Fassaden, Plastiken und das versunkene Vineta

Im dritten Teil seiner Serie „Kunstspaziergang im Brunnenviertel“ nimmt uns Alexander Dowe mit auf einen Streifzug durch die jüngere Bau- und Kunstgeschichte rund um den Vinetaplatz.

Wo die Wolgaster Straße als Sackgasse auf den Vinetaplatz trifft, wurde Mitte der Fünfzigerjahre auf einem Ruinengrundstück ein schlichter rauverputzter Wohnblock errichtet. An seiner Ostwand erblicken wir eine metallene Silhouette der vorpommerschen Hafenstadt Stralsund. Der Wandschmuck ist wohl in erster Linie der namengebenden Straße zu verdanken. Angesichts seiner Entstehungszeit mitten im Kalten Krieg ist er aber auch als Erinnerung und Mahnung zur Wiederherstellung der Einheit Deutschlands zu verstehen, denn Stralsund lag damals – für Westberliner offiziell unerreichbar – in der DDR.

Kunst am Bau an der Ecke Wolgaster Straße/Vinetaplatz: Die alte Hansestadt Stralsund mit ihren mächtigen Kirchen (v.l.n.r.) St. Jacobi, St. Marien und St. Nicolai sowie dem Rathaus. Foto: Alexander Dowe
Kunst am Bau an der Ecke Wolgaster Straße/Vinetaplatz: Die alte Hansestadt Stralsund mit ihren mächtigen Kirchen (v.l.n.r.) St. Jacobi, St. Marien und St. Nicolai sowie dem Rathaus. Foto: Alexander Dowe

Achtgeschosser an der Ruppiner Straße

Gehen wir von hier aus in östliche Richtung, sehen wir weitere in den Fünzigern entstandene vierstöckige Häuser; eine optische Ausnahme bildet der 1958 fertiggestellte Achtgeschosser an der Ruppiner Straße. Dass hier, unmittelbar an der ehemaligen Sektorengrenze, in den Nachkriegsjahren relativ zügig wiederaufgebaut wurde, ist sicher kein Zufall, denn die Gegend grenzte direkt an Ostberlin und hatte damit – wie auch die westlich gelegene Ernst-Reuter-Siedlung – eine durchaus beabsichtigte Schaufensterfunktion. Diese Wirkung sollte noch verstärkt werden durch zwei an der Bernauer Straße errichtete Einkaufspavillons, die mit einem üppigem Angebot glänzten. (Heute haben sich dort ein Möbelhaus beziehungsweise ein Restaurant eingerichtet.)

„Klettern verboten“ mahnt hier ein Schild. In der Tat ist die Vineta-Skulptur leicht mit einem Spielgerüst zu verwechseln. Foto: Alexander Dowe
„Klettern verboten“ mahnt hier ein Schild. In der Tat ist die Vineta-Skulptur leicht mit einem Spielgerüst zu verwechseln. Foto: Alexander Dowe

Ein paar Schritte weiter überqueren wir die hier zu einem Platz erweiterte und zum Glück autobefreite Swinemünder Straße. Kaum zu glauben, dass hier einmal Straßenbahnen, Busse und PKW rege verkehrten. Rechterhand erhebt sich nun ein großer geziegelter Häuserblock mit vier Etagen. Bemerkenswert ist dieser von 1980 bis 1982 gebaute Gebäudekomplex (Entwurf: Paul Kleihues) vor allem dadurch, dass er den historischen Blockgrundriss der ursprünglichen Bebauung wieder aufnahm und damit eine Abkehr von der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren vorherrschenden „aufgelockerten“ Bauweise vollzog.

Die gründerzeitliche Verdichtung durch Hinterhäuser unterblieb allerdings, stattdessen wurde ein großer heller Hof mit Grünanlagen und Spielplätzen geschaffen. Eine rot verklinkerte Fassade hebt sich wohltuend von den bis dahin meist grauen oder weißen Putz- und Betonflächen der Nachkriegsbauten im Brunnenviertel ab. Sie stellt zudem einen Bezug her zur hanseatischen Bautradition der Ostseestädte Stralsund, Swinemünde und Wollin, nach denen die umliegenden Straßen benannt wurden.

