Neun Tage hat es gedauert, den Wedding an die Wände der Galerie Wedding zu zeichnen. Mit Kreide auf raumhohe Tafeln. Es sind Skizzen aus dem Herzen des Stadtteils, die die Künstlerin Raquel van Haver als eine Art vergängliches Mural in den Ausstellungsraum getragen hat. Die neue Ausstellung „Rundhalle“ hat am 13. September in der kommunalen Galerie im Rathaus Wedding in der Müllerstraße eröffnet.

Menschen auf E-Rollern, Autos, Schilder von Geschäften und über allem fährt eine riesige U-Bahn durchs Kreidebild. Wie ein riesiges Weddinger Wimmelbild ist die Arbeit von Raquel van Haver, skizzenhafte Figuren und Orte bevölkern sie. Wer genau hinschaut, der erkennt vielleicht eine Mitarbeiterin des Quartiersmanagments Pankstraße, jemanden vom Centre Français, findet die Wiesenburg, einen Spritzenbehälter am Fixpunkt auf dem Leopoldplatz, ein Gespräch am Café Leo oder eine Lebensmittelausgabe. Die Künstlerin hat während eines mehrwöchigen Aufenthalts im Wedding für das vergängliche Kunstwerk aus Kreide mit vielen Menschen gesprochen, die im Wedding aktiv sind. „Ich bin der Frage nachgegangen, was die Nachbarschaft zusammenhält“, erzählte Raquel van Haver bei der Vernissage. Das tägliche Leben im Stadtteil, das wollte sie mit ihrem Wandbild in die Galerie tragen.


Die großformatigen Arbeiten sind typisch für Raquel van Haver und auch soziale Themen kommen häufig in ihren Gemälden, Zeichnungen und Collagen vor. Sonst stellt sie Menschen in alltäglichen Szenen vor, die als soziale Unternehmer:innen tätig sind – zum Beispiel in den Niederlanden, in Kolumbien, Südafrika und Nigeria. Nun hat sie den Wedding rund um die Müllerstraße erkundet und ist dabei der Frage nachgegangen, wer das soziale Leben in der Nachbarschaft prägt.
Interviews und Begegnungen im Wedding
Unzählige Interviews hat sie geführt, sich Geschichten angehört und ist in die Nachbarschaft eingetaucht. So kommt es auch, dass sich die Künstlerin mit kolumbianischen Wurzeln, die heute ein den Niederlanden lebt, beeindruckend schnell in den Wedding eingefunden hat, die wesentlichen Akteure im Stadtteil in ihr Tafelbild aufnehmen konnte. „Für den Wedding möchte ich über die Archivierung sprechen und verstehen, warum der Wedding der Wedding ist und wie er gegen Kapitalismus, Globalisierung, Gentrifizierung und all diese Dinge ankämpft“, sagt Raquel van Haver über ihre Arbeit im Stadtteil. Von den vielen kleinen Begegnungen fliegen die Gedanken der Künstlerin zu einem größeren Zusammenhang, wenn sie ausführt: „Ich denke, dass wir Wege finden sollten, wie wir zu einer gemeinsamen Basis zurückkehren können, damit wir verstehen, dass wir zueinander gehören, miteinander sind, anstatt gleichzeitig nirgendwo und überall zu sein.“
Ganz allein war Raquel van Haver bei ihrer künstlerischen Sozialstudie nicht. Sie wurde bei ihrer Forschung unterstützt von Chie Marquart-Tabel aus dem Wedding. Der im Wedding lebende, queere Künstler:in hat die Gastkünstlerin unterstützt und selbst einen Ausstellungsteil zur „Rundhalle“ beigesteuert. In der Galerie hat Chie Marquart-Tabel einen Raum für gemeinschaftliche Aktivitäten gestaltet, inspiriert von Trainingsräumen für Kampfsportarten. An den Wänden sind Bilder von Akteuren der Weddinger Kampfsportszene zu sehen, auf Bildschirmen laufen Boxkämpfe. Mitmachen ist erlaubt und erwünscht: wer möchte, kann eine Kampfsport-Videospiel spielen oder sich die bereitliegenden Boxhandschuhe überziehen und, so ein Sparringspartner dabei ist, auf den Matten das Boxen ausprobieren.

Neues Team in der kommunalen Galerie
Die Galerie Wedding ist eine kommunale Galerie, die wird vom Bezirksamt Mitte betrieben. Im Frühjahr hat es in dem Raum für zeitgenössische Kunst eine personelle Veränderung gegeben. Malte Pieper und Maja „May“ Smoszna, beide waren zuvor bereits als Mitarbeiter:innen tätig, haben die Leitung übernommen. Wie beide am Rande der Ausstellungseröffnung sagten, will das neue Team den Wedding mehr in die Galerie bringen und die Weddinger:innen in die Galerie. Die Ausstellung „Rundhalle“ ist dabei eine gelungene Einladung an die Menschen im Stadtteil. Sie vereint einen künstlerischen Anspruch mit einem einfachen Zugang für Menschen, die sonst nicht in Galerien gehen. Wer auf dem Weg zu Erledigungen im Rathaus oder in der Müllerstraße an dem Kunstraum vorbeigeht, kann durch die Scheiben sozusagen in einen Spiegel schauen, der ein buntes und vielfältiges Bild des Wedding zurückwirft. Wer sich weiter vertiefen möchte in die Gedanken und Ideen der Künstlerin Raquel van Haver, der kann eintreten und sich in das Wimmelbild aus Kreide vertiefen.
Gut zu wissen
Die Ausstellung „Rundhalle“ ist noch bis zum 17. November in der Müllerstraße 146-147 zu sehen. Die kommunale Galerie ist von Dienstag bis Sonntag von 12 bis 19 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei. Für den 17. November ist zum Abschluss eine kuratorische Führung durch die Ausstellung geplant.



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