Niemandsland-Garten: Ein Geschenk des Himmel

Eine Kreidetafel lehnt im Rasen seitlich an der Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße. Sie hat am 4. September zur Feier des Sonntags in den angrenzenden Garten NiemandsLand eingeladen. Unser Autor Michael Becker war bei dieser besonderen Veranstaltung dabei und berichtet von Musik und Vorträgen.

Das Schild weist den Weg zu einer besonderen Sonntagsveranstaltung. Foto: Michael Becker

Schon von weitem springen vertraute Harmonien eines alten Songs von van Halen ins Ohr: „Jump“. Vor der Hinterlandsmauer des NiemandsLand-Garten spielen ein Keyboarder und ein Cellist. Eine Chorsängerin des Vokalensembles vom Gesundbrunnen überträgt den Ruf van Halens: Springt.

Der Programmzettel macht neugierig. Kirchenlieder und Rocktitel sind bunt gemischt. Rocklegenden wie „Stairway To Heaven“ (1971, Led Zeppelin) und „Knocking On Heavens Door“ (1973, Bob Dylan) sind aufgeführt. Die Texte sind ausgedruckt – zum Mitsingen. Sie drehen sich immer um ein Thema: den Himmel. Die Gemeinde der Versöhnungskapelle hat den Himmel in den Mittelpunkt ihrer musikalischen Andacht gestellt. Hannah Engels vom Vokalensemble Gesundbrunnen eröffnet die Themenreise einfühlsam mit „Knocking On Heavens Door“.

Rock und Kirchenlieder im Niemandsland. Foto: Michael Becker

Ute Zimmermann, seit 2016 und damit von Anfang an als Gärtnerin im NiemandsLand dabei, erläutert die Story des Western-Films „Pat Garrett and Billy the Kid“ von 1973. Der klingt mit diesem Song aus. Der Kampf um Gesetz und Recht hat Opfer gekostet. Der sterbende Filmprotagonist legt Sheriffstern und Pistole ab. Für die Himmelspforte braucht er sie nicht mehr.

Frank Rommel, ebenfalls seit 2016 Gärtner im NiemandsLand, stellte dem Song „Stairway To Heaven“ sein prägendes Kindheitserlebnis gegenüber. Seine Mutter betreute um 1960 als Krankenschwester in Thüringen Umsiedler des Weltkriegs nach 1945. Als sie ihn einmal zur Sterbebegleitung einer Aussiedlerin mitnahm, verwunderte ihn das Lächeln auf deren Gesicht. Seine Mutter erklärte: es bilde ihren Glauben ab. Für sie ginge der Himmel auf.

Auch die drei Musiker:innen berichteten zu ihren Himmelserfahrungen. Keyboarder Michael Kanert erinnerte an Luthers Praxis, dem Volk aufs Maul zu sehen. Der habe zum Beispiel auch beliebte weltliche Melodien genutzt, um religiöse Inhalte wie „Vom Himmel hoch da komm ich her“ zu unterlegen. Cellist Robert Weber berichtete von seinem Gefühl der Geborgenheit, die das Himmelszelt, von der Wasseroberfläche eines Sees aus wahrgenommen, ausgelöst hatte. Sängerin Hannah Engels stellte im Anschluss ihrer Darbietung „Schrei nach Liebe“ (1993, Punkrock-Band Die Ärzte) eine ungewöhnliche Frage: Können Neonazis in den Himmel kommen?

Alle Vorträge waren so nachdenklich wie lebendig, frei erzählt. Eine interessante demokratische Herangehensweise an eine Andacht nur durch die Gemeinde. Der Pastor hatte an dem Sonntag frei. Schönes Erlebnis dazu: die alten Männersongs mal im Gewand einer Frauenstimme hören zu können.

Das Thema Himmel bietet viel Raum für weitere Projektionen. Es sei an den Wenders-Film: „Der Himmel über Berlin“ mit Otto Sander und Bruno Ganz von 1987 erinnert. Einer der beiden Engel verliebt sich in eine Zirkustänzerin. Er ist bereit, für sie seine Unsterblichkeit aufzugeben.

Ergänzend bekannte ältere Melodien mit Himmelsbezug:

  • „Die Liebe ist eine Himmelsmacht“ (aus Operette: Der Zigeunerbaron, 1885, Johann Strauss (Sohn)
  • „Cheek To Cheek“ (aus Film: Ich tanze mich in dein Herz hinein, 1935, Fred Astaire & Ginger-Rogers)
  • „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein“ (Film: Sieben Ohrfeigen, 1936, Willy Fritsch & Lilian Harvey)

Text und Fotos: Michael Becker

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Kommentar

  1. Avatar von eimaeckel

    Ein einfühlsamer Bericht, vielen Dank

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