Galerie Wedding: Woanders bin ich du

In der Galerie Wedding hat gerade die Ausstellung „Woanders bin ich du“ von Adam Man eröffnet. Der Grund zur Kunst-Freude wird begleitet von Sorgen um die Zukunft, denn die kommunale Galerie befürchtet massive Kürzungen.

Ein Videoarbeit von Adam Man - Kopfhörer liegen bereit. Foto: Hensel
Eine Videoarbeit von Adam Man – Kopfhörer liegen bereit. Foto: Hensel

Zeit für Kunst, Zeit für Adam Man

Wer die Galerie Wedding im Erdgeschoss des Rathauses in der Müllerstraße betritt, sollte immer etwas Zeit mitgebracht haben. Kunst will Weile haben, um wirken zu können. Bei der neuen Ausstellung „Elsewhere I am you | Woanders bin ich du“ ist das ganz besonders so. Es sind nicht viele Arbeiten, die Adam Man (alias Sandra Man) in der Kommunalen Galerie zeigt. Man braucht gerade die Finger einer Hand, um sie zu zählen. Aber Zeit zum Anschauen, Verstehen und Eintauchen in die Gedankenlandschaften des Künstlers braucht es aber trotzdem. Und mehr als ein paar Minuten.

Es erscheint daher sehr passend, dass fast jedem Kunstwerk eine Sitzgelegenheit mitgegeben wurde. Vor einem Flachbildschirm steht zum Beispiel ein einzelner Stuhl, über die Lehne hängt ein Kopfhörer. Es sieht aus wie eine Einladung und die ist es auch. Wer Platz nimmt und die Kopfhörer aufsetzt, findet sich in einer Video-Klanginstallation wieder. Auf die Netzhaut flimmert ein Bootsfriedhof in Kopenhagen, in den Ohren klingen dazu Töne, die irgendwie schrill wirken; Text fließt wie ein Untertext über den Schirm.

Auch Texte gehören zur Ausstellung "Woanders bin ich du". Foto: Hensel
Auch Texte gehören zur Ausstellung „Woanders bin ich du“. Foto: Hensel

Bitte Platz zu nehmen!

Wer danach keine Pause benötigt, kann gleich auf den Sitzsäcken vor einer großen Leinwand Platz nehmen und die nächste Installation betrachten. Oder doch lieber Text? Dafür bietet sich ein Gedicht an, das an die Galeriewand geschrieben wurde. Es spielt mit dem Ausstellungstitel „Woanders bin ich du“. Gleich daneben steht eine gewöhnliche Parkbank mitten in der Galerie Wedding. Mehrere beschriebene Seiten liegen dort, ordentlich mit einer Büroklammer zusammengefügt und schön gerade auf die Sitzfläche gelegt. Eine Aufforderung braucht es hier nicht. Auf dem imaginären Schild steht: Nimm Platz und folge meinen Worten!

Auf der Bank liegen Texte. Wer sie lesen möchte, kann sich setzen. Foto: Hensel
Auf der Bank liegen Texte. Wer sie lesen möchte, kann sich setzen. Foto: Hensel

Wer Zeit mitbringt, kann in den Arbeiten etwas entdecken: Landschaften, technische Töne, Gedanken, die als Worte zum Betrachter kommen. Und genau so stellt sich der Künstler die Besucher vor, als mäandernde Wünschelroutengänger. „Nimm den Raum als eine Landschaft oder einen Ort wahr, an dem du Zeit verbringen und Zeit an sich erleben kannst. Tritt ein und entdecke alle Winkel und Ecken der Galerie. Vielleicht fühlst du dich von einer Stelle mehr angezogen als von einer anderen“, erzählt Adam Man Ausstellungskurator:in May Smoszna in einem Interview.

Woanders bin ich du: Wer möchte, kann Platz nehmen und sich das Video ansehen. Foto: Hensel
Wer möchte, kann Platz nehmen und sich das Video ansehen. Foto: Hensel

Schreib-Bank mit Blick auf Rathausvorplatz

Auch der Künstler selbst nimmt sich Zeit und sucht seinen (Sitz-)Platz im Umfeld der Galerie oder in der Galerie – mit Blick auf den Rathausvorplatz. Noch bis zum 28. März wird er dort jeden Tag zwischen 15 und 16 Uhr auf einer Bank sitzen und schreiben. „Wo alle sind“ heißt dieser performative Teil der Ausstellung. Adam Man hofft, dass die vorbeigehenden Menschen, der Wedding, so seinen Einfluss auf sein Schreiben nehmen werden.

