Fatma Kan, die Lieblingslehrerin aus dem Soldiner Kiez

Fatma Kan unterrichtet Deutsch und Englisch an der Quinoa-Schule im Soldiner Kiez. Für ihre Schülerinnen und Schüler ist sie eine besondere Lehrerin – und inzwischen auch Trägerin des Deutschen Lehrkräftepreises.

Fatma Kan im Klassenraum in der Quinoa-Schule. Foto: Hensel
Fatma Kan im Klassenraum in der Quinoa-Schule. Foto: Hensel

Die Deutschstunde bei Fatma Kan beginnt mit einem Gong. Während sich der warme Klang langsam im Klassenraum der 9a ausbreitet, gehen die Jugendlichen zu ihren Plätzen. Als die Lehrerin den Gong zum zweiten Mal schlägt, sitzen alle still auf ihrem Stuhl. Sie sind bereit für die erste Stunde des Tages in der Quinoa-Schule im Soldiner Kiez. Deutsch haben die Schülerinnen und Schüler bei Fatma Kan. Für viele von ihnen ist sie die Lieblingslehrerin der Schule. Dass sie diesen Titel verdient hat, finden offenbar nicht nur sie: Die Jugendlichen nominierten Fatma Kan für den Deutschen Lehrkräftepreis, den sie im Frühjahr erhielt.

Ein Blick in den Unterricht zeigt, wie die ausgezeichnete Lehrerin ihre Arbeit versteht. Sie ist energisch und behält jeden Schüler, jede Schülerin im Blick. Kurz mal aussteigen, die Gedanken woanders hin spazieren lassen – das geht nicht bei Fatma Kan. Ihr Unterricht ist sehr dicht und bietet kaum Leerlauf. Und immer wieder hat sie die einzelnen Jugendlichen im Blick, hält sie beim Thema und bei der Aufgabe. Sie stellt Fragen, lässt die Schüler sich selbst und ihre Leistung auch zwischendurch bewerten, hakt nach, gibt Feedback und lässt den Faden niemals abreißen.

Rechtschreibtest gegen die Uhr

Der Unterricht wirkt modern und strukturiert und nutzt viele kleine Hilfsmittel: den Gong zum Beispiel oder die große Uhr an der digitalen Tafel. Die wird zum Beispiel für den Rechtschreibtest benötigt, der heute dran ist – zur Vorbereitung der anstehenden Prüfung für die Berufsbildungsreife.

„Wie lange braucht ihr für den Test?“, fragt die Lehrerin den Deutsch-Grundkurs, in dem elf Schüler:innen sitzen. Es beginnt eine Art lockeres Ratespiel, bei dem jede und jeder seine Prognose abgibt. Dauert es 30 Minuten, um die neun Ausfüllaufgaben zu lösen, 20 Minuten, acht Minuten? Fatma Kan stellt die digitale Uhr auf zwölf Minuten.

Fatma Kan geht durch die Reihen, bleibt bei einem Mädchen stehen, das an einer Aufgabe hängen geblieben ist. „Ich weiß, es gibt schönere Dinge im Leben. Aber ich weiß, das schaffst du“, sagt sie zu ihr und lächelt. Die Schülerin atmet hörbar aus und wendet sich wieder der Rechtschreibung zu.

Aufmerksamkeit bitte nach dort: Fatma Kan zeigt ihren Schülerinnen und Schülern, wo die hinschauen sollen. Foto: Hensel
Aufmerksamkeit bitte nach dort: Fatma Kan zeigt ihren Schülerinnen und Schülern, wo die hinschauen sollen. Foto: Hensel

Die Lehrerin lächelt oft und nutzt jede Gelegenheit für Rückfragen und Feedback. Dabei strahlt sie viel Zuversicht aus und setzt stark darauf, ihre Schüler:innen zu motivieren. Die Jugendlichen reagieren aufmerksam auf ihre Anweisungen und suchen immer wieder das Gespräch mit ihr. Sie leitet sie entschlossen, aber mit viel Respekt und Freundlichkeit durch die Stunde und auch durch eher unbeliebte Dinge wie den Rechtschreibtest.

Vorbild für viele Jugendliche

Die Beliebtheit der Lehrerin hat auch mit ihrer Persönlichkeit und den Rahmenbedingungen der Schule zu tun. Die Quinoa-Schule richtet sich sehr stark an Lernende mit Migrationshintergrund, deren Familien oft über geringe finanzielle Mittel verfügen. Mehrere Schülerinnen und Schüler beschreiben die Deutsch-Türkin als Vorbild. Für Rumseysa spielt dabei auch eine Rolle, dass ihre Lehrerin Kopftuch trägt und bundesweit ausgezeichnet wurde. Für die Schülerin ist die Auszeichnung ihrer Lehrerin ein Zeichen dafür, dass sich Anstrengung auszahlen kann.

