Im Brunnenviertel finden Frauen mit Migrationserfahrung seit zwei Jahren in einem besonderen Projekt einen Ort, an dem ihre Geschichten zählen – und neue Wege sichtbar werden. Joanna Fatorelli ist Projektkoordinatorin des Programms „Frauenpower in Mitte“ bei Janainas e.V. Sie berichtet von Inhalten, Erfahrungen und Perspektiven mit dem Projekt für Migrantinnen im Brunnenviertel und in Berlin.

Janainas e.V. ist ein Verein von Migrantinnen, der seit 2022 im Berliner Brunnenviertel aktiv ist. Als Partner im Projekt „Frauenpower in Mitte“ bietet der Verein das Format „(Re)descobrir Caminhos“ an, das auf Deutsch übersetzt „Wege (wieder)entdecken“ heißt. Das Format umfasst eine Workshopreihe für Frauen mit Migrationserfahrung und schafft sowohl berufliche Orientierung als auch Räume für Selbstreflexion, Sprache und Begegnung.
Seit dem Projektstart nahmen etwa 180 Frauen teil, die vor allem aus üdamerika und dem portugiesischsprachigen Raum nach Berlin gekommen sind. Die Veranstaltungen finden regelmäßig auf Portugiesisch und Deutsch statt. Die Teilnahme ist kostenlos und erfolgt nach einer Anmeldung. Die Termine werden über Instagram, die Webseite und lokale Netzwerke bekannt gemacht.
Schreiben als Kraftquelle: Escrevivência
Den Auftakt des Zyklus bildete eine Workshopreihe zur Escrevivência – einem Konzept der brasilianischen Schriftstellerin Conceição Evaristo, das „Schreiben“ (escrever) und „Erleben“ (vivência) miteinander verbindet. Ziel ist eine Schreibpraxis, die persönliche Erfahrungen, insbesondere von rassifizierten Frauen, als Quelle kollektiven Wissens sichtbar macht. Die Workshops wurden von Uriara Ana Maciel, Regisseurin und Ausbilderin im Bereich Theater der Unterdrückten, geleitet. Unter ihrer Moderation entstanden Räume für biografische Reflexion, in denen die Teilnehmerinnen ihre Migrationsgeschichten als wertvolle Ressourcen erleben und transformieren konnten. Erfahrungen wie unsichtbare Care-Arbeit, prekäre Beschäftigungen oder familiäre Brüche wurden nicht nur geteilt, sondern auch in Form von Text, Stimme und Körperperformance verarbeitet.

Erweiterte Perspektiven
Im weiteren Verlauf der Reihe wurden unterschiedliche methodische Impulse integriert. Die Theatervermittlerin Adriana Santos arbeitete mit der Gruppe zu Präsenz, Improvisation und Ausdruck im Raum – Werkzeuge, die in beruflichen wie persönlichen Kontexten Selbstwirksamkeit stärken. Cristina Kirschreis brachte Übungen aus dem Bereich Achtsamkeit ein, ergänzt durch strukturierte Reflexionen zur Lebensplanung und emotionalen Selbstfürsorge. Parallel dazu fanden praktische Einheiten zur beruflichen (Re-)Integration statt: Lebensläufe wurden überarbeitet, Bewerbungsanschreiben formuliert, Anerkennungsverfahren erklärt und Vorstellungsgespräche simuliert – immer mit Fokus auf Selbstbewusstsein, Körpersprache und sprachliche Ausdruckskraft in mehreren Sprachen.
Vernetzung und Austausch: ConectAção-Workshop
Der Zyklus mündete in der Veranstaltung mit dem Titel „ConectAção“, einem offenen Treffen mit über fünfzig Teilnehmerinnen und geladenen Fachfrauen. In moderierten Gesprächsrunden ging es um Themen wie Zugehörigkeit, finanzielle Unabhängigkeit, Mutterschaft in der Migration und die Wiederherstellung von Netzwerken in verletzlichen Lebenslagen. Der Raum diente nicht nur dem Austausch, sondern auch der Sichtbarmachung: Jede Geschichte, jede Stimme wurde als Teil eines größeren Zusammenhangs anerkannt.

Zukunftsperspektiven: „(Re)descobrir Caminhos“ 2026
„(Re)descobrir Caminhos“ wird 2026 fortgeführt. Das Projekt versteht sich als Brücke zwischen Erlebtem und Zukünftigem, zwischen biografischer Introspektion und praktischer Orientierung. Es zeigt, wie Empowerment jenseits von Formaten stattfindet: durch Sprache, Zuhören, Körperlichkeit, Fürsorge – und das Vertrauen darauf, dass aus jedem Bruch auch eine neue Möglichkeit wachsen kann.
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Mehr über den Janainas e.V. steht auf der Webseite www.janainas.org. Weitere Beiträge über das interkulturelle Leben im Wedding und in Gesundbrunnen stehen auf der Seite Interkulturelles Leben im Wedding.
Text: Joanna Fatorelli, Fotos: Janainas e.V.

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