Frühlingsgewissheit – kein Winter währt ewig

Nicht nur die Menschen im Brunnenviertel beklagen sich gerne über die Jahreszeiten und das damit einhergehende Wetter. Mal ist es zu kalt, mal zu heiß. Mal ist es zu trocken, mal regnet es zu viel. Den anstehenden Frühling hat unser Kolumnistin Stephanie Esser zum Anlass genommen, einen achtsamen Blick auf die Gewissheiten unseres Lebens zu werfen.

Frühblüher im Humboldthain. Foto: Hensel
Frühblüher im Humboldthain. Foto: Hensel

Winterliche Gewissheit

Während ich mit diesem Text beginne, ist der Winter noch in vollem Gange. Auf den Straßen und Bürgersteigen des Brunnenviertels sind Eis und Schnee zwar längst geschmolzen, doch die Luft ist kalt, die Bäume und Sträucher im Nordbahnhofpark sind kahl und die Zugvögel bleiben lieber noch ein Weilchen im warmen Süden. Wenn Sie diese Text allerdings lesen, hat der Frühling schon begonnen. Vielleicht ist er noch nicht vollständig sichtbar, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Luft mild, die Natur grün und unsere Vogelwelt wieder komplett ist.

„Der Frühling steht vor der Tür“ – daran gibt es keinen Zweifel, genauso wie wir nicht daran zweifeln, dass auf die Nacht irgendwann der nächste Tag folgt. Wie kann uns diese Art von Gewissheit nun beim achtsamen Blick auf unser persönliches Leben helfen?

Die Winter unserer Seele

Wir alle kennen Momente oder Phasen, in denen es uns nicht gut geht. Wenn in unserem Inneren unangenehmer Frost herrscht, wenn Hoffnung unter dicken Eiskrusten verborgen liegt und uns alles trist und kahl vorkommt. Oder wenn wir gefühlt durch eine Wüste gehen, in der wir einfach kein Wasser finden. Wenn wir mitten in solch einer Situation sind, fühlt es sich oft an, als würde es nie enden. Doch nichts bleibt für immer so, wie es jetzt ist. Das kann in guten Zeiten Angst machen, aber in harten Zeiten verleiht uns diese Tatsache Zuversicht.

Wir können uns fragen: Wie viele kleine und große Schwierigkeiten, wie viele ausgemachte Krisen habe ich schon durchlebt und gemeistert? Aus wie vielen dunklen Nächten ist ein neuer Tag geworden? Wie viele Winter in meinem Leben wurden von einem neuen Frühling abgelöst? Und was, das mir als großes Pech erschien, hat sich im Nachhinein als Reifezeit für neues Glück oder Zufriedenheit erwiesen?

Frühblüher im Brunnenviertel. Foto: Hensel
Frühblüher im Brunnenviertel – wer entdeckt sie zuerst? Foto: Hensel

Achtsamkeit im Hier und Jetzt

Egal wie unangenehm oder hoffnungslos sich etwas im Augenblick anfühlt – der Gedanke „Auch das geht vorbei“ ist reine Medizin. Anstatt uns in die jeweilige Emotion hineinzusteigern und in einen Klagemodus zu verfallen, beobachten und bezeugen wir aufmerksam und achtsam unsere Gefühle. Das kann zum Beispiel so aussehen: „Ich fühle mich gerade wütend, überfordert, traurig, hilflos. So ist es jetzt. In der Vergangenheit habe ich diese Emotion auch schon einmal gefühlt und irgendwann war sie vorbei.“ Allein das sorgt schon für Linderung. Noch besser wird es, wenn wir uns danach überlegen: Was kann ich konkret tun, um mit der Situation besser umzugehen, solange sie anhält?

Vier Schritte durch die Jahreszeiten des Lebens

Bei den Jahreszeiten liegt es auf der Hand: Jeden Winter stellen wir fest, dass uns kalt ist. Das kennen wir aus dem vergangenen Winter, der irgendwann dem Frühling gewichen ist. Aber bis es so weit war, haben wir nicht tatenlos gefroren, sondern dicke Kleidung getragen, uns heißen Tee gemacht und die Wohnung geheizt. Gleichzeitig hat es uns die Frühlingsgewissheit leichter gemacht, die Winterzeit durchzustehen.

Bei individuellen persönlichen Herausforderungen können wir die gleichen Schritte machen:

  1. Wir bezeugen, was wir gerade fühlen, denken, spüren.
  2. Wir akzeptieren, dass es in diesem Moment so ist.
  3. Wir wissen, dass es vorübergeht.
  4. Bis es so weit ist, suchen und finden wir Wege, die akute Situation für uns selbst und unser Umfeld zu erleichtern.

–> Punkt 3 und 4 sind fließend und stehen in einer Wechselwirkung miteinander.

Es dauert nicht mehr lang, bis die Forsythien blühen wie hier im vergangenen Jahr in einem Innenhof im Brunnenviertel. Foto: Hensel
Es dauert nicht mehr lang, bis die Forsythien blühen wie hier im vergangenen Jahr in einem Innenhof im Brunnenviertel. Foto: Hensel

Das Mantra für gute und schlechte Zeiten

Das Mantra „Auch das geht vorbei“ ist ein wirksames Mittel zur achtsamen Lebensgestaltung. In guten Zeiten soll es uns nicht den Spaß verderben, sondern uns vor Augen führen, was wir haben und wie dankbar wir dafür sein dürfen. Es lehrt uns, jeden guten Moment bewusst auszukosten, denn er währt nicht ewig. In schlechten Zeiten gibt es uns Kraft, Zuversicht und erhellt unseren Weg.

Frühlingsbotschaften im Alltag

Seit ich mit dem Schreiben dieses Textes begonnen hatte, sind ein paar Tage vergangen. Die Bäume sind immer noch kahl und von Zugvögeln ist weiterhin nichts zu sehen. Doch in diesem Augenblick scheint die Sonne warm auf meinen Schreibtisch. Endlich kann ich die Heizung herunter drehen und die Decke beiseitelegen, die ich mir im Winter um die Beine wickle. Das sind meine ganz persönlichen Vorboten des Frühlings. Er liegt schon in der Luft. Wusste ich’s doch!

Autor

  • Stephanie Esser

    Stephanie Esser ist Lach-Yoga-Trainerin und Buchautorin. Sie schreibt im Brunnenmagazin vor allem über Achtsamkeit.

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One response to “Frühlingsgewissheit – kein Winter währt ewig”

  1. Avatar von Ulrich Davids
    Ulrich Davids

    Liebe Stephanie,
    was für ein achtsamer Blick zum Frühling und auch für das Leben. DANKE

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