Eine Schule für Chancen

Fatma Kan arbeitet seit drei Jahren an der Quinoa-Schule und unterrichtet Deutsch und Englisch. In ihrem Unterricht fällt auf, wie konsequent sie darauf achtet, alle Schülerinnen und Schüler einzubeziehen. Damit verkörpert sie das Konzept der Integrierten Sekundarschule in freier Trägerschaft. Die Schulleitung ist stolz darauf, dass bisher jede Schülerin und jeder Schüler einen Abschluss geschafft hat. Das ist nicht selbstverständlich.

„Etwa zehn Prozent der Familien können sich das Schulgeld leisten“, sagt Quinoa-Geschäftsführerin Hendrikje Lorenz. Für den größten Teil der Schülerschaft wird das Schulgeld durch Spenden finanziert. Das ist jedoch nur der finanzielle Aspekt. Den inhaltlichen Kern der Idee, dass jeder eine Chance haben soll, setzen Fatma Kan und das 31-köpfige pädagogische Team im Schulalltag um.

Die Quinoa-Schule setzt auf eine starke Berufs- und Praxisorientierung und auf eine besonders intensive Beziehungsarbeit. Genau diese Haltung brachte Fatma Kan den Deutschen Lehrkräftepreis ein, denn genau das schätzen die Schülerinnen und Schüler an ihr. „Frau Kan ist eine Lehrerin, die darauf achtet, dass es einem gut geht“, sagt Elif. Mitschüler Mahmoud ergänzt: „Frau Kan ist sehr empathisch. Sie unterstützt einen, verlangt aber auch etwas – und ist dabei eher wie eine Freundin.“

Für Rumseysa, die ebenfalls Kopftuch trägt, ist ihre Klassenlehrerin ein Vorbild: „Es gibt nicht so viele Leute mit Kopftuch, die so erfolgreich sind. Das ist schon sehr besonders. Das ermutigt mich, es auch zu schaffen.“ Alle Schülerinnen und Schüler beschreiben Fatma Kan als unterstützend, ruhig und freundlich.

Die Quinoa-Schule in der Kühnemannstraße. Foto: Hensel
Die Quinoa-Schule in der Kühnemannstraße. Foto: Hensel

Was die Klasse über Fatma Kan sagt

Felicitas: „Im Unterricht ist sie eine Autoritätsperson und sie hat immer gute Laune. Der Beruf ist ihre Leidenschaft, das spürt man.“

Mahmoud: „Frau Kan gibt sich richtig viel Mühe, damit wir es alle verstehen und sie sieht immer das Gute in uns. Wir haben viel Glück, dass wir Frau Kan haben.“

Rumseysa: „Wenn sie vor der Klasse steht, dann sieht sie das Potenzial in uns. Sie hat einfach eine Art, die besonders ist.“

Salma: „Ich find, Frau Kan ist eine Lehrerin, die nicht nur in der Schule hilft, sondern auch außerhalb.“

Regeln, Respekt und ein halber Smiley

Unterricht bei der Lieblingslehrerin, das bedeutet auch, dass sich jede und jeder an die Regeln hält. Das fordert Fatma Kan während der Stunde immer wieder aktiv ein. Oft zeigt sie stumm auf ein Blatt an der Tafel, auf dem steht: „Melden – Drankommen – Sprechen“. Zwischenrufe verstummen sofort, wenn sie das macht. Wird es ihr in der Stunde zu laut, schlägt sie den großen, dumpfen Gong und holt so sicher die Aufmerksamkeit der Klasse zurück.

Der Rechtschreibtest ist beendet. Die Challenge mit den zwölf Minuten haben fast alle geschafft. Beim Durchgehen der Ergebnisse sind noch ein paar kleinere Wissenslücken aufgefallen – ein Arbeitsauftrag für die nächste Deutschstunde. „Wir wollten den Test schnell und konzentriert bearbeiten. Wie zufrieden seid ihr?“, fragt Fatma Kan am Ende der Stunde und bittet um eine Bewertung via Daumenfeedback. Die Schülerinnen und Schüler zeigen ihre Daumen in alle Richtungen.

Auch Fatma Kan bewertet die Deutschstunde ganz am Schluss. Sie vergibt an der vorbereiteten Liste an der Wand einen halben Smiley. Er sagt: Gut, aber das können wir noch besser – in der nächsten Stunde!

Hier geht es zur Webseite der Quinoa-Schule.

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