengünstiger erwies. Zudem wurden bei Neubauten stärker lokale Strukturen und historische Eigenheiten berücksichtigt, wobei auch Wünsche der Bewohner Eingang in die Planung fanden. Die heute oft zitierte „behutsame Stadterneuerung“ nahm ihren Anfang. Insofern war der Nachhall der Detonationen in St. Louis auch im Wedding gehört worden.
Text: Alexander Dowe

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