Kunstspaziergang zur versunkenen Stadt

Noch innovativer zeigt sich der gegenüberstehende „Wohnring Vineta-Platz“, der 1984 nach Plänen des renommierten Architektenbüros Heinrichs & Partner gebaut wurde. Die Zurücknahme des Erdgeschosses und des vierten Stockwerks lassen das Gebäude durch das umlaufende Ziegelmauerband wesentlich niedriger erscheinen.

Der Innenhof ist von mehreren Wegen durchzogen, die in einen zentralen Spiel- und Aufenthaltsbereich münden. Inmitten der Anlage steht eine gleichfalls aus Ziegeln errichtete Plastik: „VINETA – versunkene Stadt“, geschaffen 1981/82 von dem Bildhauer Frank Oehring. Die Konstruktion eines zerstörten Leuchtturmes (?) soll an die Stadt Vineta erinnern, die einer Sage nach wegen ihrer hochmütigen und verschwenderischen Bewohner von der Ostsee überflutet und verwüstet wurde. Angeblich erklingen noch heute die Kirchenglocken des Unglücksortes aus den Tiefen des Meeres…

Nachdem wir die Wohnanlage verlassen haben, gehen wir an den schön bepflanzten Rabatten der Swinemünder entlang zurück in Richtung Ruppiner Straße. Dort erhebt sich rechts die 1888–1891 erbaute Friedenskirche (heute Kirche Hl. Sava), die – neben der Vineta-Grundschule – als einziger Altbau im südöstlichen Teil des Brunnenviertels dem Flächenabriss trotzen konnte. Weshalb sie quasi zur Strafe von Neubauten eingerahmt wurde.

Stadterneuerung im Brunnenviertel

In Höhe der Stralsunder Straße 7 biegen wir dann links in den Park ein, und erreichen nun fast wieder unseren Ausgangspunkt Wolgaster Straße. Doch zuvor passieren wir eine verwilderte und leicht erhöhte Grünfläche, an der allenfalls auffällt, dass sie von zahlreichen Kugelleuchten umstellt ist. Auf diesem scheinbar bedeutungslosen Areal befand sich einst der degewo-Pavillon, ein zeittypisch gestaltetes, zukunftsverheißendes Gebäude aus den späten Sechzigern.

Hier wurden damals die Bewohner des „Sanierungsgebietes Wedding-Brunnenstraße“ über die geplante „Stadterneuerung“ informiert. Gleichzeitig versuchte man, die Betroffenen zum Umzug in ein anderes Viertel (meist das Märkische) zu bewegen, damit die Abrissbirne walten konnte. Die letzte Veranstaltung fand hier wohl 2013 statt, als man von offizieller Seite das 50-jährige Jubiläum des Stadterneuerungsprogramms feierte – unmittelbar darauf wurde das Gebäude abgetragen. Schade, es wäre ein einzigartiger Ort gewesen, um in Form einer kleinen Ausstellung die Geschichte des heutigen Brunnenviertels zu erzählen, und im Besonderen die des Vinetaplatzes.

Text und Fotos: Alexander Dowe, Zeichnung: Susanne Haun, www.susannehaun.com

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Im Brunnenmagazin sind weitere Kunstspaziergänge von Alexander Dowe erschienen.

Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Der Kiez hinter dem Blätterdach“ enthalten, das im Mai 2021 erschienen ist. Weitere Beiträge aus dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Kiezmagazin: Der Kiez hinter dem Blätterdach“ gesammelt und verlinkt.

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Kommentare

  1. Avatar von Frank Kutschera
    Frank Kutschera

    Die Außenanlagen der Anlage Vineta Platz wurden vom Büro der Landschaftsarchitekten Elisabeth und Prof. Joachim Kutschera erstellt. Die Erwähnung der Zuwege und des Spielplatzes der Brunnen etc erfordert dann auch die Zuweisung zum Landschaftsarchitekten

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Vielen Dank für die Ergänzung!

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