Wer möchte, kann die Ausstellung „Elsewhere I am you | Woanders bin ich du“ noch bis zum 11. Mai immer Dienstag bis Sonntag zwischen 12 und 19 Uhr in der Galerie Wedding in der Müllerstraße 146/147 ansehen. Bei der Finissage am 11. Mai gibt es ab 17 Uhr eine Führung durch die Ausstellung und ab 18 Uhr ein Künstlergespräch. Wer neugierig ist, fragt dort nach dem Einfluss der Weddinger auf dem Rathausvorplatz auf das künstlerische Schreiben von Adam Man.

Ein Aufsteller vor der Galerie Wedding weist auf die neue Ausstellung "Woanders bin ich du" hin. Foto: Hensel
Ein Aufsteller vor der Galerie Wedding weist auf die neue Ausstellung „Woanders bin ich du“ hin. Foto: Hensel

Kürzungen bei Künstler-Honoraren

Eine neue Ausstellung ist ein Moment der Freude. Zeigt sie doch, dass künstlerische Ideen wieder einen Weg in die Welt und zum Publikum gefunden haben. Doch dieses Mal ist die Vernissage verbunden mit Sorgen. Fast zeitgleich zur Eröffnung von „Elsewhere I am you | Woanders bin ich du“ hat die Galerie Wedding eine Stellungnahme des Arbeitskreises Kommunale Galerien Berlin geteilt. Sie thematisiert geplante Kürzungen des Berliner Senats bei der Ausstellungsvergütung, also den Künstlerhonoraren. Demnach will der Senat den Fonds für Ausstellungsvergütungen für Bildende Künstler:innen (FABiK) im Zuge seiner Sparpolitik auf Null setzen. Das trifft die 37 kommunalen Galerien in Berlin hart und somit auch die Galerie Wedding. Im Haushaltsplan war der Fonds mit 650.000 Euro veranschlagt worden, nun soll er für 2025 ausgesetzt werden.

In der Stellungnahme schreibt der Arbeitskreis Kommunale Galerien Berlin: „Dieser Fonds, der 2016 eingerichtet wurde und fester Bestandteil der Programmarbeit der Galerien ist, dient der Honorierung professioneller Künstler:innen für ihre Bereitstellung künstlerischer Arbeiten in den Kommunalen Galerien in Berlin. Der Wegfall dieser Honorare wird – neben den unmittelbaren sozialen und ökonomischen Auswirkungen für die Berliner Künstler:innen – zu einer Reduzierung der Anzahl der Ausstellungen und der ausgestellten Künstler:innen in den Kommunalen Galerien führen, denn diese Haushaltsmittel können weder durch die bezirklichen Etats noch durch weiterhin bestehende und bereits festgelegte Fonds der Senatskulturverwaltung kompensiert werden.“

Der Arbeitskreis erklärt, dass mindestens 160 Ausstellungen pro Jahr und somit 1.400 bildende Künstlerinnen und Künstler betroffen sind. Mit dem Wegfall des Fonds für Ausstellungsvergütung werde diese Arbeit in ihrem Kern gefährdet. „Künstler:innen verlieren Arbeitsgrundlagen und ein stadtweites Publikum – rund 450.000 Besucher:innen im Jahr – muss auf kostenfreie Kulturangebote verzichten. Die kulturelle Vielfalt und das Image der Stadt werden Schaden erleiden!“ Die kontinuierlichen, kostenfreien, nicht-kommerziellen Angebote sind laut des Arbeitskreises durch die Kürzung akut in Gefahr. Angebote wie die Ausstellungen in der Galerie Wedding.

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Kommentare

  1. Avatar von Susanne Haun

    Ja, liebe Dominique, es ist bitter. Wir Künstler*innen arbeiten nicht nur unter Mindestlohn, sondern wir sollen nun für Ausstellungen gar kein Geld mehr erhalten.
    Danke, dass du hier darauf aufmerksam machst.
    Liebe Grüße von Susanne

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Soweit ich weiß, übernimmt der Bezirk die schon vereinbarten Honorare für dieses Jahr. Aber danach ist dann Schluss. Ich glaube, dass sich das ganze Ausmaß der Sparmaßnahmen erst noch zeigen wird. Neben der Kunst ist die Kultur, die Wissenschaft und auch der Sozialbereich stark betroffen. Also die ganzen Dinge, die man ja nicht unbedingt braucht. Ironie Ende.

      1. Avatar von Susanne Haun

        Ja, Dominique, es ist wirklich bitter. Auch, dass die Büchereien kaum mehr neue Bücher anschaffen können und die Forscherinnen und Forscher noch weniger Geld bekommen als schon „zu guten Zeiten“.

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